Comic-Legende Goscinny: Asterix ist überall

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Mit dem Namen René Goscinny verbindet man vor allem Asterix und Lucky Luke. Doch der 1977 verstorbene Comic-Autor erschuf auch den Kinderbuchklassiker "Der kleine Nick". 80 verschollen geglaubte Geschichten um den Schulhof-Lausbub erscheinen nun erstmals auf Deutsch.

Den kleinen Gallier hat René Goscinny zusammen mit Albert Uderzo in den späten Fünfzigern geschaffen und bis zu seinem frühen Tod 1977 als Autor begleitet. Aber der Liebling der Leser war lange Zeit noch jemand anderes - noch ein wenig unscheinbarer, aber ebenso gewitzt. Er führt das "klein" zwar im Namen, ist es aber ebenso wenig wie sein Bruder im Schöpfergeiste, Asterix: "Der kleine Nick", jener permanent staunende Lausbub, den Goscinny zusammen mit Sempé geschaffen hat.

Comic-Autor Goscinny (in den siebziger Jahren): Witz ohne Verfallsdatum
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Comic-Autor Goscinny (in den siebziger Jahren): Witz ohne Verfallsdatum

Zuerst erschien Nicks Abenteuer als Comic, später als illustrierte Kurzgeschichten. Sogar noch mehr Leserpost als zu "Asterix" soll er erhalten haben. Von Kindern, Eltern, Lehrern, Omas und Opas - im Grunde von ganz Frankreich. Preise gab es für ihn auch. Und das über Jahrzehnte hinweg, als sich die Reihe von Kinderbüchern zu ihrem ganz eigenen Siegeszug aufmachte, und einfach nicht im übermächtigen Schatten des gewitzten Galliers verschwinden wollte.

Eigentlich ist es ja auch nie ein Wettstreit gewesen, denn im Grunde sind Goscinnys Figuren alle miteinander verwandt. Nicht im Blut, aber im Charakter. Und so sind jene neu ausgegrabenen "Nick"-Geschichten, die dieser Tage im Schweizer Diogenes Verlag erscheinen, ein Fest nicht nur für Liebhaber der Bücher, sondern auch für die Fans von "Asterix", von "Lucky Luke", von "Isnogud" und all den anderen Figuren, denen Goscinny Witz und Leben eingehaucht hat.

Richtig verschollen waren sie indes nie. Und vor allem nicht - anders als vom Verlag behauptet - unpubliziert. Ab 1956 hatten Autor Goscinny und Zeichner Sempé regelmäßig Episoden von "Le petit Nicolas" veröffentlicht, zuerst in der Jugendzeitschrift "La Moustique", ab 1959 dann in der etwas größeren Tageszeitung "Soud-Ouest", sowie parallel in diversen Magazinen und Zeitungen. Die kreative Partnerschaft hielt bis 1964, als sich Sempé neuen kreativen Ufern zuwandte.

Prachtband "Neues vom kleinen Nick": Zurück in die Kindheit

Prachtband "Neues vom kleinen Nick": Zurück in die Kindheit

Auch Goscinny war damals zunehmend ausgelastet - als Autor unzähliger Comicserien, als Chefredakteur des Magazins "Pilote" und nicht zuletzt als "Asterix"-Schöpfer, der spätestens ab 1965, mit der Veröffentlichung der Episode vom "Kampf der Häuptlinge" zum Medienstar avancierte.

Ein Teil der "Nicolas"-Geschichten erschien in dieser Zeit gesammelt und begründete den eigentlichen Ruhm der Figur. Aber noch einmal fast die gleiche Menge Episoden blieb ungebunden und verstaubte im Archiv der Magazine. Vor allem die frühen 28 Comic-Episoden liegen bis heute nicht in gesammelter Form vor. Aber eben auch jene 80 Geschichten nicht, die jetzt den Inhalt des Bandes "Neues vom kleinen Nick" bilden.

