Webcomic "Nimona" "Das war lustig! Was machen wir jetzt?"

Sie verwandelt sich in einen Hai oder Hamster. Meistens geht die Rothaarige aber dem bösen Ritter auf den Geist. Noelle Stevenson hat "Nimona" als Fantasy-Parodie fürs Netz ersonnen - nun gibt es den Webcomic auch als Buch.

Splitter Verlag

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Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Mal was Neues: ein Webcomic. Ein wirtschaftlich erfolgreicher Webcomic, sollte man vielleicht noch dazu sagen, das ist ja im Internet nicht selbstverständlich. Und erfolgreich heißt hier nicht "Kriegt ein paar Werbekröten", sondern: "Filmrechte verkauft", an die 20th Century Fox. Und natürlich auch "Buchrechte verkauft", der Erfolg für manch Digitales besteht ja nach wie vor darin, dass man es in die echte Welt schafft.

"Nimona" heißt der Comic, jetzt ist er im Splitter Verlag auf Deutsch erschienen. Vorweg: Er ist ziemlich kurzweilig, und man lernt daraus einiges über die Unterschiede zwischen Webcomics und Weltcomics. Die sind erheblich, auch wenn man es auf Anhieb nicht sieht.

Denn "Nimona" wirkt mit 260 Seiten wie eine eher normale Graphic Novel. Die Geschichte beginnt als Fantasy-Parodie: Wir sind in einer mittelalterlichen Zukunft, in der Ritter mit Schwert und Rüstung sich in Burgen und Fachwerkhäusern mit Bildschirmtelefonen unterhalten.

Es gibt einen guten blonden Ritter und einen finsteren bösen Ritter, bei dem es eines Tages an der Tür klingelt. Draußen steht ein rothaariges stämmiges Mädchen namens Nimona, das sich ihm als Helferlein aufdrängt, weshalb der böse Ritter seine Schurkereien ab sofort mit dieser Nervensäge am Bein durchführen muss. Das Mädchen hat allerdings einen Vorteil: Es kann seine Gestalt beliebig verändern, in alles vom Hai bis zum Hamster.

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Noelle Stevenson:
Nimona

Splitter Verlag/Minisplitt; 272 Seiten; 19,95 Euro.

Die amerikanische Eisner-Award-Gewinnerin Noelle Stevenson, 24, hat die eigenwillige Geschichte seit 2012 schrittweise gezeichnet und im Internet veröffentlicht, noch während ihres Kunststudiums. Es gab regelmäßige Update-Tage, zu denen die neue Folge online gestellt wurde.

Die Konsequenzen liegen auf der Hand: Es gibt mehr Freiheiten, weil kein Verlag kommerzielle Anforderungen hat. Weil Aufmerksamkeit hier die einzige Belohnung des Künstlers ist, darf er in der Unterhaltsamkeit möglichst nicht nachlassen. Und anders als ein in Fortsetzungen gedruckter Roman oder auch eine Staffel von "Breaking Bad" ist die Geschichte bei Veröffentlichung weder abgeschlossen noch fertig. Probleme, die sich beim Erzählen ergeben, muss man auch beim Erzählen reparieren - was bedeutet, dass man mit manchen Mängeln dann einfach leben muss.

Störende Parodie-Elemente werden einfach über Bord geschmissen

Das Hauptproblem von "Nimona" ist dabei der Anfang als Parodie: Ritter, die gut und böse sind, weil es in ihrer Fabelwelt eben so ist, das hat Witz und führt zu schön dussligen Sätzen wie: "Halt ein, Schurke, wir müssen kämpfen - denn das ist mein Job!" Schwierig wird es aber, weil Stevenson die Parodie bald zu fade wird: Sie mag ihre Helden zu sehr, sie will sie in tiefer gehende Konflikte stürzen.

Der gute Ritter und der böse Ritter hätten als Tom-und-Jerry-Charaktere ohne Vergangenheit gut funktioniert, doch das ist ihr zu wenig. Sie waren mal Freunde, hinter ihnen beiden steht ein düster-heimtückisches "Institut", das irgendwas Böses mit der Welt vorhat, Nimona hat ein finsteres Geheimnis - je tiefer sich Stevenson in die Personen und in die Ernsthaftigkeit hineinwühlt, desto mehr zerbröselt ihr die von der Parodie vorgegebene unlogische Welt unter den Fingern. Und flicken lässt sie sich nicht mehr. Aber überspielen - und das kann Stevenson richtig gut.

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Webcomic "Nimona": Nervensäge zwischen Hai und Hamster

Logiklücken füllt sie gerne mit Action: Ihre Heldin springt als Bär, als knallroter und tiefschwarzer Drache durch die Panels, es blitzt und lodert und glüht wunderschön durch die farblich wirkungsvoll inszenierten Seiten. Stevenson hat eine solide Nerd- und Rollenspielvergangenheit, sie ist nicht nur Zeichnerin, sondern auch Fan und weiß genau, wie sie Feuerstrahlen und Zweikämpfe haben will. Wenn die Parodie-Elemente den Eindruck zu stören beginnen, entscheidet sie sich nicht für einen wackligen Kompromiss, sondern schmeißt sie einfach über Bord.

Was man als Leser auch deshalb hinnimmt, weil Nimona einem ans Herz wächst. Sie ist reizbar, launisch, rauflustig, verspielt, sprunghaft, impulsiv. Sie verliert in einem Moment wütend ein Brettspiel, verwandelt es im nächsten mit ihrem Feueratem zu Asche und strahlt im dritten: "Das war lustig! Was machen wir jetzt?" Leben möchte man mit ihr vielleicht nicht, aber lesen mag man's gern.

Geändert hat sich daran auf dem Weg vom Netz zum Buch nichts. Nur einige der Zeichnungen vom Anfang hat Stevenson neu angefertigt, der Stil von 2012 hat sich bis 2015 verändert - Professionelles, Effektiveres hat sich allmählich gegen die naiv-freche Parodie durchgesetzt, auch diese Veränderung während der Herstellung kann man als Webcomic-Eigenheit sehen. Das Feilen am Gesamteindruck ist dann Sache der Oldschool-Printversion.

Vergleichen kann man beides übrigens nicht mehr: Die Webversion hat Stevenson inzwischen vom Netz genommen; verständlicherweise, um den Buchverkauf nicht zu behindern. Von etwas leben muss man ja auch.

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