Neue Comics: Die letzte Hoffnung der Superhelden 

Von Jörg Böckem

Die klassischen Recken wie Superman, Batman und Spider-Man sind großenteils zu Merchandise- und Marken-Vehikeln verkommen. Neue Comics zeigen, wie aufregende Superhelden mit Substanz heute aussehen können.

Neue Comics: Heldendämmerung Fotos
Panini/ Millar/ Yu

Es gibt Geschichten, von denen kann Superman nur träumen. Geschichten, in denen der Superheld Abenteuer von einer existentiellen Wucht erlebt, die den Leser noch wirklich mitreißen.

Simon ist zwölf Jahre alt, sein Leben ist beschissen. Er leidet an multipler Sklerose. Seit die Krankheit die Verbindung zwischen seinem Gehirn und seinen Muskeln zersetzt, sitzt er im Rollstuhl, auf einem Auge ist er blind, an manchen Tage fällt ihm sogar das Sprechen schwer. Es ist noch nicht allzu lange her, da gehörte er zu den talentiertesten Basketballern seiner Schule, beliebt, erfolgreich. Doch das war in einem anderen Leben. Sein neues erscheint ihm wenig lebenswert. Nur ein einziger Freund ist ihm geblieben, die Tage verbringt er vor dem Computer oder im Kino. Eines Nachts ändert sich alles - ein außerirdischer Affe in einem Raumanzug erscheint an seinem Bett und bietet ihm an, seinen größten Wunsch zu erfüllen. Er verwandelt den kranken Jungen in Superior, Simons liebsten Comic-Superhelden. Aber der Preis, den Simon zahlen soll, ist hoch.

Seit die Brüder Eric und Hugh Forster in der Highschool Sam Knowles vor rassistischen Schlägern beschützten, sind die drei enge Freunde. Während Hugh Karriere gemacht und seine Jugendliebe geheiratet hat, haben sich Sam und Eric treiben lassen und arbeiten als Paketzusteller. Mehr und mehr laufen die Lebenswege der Brüder auseinander, vor allem Eric leidet darunter. Eines Nachts explodiert das Apartmenthaus, in dem er wohnt. Aus unerklärlichen Gründen überlebt er unverletzt in den Trümmern und erkennt, dass er gottgleiche Kräfte besitzt. Der gutmütige und freundliche Eric wird zu einem Superhelden, dem ersten und einzigen. Er versucht, die Welt besser zu machen. Bis er nach und nach die Bindung zu den Menschen, ihren Gefühlen, Gesetzen und Moralvorstellungen verliert.

Die Polizistin Deena Pilgrim wird auf eigenen Wunsch in eine Spezialabteilung des Morddezernats versetzt. Ihr neuer Partner, Detective Walker, ein Einzelgänger mit mysteriöser Vergangenheit, ist für Fälle zuständig, in die die Gemeinde der Übermenschen, Helden und Schurken verstrickt ist. Als Retro Girl, eine der beliebtesten Superheldinnen, ermordet wird, beginnen die beiden zu ermitteln, und Walkers Verbindungen zur Welt der Superhelden werden nach und nach enthüllt.

Tod und Wiedergeburt, alle Jahre wieder

Ein behinderter Junge, der vor Entscheidungen steht, die er kaum zu treffen vermag; ein netter Kerl, den gottgleiche Macht seiner Menschlichkeit beraubt; ein ehemaliger Superheld, der die Welt, in der er einmal gelebt hat, nur noch von außen betrachten kann: Die Autoren Mark Millar ("Superior"), John Arcudi ("A God Somewhere") und Brian Michael Bendis ("Powers") zeigen, wie aufregende Superhelden-Comics mit Substanz heute aussehen können.

Die Klassiker des Genres wie Superman, Batman, Spider-Man oder die X-Men, so scheint es, haben sich überlebt. Nur selten noch gelingt es einem Autor, den mit jahrzehntelanger Vergangenheit beladenen Figuren eine zündende Geschichte auf den Leib zu schreiben. Die Verlage behelfen sich mit Tod und Wiedergeburt, alle Jahre wieder werden ganze Superheldenuniversen mit großem Getöse umgebaut, selten mit durchschlagendem Erfolg. Die alten Recken taugen oft nur noch als Marke, als Merchandise-Vehikel für Hollywood-Filme und Videospiele.

Naheliegend, dass Autoren wie Millar, Arcudi und Bendis, die zu den besten des Genres gehören, ihre Geschichten und Charaktere immer wieder jenseits von epischen Schlachten und abseits von Gotham, Metropolis und den anderen Hochburgen alteingesessener Helden finden. Sie rücken in unterschiedlicher Weise und mit verschiedenen Perspektiven die Menschen in den Vordergrund.

Millar variiert und modernisiert in der Geschichte des MS-kranken Jungen das klassische Motiv "Pakt mit dem Teufel", Arcudi widmet sich in seinem Werk über die ungleichen Brüder der Frage, wie gottgleiche Macht einen Mann und sein Umfeld verändert, mit verstörenden Ergebnissen. Und Bendis befasst sich in seiner schon vor zehn Jahren in den USA und jetzt mit unentschuldbarer Verspätung in Deutschland erschienenen Serie mit dem Spannungsfeld zwischen Mensch und Übermensch und dessen medialer Aufbereitung. Sicher, ganz neu ist all das nicht. Aber diese drei Werke beweisen, dass die Superhelden, die unverzichtbar zur DNA des Comic-Genres gehören, immer noch eine Existenzberechtigung haben.