Es ist ein sehens-, vor allem aber lesenswertes Buch geworden. Ein dicker Wälzer, mit 650 reichhaltig illustrierten Seiten. Es ist, als ob man noch einmal zur Schule ginge. Wie ein Blick zurück in ruhigere Zeiten wirken die Schulhof- und Klassenraum-Episoden, in denen noch ganz ohne Taschenrechner gerechnet wird und wo das Spielzeug-Feuerwehrauto den Neid der anderen Schüler erregt, nicht die PSP. Wenn Nicks Familie erstmals einen Fernseher bekommt oder die Jungs Cowboyfilme im Kino sehen, dann ist man mitten drin in jenem altertümlichen, aber zeitlosen Kontinuum, in dem nur die besten Bücher spielen.

Goscinny-Held Lucky Luke: Philosophierende Pferde
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Goscinny-Held Lucky Luke: Philosophierende Pferde

Diese Geschichten wirken antiquiert - aber im positiven Sinne: Sie haben Patina angesetzt, aber sie sind trotzdem nicht veraltet. Das liegt natürlich am Humor von Goscinny. Der dringt scheinbar mühelos durch die Jahrzehnte. Da ist es egal, ob man einen "Nick" aufschlägt oder einen "Asterix". Goscinnys Witz hat kein Verfallsdatum.

Das Geheimnis liegt in der Verspieltheit. Stets etwas distanziert, hat man es nicht mit Geschichten zu tun, sondern mit der Darstellung von Geschichten. In Goscinnys "Lucky Luke"-Bänden etwa begegnet man, trotz aller historischen Akkuratesse, philosophierenden Pferden und denkenden Hunden (oder was man bei Rantanplan halt 'denken' nennen kann). Keine Kugel trifft je einen Menschen - aber die Gewehre machen brav "paff". Isnogud, der Kalif werden will anstelle des Kalifen, ist doch eigentlich nur sauer, dass er nicht Anführer der Bande sein darf. Und in "Asterix", egal was passiert, läuft es stets auf die finale Rauferei hinaus.

Das ist wie auf dem Schulhof, wie Kinder, die Cowboy und Indianer spielen oder tapfere Gallier gegen doofe Römer. Nick, das ist irgendwie auch Asterix, und der dicke Otto, der immer essen muss, das ist irgendwie Obelix. Die Welt ist keine Bühne, aber ein Schulhof, auf dem sich prächtig toben und phantasieren lässt.

Auch wegen dieser Leichtigkeit ist Goscinny selbst fast 30 Jahre nach seinem Tod so beliebt wie kaum ein anderer Comicschaffender. Dabei stammen von ihm fast immer "nur" die Texte der Episoden, also der bei weitem unscheinbarere Teil des Comicschaffens. Aber ihre Wirkung ist nachhaltig. Vor kurzem erst begann der Ehapa Verlag eine "Lucky Luke"-Gesamtausgabe im edlen Hardcover, redaktionell aufwendig betreut und mit einigen kaum bekannten Episoden der Serie angereichert.

Fast noch druckfrisch ist auch die Neuauflage von "Pitt Pistol". Der "unglaubliche Korsar" war eines der gemeinsamen Frühwerke von Goscinny und Uderzo vor "Asterix". Eine charmante Fingerübung der beiden, die später mit den ewig versenkten Piraten in "Asterix" die vielleicht sympathischste Losertruppe des Comics neben den Panzerknackern schuffen.

Nicht zuletzt erscheint Mitte Oktober ein neuer "Asterix"-Band. Zwar werden die Geschichten schon seit langem von Uderzo im Alleingang produziert und die Episoden von Mal zu Mal flacher, dünner und chauvinistischer im Ton. Und doch strahlt der Glanz der alten Zeiten bis in die Gegenwart und reicht, um auch diesen neuen Band zu einem Medienspektakel sondergleichen werden zu lassen. In 28 Ländern parallel erscheint "Gallien in Gefahr" (bzw. "Ihm fällt der Himmel auf den Kopf", wie der Originaltitel orakelt). Gallien mag in Gefahr sein. Aber der Schulhof des kleinen Nick ist es nicht.


Goscinny & Sempé: "Neues vom kleinen Nick". Diogenes Verlag, Zürich 2005. 650 Seiten, 24,90 Euro

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