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Comic "Hilda und der Mitternachtsriese": Gestatten, Welteroberin!

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Comic "Hilda und der Mitternachtsriese": Mit forscher Neugier durch die Welt Fotos
Reprodukt/ Luke Pearson

Fünf Jahr', blaues Haar: Die kleine Hilda ist die Heldin eines der schönsten Comics der vergangenen Jahre. Jetzt erscheint "Hilda und der Mitternachtsriese" endlich auf Deutsch - und bringt dem melancholisch-verspielten Zeichner Luke Pearson hoffentlich auch hierzulande viele Fans.

Schlicht "17 x 23" hieß die Heftserie, die der britische Comic-Verlag Nobrow 2010 ins Leben rief. Im kleinen Format - eben auf 17 mal 23 Zentimetern - sollten sich junge Zeichnerinnen und Zeichner vorstellen können. Ein greller Strip über die mythische Schlange Ouroboros war bei den ersten Heften dabei, ebenso eine melancholische Geschichte übers das Leben nach dem Tod als Geist und dann noch - fast wie dazwischen geschmuggelt - "Hildafolk", die Geschichte eines kleinen, lauten, blauhaarigen Mädchens, das mit seiner Mutter in einem Holzhaus wohnt und von einer Natur voller Steintrolle und Wassergeister umgeben ist.

Dass mit "Hildafolk" Nobrows größte Erfolgsgeschichte beginnen sollte, war damals nicht abzusehen. Wenn jetzt aber, nach einer französischen Ausgabe, Hildas zweites Abenteuer "Hilda und der Mitternachtsriese" auch auf Deutsch erscheint, dann steht fest: Auf 17 mal 23 Zentimetern hat eine kleine Welteroberung begonnen.

Es ist aber auch schwer, sich Hildas Zauber zu entziehen. Durch ihre riesigen Augen und auf ihren strichdünnen Beinen erkundet man eine verwunschene Landschaft, die lauter Überraschungen in Form von fliegenden Riesen oder fröstelnden Holzmännern bereithält. Hilda begegnet ihnen allen mit forscher Neugier. Manchen Kreaturen gegenüber - zum Beispiel den Steintrollen - hegt sie zwar so ihre Vorurteile. Doch in Hildas Welt gibt es eigentlich nichts, was nicht auf den zweiten Blick ebenso gutmütig ist wie sie selbst.

Trotzdem beginnt "Hilda und der Mitternachtsriese" mit einer Kriegserklärung. Durch die Fenster des Hauses von Hilda und ihrer Mutter fliegen Steine, auf dem Tisch landen winzige Drohbriefe: Das Haus sei innerhalb einer Woche zu räumen, sonst würde es zerstört. Nur durch Zufall findet Hilda heraus, wer hinter den Briefen steckt: eine winzige, für das menschliche Auge kaum erkennbare Dorfgemeinde, die rund um Hildas Zuhause angesiedelt ist. Nein, falsch, auf deren Grundstück Hildas Zuhause unrechtmäßig gebaut wurde. Empört über die Drohungen der Winzlinge macht sich Hilda auf den Weg zu deren König, um ihm mitzuteilen, dass ihr Haus gefälligst in Ruhe gelassen werden soll. Aber was spricht eigentlich genau dafür, dass die Großen den Kleinsten weiterhin das Dorf zertrampeln dürfen?

Lieber sprechende Vögel als Menschen

Begegnung und Versöhnung mit dem Fremden - dieses Motiv zieht sich durch alle drei "Hilda"-Bände, die Zeichner Luke Pearson bislang bei Nobrow veröffentlicht hat. Auf melancholische Zwischentöne verzichtet er dabei nicht - die Liebesgeschichte des Mitternachtsriesen gelingt ihm etwa herzzerreißend traurig. Wer seine Graphic Novel "Everything We Miss" (ebenfalls Nobrow) kennt, weiß aber, dass Pearson noch viel tiefer in schwermütige Regionen vorstoßen kann.

In "Everything We Miss", einem Band, der im Gegensatz zu Hilda allein für Erwachsene geeignet ist, erzählt Pearson von einem jungen Mann, dem die Beziehung entgleitet. Er findet keinen Zugang mehr zu seiner Freundin und letztlich auch nicht mehr zur Welt an sich. Um ihn herum passieren skurrilste Dinge - Bäume fangen an zu tanzen, spektakuläre Insektenarten statten seiner Wohnung einen Besuch ab -, doch vor lauter Trauer um die verlorene Liebe bekommt der junge Mann davon gar nichts mit. Ein Gefühl von Isolation macht sich breit und scheint schließlich nicht nur das Leben des Mannes zu bestimmen, sondern die Conditio humana schlechthin zu sein.

Sieht man sich die Hilda-Bücher - vor allem den dritten Band "Hilda and the Bird Parade" (bislang nur auf Englisch) - genauer an, dann fällt auf, dass auch sie nicht besonders gut mit Menschen kann. Lieber als ein gleichaltriges Kind hat Hilda einen sprechenden Vogel an der Seite. In ihren Abenteuern schwingt deshalb immer auch ein Moment der Verlorenheit mit. Genau diese Mischung aus Einzelkämpferin und Eroberin dürfte aber den Reiz der Figur ausmachen, denn schiere Niedlichkeit verbraucht sich schnell. Hilda ist auf sich gestellt, wenn sie die Welt erkundet. Als Rückendeckung kann sie allerdings auf eine wachsende Schar von Fans zählen.


"Hilda und der Mitternachtsriese", Reprodukt, 44 Seiten, 18 Euro

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