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1.
possumgfx 09.04.2012
Zitat von sysopDie klassischen Recken wie Superman, Batman und Spider-Man sind großenteils zu Merchandise- und Marken-Vehikeln verkommen. Neue Comics zeigen, wie aufregende Superhelden mit Substanz heute aussehen können. Neue Comics: Die*letzte Hoffnung*der Superhelden* - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,826010,00.html)
Toller Artikel, der Lust auf mehr macht. Eine kleine Anmerkung vielleicht: Sicherlich grosses Vorbild für diese Generation von Superheldencomis ist "Watchmen" von Moore/Gibbons, das ebenfalls die Anwesenheit von Menschen mit Übernatürlichen bzw. scheinbar übernatürlichen Kräften auf unsere Gesellschaft beleuchtet und auch von Hollywood verfilmt worden ist.
2. Nicht neu, aber interessant
symeon arkham 09.04.2012
Zitat von possumgfxToller Artikel, der Lust auf mehr macht. Eine kleine Anmerkung vielleicht: Sicherlich grosses Vorbild für diese Generation von Superheldencomis ist "Watchmen" von Moore/Gibbons, das ebenfalls die Anwesenheit von Menschen mit Übernatürlichen bzw. scheinbar übernatürlichen Kräften auf unsere Gesellschaft beleuchtet und auch von Hollywood verfilmt worden ist.
An Watchmen muss ich besonders ebi "God" denken, denn die Geschichte von Dr. Manhatan ist nicht ganz unähnlich. Wie der Artikel bereits treffend sagt, ist das alles nicht neu. Die Geschichten werden immer wieder auf unterschiedliche Weise, anden Zeitgeist angepasst, erzählt. Die alten Helden deshalb zu langweiligen Merchandise-Vehikeln zu erjklären, halte ich für übereilt. Nemesis und KickAss zeigen doch, dass Millar ständig "neue" Figuren erschaffen muss, da er seine Erfindungen nicht langfristig interessant halten kann. Auf der anderen Seite lassen sich noch immer unterschiedliche und spannende Superman-Geschichten erzählen. Das kommt eben immer auf den Autor an und nur bedingt auf die Figur.
3. es passt irgendwie...
ginfizz53 09.04.2012
... die neuen comics im stile einer Roy-Lichtenberg-Rezension zu besprechen, verbunden mit der überschäumenden freude darüber, dass jetzt politisch korrekte themen eingebaut werden ("beschützen mitschüler vor rassistischen Schlägern"). Dumm nur, dass das an der - eigentlichen - zielgruppe vollkommen vorbeigeht. Beides erinnert daran, wie sendungsbewusste deutschlehrerinnen im Unterricht "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl..." lesen lassen. Mit der betonung auf "lassen", von selbst würden die schüler hier nie zugreifen. schon zu unserer schulzeit waren die damaligen comics beim bildungsbürger verpönt. Diese Einstellung verbunden mit prohibitiven preissteigerungen (nix mehr mit "Groschenheftchen") hat zum niedergang aller comic-genres geführt. Ach wenn sich doch die kinder heute noch um micky-maus-hefte prügeln würden. die beklagenswerten rechtschreibschwächen wären geringer. Aber nein, es soll ja belehren, künstlerisch sein und landet deshalb als hochpreis- und hochglanzausgabe im regal eines mittelalten yuppies... Oder sollte gerade dies die zielgruppe sein...
4. Also wenn Mark Millar eins nicht ist...
saarstudentin 09.04.2012
... dann ein guter Autor. Es stimmt schon, es scheint schwierig zu werden, so alte Figuren noch interessant zu gestalten. Das scheint mir vor allem dran zu liegen, dass ständig Leute an den Figuren rummurksen, die sie einfach nicht LIEBEN. Ich habe um die Jahrtausendwende viele (DC-)Comics gelesen und damals gab es unglaubliche epische Storys. Dann musste ich aufhören, weil es finanziell zu viel wurde. Ich habe aber versucht, die Entwicklung weiterhin zu beobachten und war mehr als einmal entsetzt. Nicht nur wurde das ganze Universum, mit dem ich großgeworden war und das ich vollkommen durchblickte, wieder auf einen Stand von vor 25 Jahren versetzt, nicht nur kehrten seit Jahrzehnten tote Helden, mit deren Tod man sich abgefunden hatte wieder, nein, plötzlich gab es bunte Lanterns! Und einen toten Batman, eine Wonder Woman im neuen Kostüm, und sogar einer meiner Lieblingshelden, seit 70 Jahren aktiv, wurde plötzlich böse. Es ist einfach nicht mehr dasselbe. Lieber lese ich zum 10. Mal den Grant Morrison JLA Run, als mir auch nur ein neues Heft zu kaufen. Ich würde ohnehin nichts mehr verstehen... und das ist das Problem. Die Autoren WÜRDEN vielleicht gute Storys liefern, wenn sie sich nicht mit der Altlast von 70 Jahren rumplagen müssten - die sich dann auch noch ständig ändert!
5.
Arno Nühm 09.04.2012
Zitat von saarstudentinNicht nur wurde das ganze Universum, mit dem ich großgeworden war und das ich vollkommen durchblickte, wieder auf einen Stand von vor 25 Jahren versetzt, nicht nur kehrten seit Jahrzehnten tote Helden, mit deren Tod man sich abgefunden hatte wieder, nein, plötzlich gab es bunte Lanterns! Und einen toten Batman, eine Wonder Woman im neuen Kostüm, und sogar einer meiner Lieblingshelden, seit 70 Jahren aktiv, wurde plötzlich böse.
Und das ist nicht zum ersten Mal und auch nicht zum letzten Mal passiert. Auch Ihr geliebtes Universum war schließlich nur eine fragwürdige Neuinterpretation des Orginalstoffs. Aus künstlerischer Sicht hätte man diese Serien schon vor Jahrzehnten auslaufen lassen sollen aber eine einträgliche Kuh muss eben solange gemolken werden, wie sie noch Milch gibt
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