Comic-Reporter Joe Sacco Ein schwarz-weißes Bild vom Krieg

Was kann ein Comic vom Nahost-Konflikt erzählen? Wenn der Autor Joe Sacco heißt: sehr viel. Der US-Amerikaner recherchiert vor Ort wie ein Reporter und zeichnet dann auf, was er erfahren hat. So entsteht eindringliche Geschichtsschreibung in Strichform - aber mit großer Schlagseite.

Joe Sacco

Von Jan-Frederik Bandel


Comics als journalistische Form? Naheliegend ist das nicht. Stolze sieben Jahre hat Joe Sacco an seinem neuen Buch gearbeitet. Menschen mit Aktualitätsanspruch, die schon in Tageszeitungen nur alte News finden, dürfte das kaum genügen. Trotzdem gilt der US-amerikanische Zeichner seit dem Überraschungserfolg seines Comics "Palestine" (1993-1995) als Beweis für die These: Comics haben eine Zukunft als journalistisches Genre.

Aktualität ist nicht die einzige journalistische Devise, der Sacco eine Absage erteilt. Schon während seines Journalismusstudiums, so erzählt er gern, habe ihn die Vorstellung der "Objektivität" abgestoßen. Seine Arbeit hat andere Vorbilder: den sogenannten "New Journalism" mit seiner stark subjektiven Färbung und die "Alternativmedien" mit ihrem Anspruch, unterdrückte Fakten, verschwiegene Stimmen hörbar zu machen, ohne sich nennenswert um Ausgeglichenheit zu kümmern - die offizielle Version kenne man doch eh zur Genüge.

Beide Haltungen übernahm Sacco in "Palestine", seinem Buch über Palästina während der ersten Intifada. Sie trugen zum großen Erfolg des Comics genauso bei, wie sie Kern der Kritik daran waren: Sacco, so monierten Kritiker, spare nicht nur die israelische Sicht auf den Nahost-Konflikt fast vollständig aus, er hänge auch einer naiven Romantisierung der Palästinenser nach, deren Erzählungen er grundsätzlich für bare Münze nehme. Auch Saccos Reportageprinzip, die Recherche selbst in den Mittelpunkt zu rücken, diene nur bedingt dem erklärten Ziel, Transparenz zu erzeugen. Schließlich verwische der Zeichner in seiner Grafik die Spuren wieder: Die Augenzeugenberichte würden genauso bebildert wie die Beobachtungen des Reporters, alles scheine unmittelbar real.

Kein Haufen von "einerseits, andererseits"

Auch Saccos neuem Buch ließe sich das vorwerfen - aber "Footnotes in Gaza" ist keineswegs einfach eine Fortsetzung von "Palestine", auch wenn die Rahmenhandlung ein beeindruckendes Panorama palästinensischen Lebens in den Wochen vor und während des beginnenden Irakkriegs im Jahr 2003 gibt: vom Saddam-Kult bis zum Alltag in den Flüchtlingsstädten, von Selbstmordattentaten bis zu den fast alltäglichen Haus-Demolagen durch die Israelis.

Doch der Zeichner treibt die Langsamkeit hier auf die Spitze. Im eigentlichen Zentrum seiner Erzählung stehen zwei Tage in Gaza während der sogenannten Suezkrise: der 3. und der 12. November 1956. Im Zuge des Kriegs mit Ägypten stieß die israelische Armee in den Gaza-Streifen vor, um die Angriffe der palästinensischen Fedajin und die Präsenz ägyptischer Soldaten zu unterbinden. Am 3. November wurden in Chan Yunis, am 12. November in Rafah zahlreiche Palästinenser getötet.

Die große Geschichtsschreibung verzeichnet diese Ereignisse als Fußnoten zur Suezkrise, in der auch Briten, Franzosen und Amerikaner ihren geopolitischen Interessen nachgingen. Die israelische Geschichtsschreibung leugnet nicht die unkontrollierte Tötung von Zivilisten, verweist aber auf eine unübersichtliche Situation, da viele bewaffnete Rebellen in den Städten präsent gewesen seien. Die palästinensische schließlich erinnert an diese Tage als willkürliche Massaker an wehrlosen Flüchtlingen. Aber das Abwägen der Positionen ist Saccos Sache nicht: "Im Innersten bin ich ein Zeitungsmann", schreibt er: "Und ein Zeitungsmann will die Fakten, die definitive Fassung, nicht einen Haufen von 'einerseits, andererseits', 'vielleichts' oder 'wahrscheinlichs'."

