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Comic-Künstler Simon Hanselmann: Sex, Drugs und Depression

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Comics von Simon Hanselmann: Selbstausbeutung oder Kunsttherapie? Fotos
Avant-Verlag

Berichte aus der kaputten Welt einer WG: Die Geschichten des australischen Zeichners Simon Hanselmann erzählen vom Exzess - und von Depressionen. Sie sind sein Versuch, die eigenen Dämonen los zu werden.

Tasmanien ist kein schöner Ort für Kinder. Wenn der Biker-Vater einen sitzen lässt und man mit der drogenabhängigen Mutter in einer tasmanischen Kleinstadt aufwächst, dann stehen einem nicht viele Wege offen.

Schon als Teenager fühlte sich Simon Hanselmann nicht so recht zugehörig und grübelt über seine sexuelle Identität. Nicht gerade einfach in einer Umgebung, die klare Rollenbilder propagiert. Auch nicht einfach mit einer Mutter, die ständig homophobes Zeug von sich gibt. Es sollte noch Jahre dauern, bevor Hanselmann sein Coming-out als Crossdresser hatte; nicht zufällig zeitgleich mit seinem Erfolg als Comiczeichner der "Megg und Mogg"-Serie.

Der junge Hanselmann rettete sich in die Welt der Fernsehserien und Comics: Anfangs waren es Klassiker wie "Asterix" oder "Tim und Struppi". Irgendwann entdeckt er die Underground-Szene, Zeichner wie Chester Brown. "Sie waren meine Rettung", sagt Hanselmann heute. Als Achtjähriger zeichnet er seine eigenen Comicstrips, kopiert sie im örtlichen Copyshop, verkauft sie auf dem Spielplatz an seine Freunde. Er sucht sich andere Außenseiter, bricht mit 15 die Schule ab und zieht, wie jeder, dem die White-Trash-Enge zu beschränkt ist, nach Melbourne.

Ein Abgrund namens WG

Das Internet schließlich verhilft Hanselmann zu seinem heutigen Ruhm. Seine auf Tumblr veröffentlichten Comics verbreiten sich in Windeseile, besonders die amerikanische Comicszene wird auf ihn aufmerksam. Am Tag vor seinem 31. Geburtstag unterzeichnet er einen Vertrag mit einem großen Comicverlag.

Seitdem haben ihn seine abgründigen WG-Geschichten um die ganze Welt gebracht, nicht zuletzt, weil sie regelmäßig im "Vice"-Magazin erscheinen. In Madrid warten 200 Leute bei seiner Signierstunde, die englischsprachige Ausgabe ist schon mehrfach neu aufgelegt worden. "Es ist eigentlich total surreal", sagt der Zeichner, "ich hätte nie gedacht, dass ich mal aus Australien herauskomme."

Die Abenteuer von "Megg, Mogg und Eule" sind keine leichte Kost. Depressionen treiben die Hexe Megg um, sie verdrängt viele Sorgen im Drogenrausch. Wer das nur witzig findet, kennt die Geschichten dahinter nicht. Hanselmann selbst beschreibt seine Figuren als "furchtbare Charaktere, die einander schreckliche Dinge antun. Aber sie repräsentieren oft einen Teil von mir, den depressiven, aggressiven oder perversen."

Eine der umstrittensten Episoden handelt von einer Vergewaltigung der Eule. Viele Fans meinen, damit habe Hanselmann eine Grenze überschritten. Doch auch dieser Strip basiert auf einer echten Begebenheit. Der Cartoonist verteidigt sich: Wer fände, die Handlungen hätten für die Figuren keine Konsequenzen, der habe die Geschichte nicht zu Ende gelesen.

Jeder neue Nervenzusammenbruch oder Rückfall seiner Mutter nehme ihn mit, aber: "Gleichzeitig denke ich: super neues Material für meine Comics!" Was Hanselmann mit seinen Geschichten betreibt, ist eine paradoxe Form der Selbstausbeutung - oder eine wirksame Kunsttherapie.

Das gipfelte in Hanselmanns Hochzeit mit dem Genre Comics: Brautkleid, Hochzeitstorte, ein Zungenkuss mit seinem amerikanischen Verleger. Hanselmann selbst beschreibt es in seinem sarkastischen Ton als perfekte Mischung aus "wundervoller, ernst gemeinter Zeremonie und eiskalt kalkuliertem Publicity Stunt". Aber der Hype um seine Auftritte mit Perücke und Kleid wurde ihm zu viel.

Die eigene Gender-Identität ist schließlich auch etwas sehr Privates. Hanselmann setzt sich damit weiterhin auseinander. Deshalb ist er auf seiner Deutschland-Tour mit kurzgeschorenem Haar und Militärjacke unterwegs. Er will sich nicht festlegen lassen, "auch wenn viele Fans tatsächlich enttäuscht sind, wenn sie mich so sehen".

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1. Ein Comic wie die Droge, von der er handelt:
kulturmagazintitel 24.06.2015
Nicht so harmlos, wie man glaubt... Hier liegt auch der kritische Moment für die Leser. Wer mangels eigener Erfahrung an Geschichten aus dem Kiffer- und Drogenmilieu nicht so richtig anknüpfen kann, und wer dennoch nicht nur bittere Schadenfreude, sondern auch Empathie für den armen Eule aufbringt, der könnte Megg und Mogg trotz ihrer naiven optischen Erscheinung irgendwann so widerlich finden, dass er sich vielleicht gar nicht weiter mit deren Leben auseinandersetzen möchte...
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