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Comic-Genie Moebius ist tot: Der Mann, der Welten im Traum erschuf

Von Denis Krick

Science-Fiction-Klassiker wie "Tron" oder "Alien" hätten ohne sein Design anders ausgesehen, doch seinen legendären Ruf erwarb sich Jean Giraud als Schöpfer phantastisch-futuristischer Comic-Welten. Jetzt ist der als Moebius bekannte Zeichner gestorben.

Zeichner Jean Giraud: Meilensteine der Science-Fiction Fotos
ddp images

Es ist noch nicht lange her, da kassierte mancher Deutschlehrer mit diebischer Freude die Comics seiner Schüler ein und zitierte genüsslich daraus. "Bang", "Boom" oder "Knarz" sagte er und es war ihm egal, dass die Lautmalereien ohne die dazugehörigen Bilder sinnlos waren. Er wollte einzig beweisen, dass die Sprechblasen-Hefte Schund sind.

Solche Lehrer gehören heutzutage der Vergangenheit an - oder leben in ihr. Comics sind als Kunstform akzeptiert, gelten als wertvolles Kulturgut. Der Dank dafür gebührt Künstlern wie Jean Giraud. Der französische Zeichner hat mit seinen Bildern jahrzehntelang die Szene geprägt und die Grenzen des Genres gesprengt. Unter dem Künstlernamen Moebius veröffentlichte Giraud Meilensteine der Science-Fiction - und beeinflusste mit seinem Stil Zeichnerkollegen und Heerscharen von Filmemachern.

Der 1938 geborene Giraud bezeichnete sich selbst als "natural born drawer" - als geborener Zeichner. Das war keine Übertreibung. Bereits als 16-Jähriger studierte er angewandte Kunst, malte erste Comics und machte sich schnell als Illustrator einen Namen.

Ein Cowboy als Held der 68er

Seinen Durchbruch feierte Giraud jedoch nicht mit Science-Fiction, sondern mit einem Western. Als junger Comic-Zeichner entwickelte der Pariser Anfang der sechziger Jahre zusammen mit dem Autor Jean-Michel Charlier für das französische Magazin "Pilote" die Figur des Leutnant Blueberry. Die Serie über einen trinkfesten Soldaten, der nach dem amerikanischen Bürgerkrieg im Südwesten der USA merkwürdige Abenteuer erlebt, wurde ein Hit. Der unkonventionelle Cowboy erfreute sich großer Beliebtheit in der 68er-Bewegung.

Anfang der siebziger Jahre legte sich Giraud das Pseudonym Moebius zu und wechselte das Genre. Statt Cowboys, Indianer, weite Wüsten und wilde Pferde zu zeichnen, widmete er sich unter seinem neuen Namen Raumschiffen, Sternenkriegern, fernen Welten und unendlichen Weiten. Zusammen mit anderen Autoren und Zeichnern gründete er 1975 das Comic-Magazin "Métal Hurlant" - und veröffentlichte dort seine Werke "Arzach" und "Die hermetische Garage des Jerry Cornelius". Die futuristischen Geschichten waren sperrig zu lesen, die Handlung war verwirrend - aber optisch fesselnd.

Er sei kein Literat, sagte Giraud einmal in einem Interview - sondern Maler. "Ich habe eine Menge Ideen und Träume, aber schaffe es nicht, sie in Geschichten umzusetzen." Deshalb entstanden wohl auch die besten seiner Werke im Team mit anderen.

Unendliche Weiten auf Papier

Beispielhaft hierfür ist die Serie "John Difool". Die Abenteuer des abgewrackten Privatdetektivs, der in einer düsteren Zukunft zum Spielball finsterer Mächte wird, waren eingängig erzählt, komplex konstruiert und wurden schnell zum Klassiker. 1980 erschien der erste Band der Serie, für die der Chilene Alejandro Jodorowsky die Geschichten lieferte. Regisseur Luc Besson zeigte sich später von dem Comic so sehr inspiriert, dass er sich für seinen Film "Das fünfte Element" (1997) nicht nur hemmungslos am Plot bediente, sondern Giraud gleich als Produktionsdesigner anheuerte.

Besson war nicht der einzige große Regisseur, der auf die Ideen von Giraud baute. Der Comic-Zeichner entwarf unter anderem für Ridley Scotts "Alien" (1979) die Raumanzüge und für den Klassiker "Tron" (1982) sämtliche Kostüme sowie das Filmset. Mit dem Animationsfilm "Herrscher der Zeit" brachte er Anfang der achtziger Jahre sogar sein eigenes Drehbuch auf die Leinwand. Und auch sein Westernheld "Leutnant Blueberry" wurde 2004 mit Vincent Cassel in der Hauptrolle verfilmt.

Girauds große Stärke waren seine schier unzähligen Visionen - und das Talent, sie in einzigartiger Weise aufs Papier zu bringen. Mit wenigen Zeichenstrichen kreierte er komplexe Welten. Welten, die selbst in kleinen Heften unendlich groß erschienen. Dünkelhafte Deutschlehrer dürfte er damit überfordert haben. Für Menschen ohne Fantasie war Giraud nichts. Für alle anderen war er ein Genie.

Jean Giraud starb nach langer Krankheit am Samstag in Paris. Er wurde 73 Jahre alt.

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