Ein Scherz mit dem seltsamen Amerikaner?

Seine Zuflucht nimmt Sacco zur "Oral History", die sich einst - mit ähnlichem Aplomb wie die Alternativmedien gegen die großen Zeitungen und Sender - als "Geschichte von unten" gegen die herkömmliche Geschichtsschreibung gestemmt hat. Was Sacco sucht, nennt er dann auch die "essentielle Wahrheit". Er hat zahlreiche Männer und Frauen interviewt, die die Militäroperationen erlebt und überlebt haben, die Verwandte und Freunde verloren haben oder selbst schwer verwundet wurden. Er zeigt auch die Schwierigkeiten und Irrwege seiner Recherche: Aussagen widersprechen einander, gehen in Legenden auf oder werden zur Sache der Interpretation: Ein Überlebender versichert wiederholt, dass er 36 Kugeln in den Kopf bekommen habe - Übertreibung, Fehlerinnerung oder ein Scherz mit dem seltsamen Amerikaner, der alles über einen lang vergangenen Krieg wissen will? Sacco lässt die Frage offen - wenn auch nicht ganz: "Übertreibung oder nicht, ich zweifele nicht daran, dass auf ihn geschossen wurde."

In diesem Spielraum bewegt sich Saccos Buch: Er thematisiert die Probleme der Erinnerung, aber er vertraut der Wiederholung und langweilt den Leser gelegentlich mit der Reihung einander bestätigender Aussagen. Er setzt auf die subjektiven Erinnerungen seiner Interviewpartner, aber zwischendrin meldet er sich doch im Tonfall des allwissenden Geschichtserzählers zu Wort. Insgesamt wirkt der Comic so reflektierter und präziser als "Palestine", allerdings auch starrer. Das zieht sich bis in die Grafik, in der die karikierenden, verzerrenden Elemente gegenüber dem Vorgänger deutlich zurücktreten.

Dadurch wird noch augenfälliger, dass sich Sacco zwar in die Tradition amerikanischer Underground-Comics stellt (vor allem von Robert Crumb hat er viel gelernt), auf deren ironisch-reflexiven Umgang mit dem Bild aber fast völlig verzichtet: Das gezeichnete Bild ist für Sacco Abbild einer Wirklichkeit - und der Mehrwert der Zeichnung liegt in ihrer Möglichkeit, den Leser emotional zu packen.

Damit beschneidet er den Comic um sein charakteristisches Potential: Comic-Bilder pochen gerade nicht auf ihre Authentizität, sie sind immer bereits Klischee, sie übertreiben, laden ein, den Blick auf die Wirklichkeit neu zu justieren und dem, was offensichtlich scheint, zu misstrauen. Selbst wo Sacco auf genuine Comic-Effekte setzt, indem er etwa auf einer Seite Bilder verschiedener Zeiten konfrontiert, tut er das zur Bestätigung: So sah es damals aus, so sieht es jetzt aus.

Die Frage, ob Comics sich als journalistisches Medium eignen, ist auch mit diesem Buch also nicht beantwortet. Ein bemerkenswertes Stück Geschichtsschreibung hat Sacco - bei aller Parteilichkeit - dennoch geliefert.


Joe Sacco, "Footnotes in Gaza", Jonathan Cape 2009 (432 Seiten, ca. 24 Euro).

Joe Sacco, "Palästina" (Neuausgabe), Edition Moderne 2009 (287 Seiten, 25 Euro).



insgesamt 1 Beitrag
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hasenstein, 11.01.2010
1. Bildbeispiele NICHT LESBAR
Jetzt müsste man mit den gezeigten Beispielbildern nur noch etwas anfangen können - da man den Text nicht lesen kann, dort aber die entscheidenden Informationen drin stecken, hätte sich Spiegel das auch sparen können. Ganz schön blöd.
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