Comic-Roman Der lange Schatten des Serienmörders

Mit seinem faszinierenden Comic-Roman "From Hell" sprengt der Brite Alan Moore die Grenzen seines Genres. Sein 600 Seiten umfassendes Sittenbild über Jack the Ripper und das viktorianische London ist jetzt komplett auf Deutsch erschienen.

Von Lutz Göllner


Comic-Roman "From Hell": Cover der englischen Gesamtausgabe

Comic-Roman "From Hell": Cover der englischen Gesamtausgabe

Elf Jahre, vier Verlage, 501 Comicseiten, allein 400 veröffentlichte Textseiten voller Anmerkungen, Skizzen und Fußnoten: Alan Moores Comic-Roman "From Hell" ist ein Mammutwerk, dass alle Dimensionen sprengt. Dabei handelt es sich doch eigentlich "nur" um eine weitere Spekulation über das Leben und Wirken Jack the Rippers, des ersten Serienmörders der Moderne.

Es ist jedoch ein Kaleidoskop des viktorianischen Zeitalters, das Alan Moore hier erschaffen hat, einer Zeit, die ihre Fänge weit ins kommende Jahrhundert erstreckte. "Als ich mit der Recherche über die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts begann, merkte ich, dass fast alle großen Ereignisse des 20. Jahrhunderts in dieser Dekade ihren Ursprung hatten", erzählt Alan Moore im Interview, "Michelson und Morley bewiesen in ihrem berühmten Versuch, dass es einen mystischen Äther als Medium zur Verbreitung von Gravitation und Licht nicht gibt. Das führte dazu, dass Einstein seine spezielle und seine allgemeine Relativitätstheorie formulieren konnte, und das zog wiederum Hiroshima und die Atombombe nach sich. Die Franzosen haben zu dieser Zeit Indochina besetzt, der Ursprung für den Vietnamkrieg. Hitler wurde gezeugt während der Zeit der Rippermorde. Es gab eine richtige Explosion in der Kunst, in der Technologie - das Auto und das Maschinengewehr wurden erfunden."

"From Hell": Genaues Sittenbild des viktorianischen Zeitalters

"From Hell": Genaues Sittenbild des viktorianischen Zeitalters

Gleichzeitig ist "From Hell" aber auch ein Comic über Architektur, speziell über die des düsteren Whitechapel-Viertels, durch das der Ripper zwischen August und November 1888 schlich und das in seiner Struktur ebenfalls wie eine "dunkle, schattenreiche und verbotene Kirche" (Moore) aufgebaut ist. Hier, wie auch in Moores opulentem Werk, passt alles genau zum anderen, baut alles aufeinander auf, ist alles miteinander verknüpft: Der Elefantenmensch John Merrick mit der Illuminatenverschwörung, die Kunstschule der "New English Art" von Walter Sickert mit der königlichen Familie, die wiederum ein vitales Interesse daran haben, dass Jack the Ripper nicht enttarnt wird.

Wie schon in seinem vielfach preisgekrönten Comicroman "Watchmen" erweist sich Moore auch hier als Anhänger der Theorien C.G. Jungs: Hier wie dort ist Moore fasziniert vom individuellen und kollektiven Bewusstsein, von Synchronismen und Symmetrie, von dem Zusammenhang zwischen Natur und Psyche.

Die Suche nach Jack the Ripper als spannender Recherche-Thriller

Die Suche nach Jack the Ripper als spannender Recherche-Thriller

Dabei verliert er jedoch nie das eigentliche Ziel seiner Erzählung aus den Augen: die Jagd nach Jack the Ripper in Form eines spannenden Thrillers zu erzählen. Penibel genau - bis hin zu den Wetterverhältnissen im Herbst 1888 - hält sich der Autor an die recherchierten Ergebnisse seiner Vorgänger. Speziell Stephen Knight, der in seinem 1976 erschienenden Ripper-Standardwerk "The Final Solution" zu einem ähnlichen Schluss wie Moore kommt, hat es ihm angetan. Im Mittelpunkt seiner Erzählung stehen der junge Polizeiinspektor Fred Abberline und der Magier und Hellseher Robert Lees, die beide für sich beanspruchten, die Whitechapel-Morde aufgeklärt zu haben.

In Form einer Polizeiermittlung zeichnet Moore ein genaues Sittenbild des viktorianischen Zeitalters, vom Subproletariat der Huren bis in die herrschaftlichen Intrigen im Königshaus. Besonders neu ist Moores Lösung indes nicht - der Mörder ist William Gull, der Leibarzt des Thronfolgers, der die Morde aus Gründen der Staatsräson unternahm und daher von ganz oben gedeckt wurde. Doch der bärtige Comic-Autor betont immer wieder, wie egal die wahre Identität des Täters eigentlich ist: "Ich habe keine Geschichte über Jack the Ripper geschrieben, ich habe über unsere Besessenheit von Jack the Ripper geschrieben. Da er nie enttarnt wurde, ist er ein grenzenloser schwarzer Schatten. Er kann alles sein, was wir uns ausdenken."

Finstere Bilder von Eddie Campbell malen Moores Visionen aus

Finstere Bilder von Eddie Campbell malen Moores Visionen aus

Der Zeichner Eddie Campbell ("Alec", "Bacchus") ist für solche finsteren Bilder das beste ausführende Organ, das Moore finden konnte. Seine strichreichen Schraffuren und seine großen schwarzen Flächen passen hervorragend zur Atmosphäre des historischen Londons. Die Regisseur-Brüder Alan und Albert Hughes ("Menace II Society") hofften, diese Stimmung des viktorianischen London in Prag einzufangen. Dort wurde inzwischen die Verfilmung von "From Hell" abgedreht.

Wegen des bis vor kurzem noch drohenden Streiks der Drehbuchautoren und Schauspieler wurde die Premiere des Films vom Juni in den September verschoben. In den Hauptrollen werden Johnny Depp, Heather Graham (Austin Powers 2") und Robbie Coltrane ("Fitz") zu sehen sein. Jack the Ripper wird von Sir Ian Holm ("Das fünfte Element") gespielt.

Mit dem Autor Alan Moore braucht man bei der Premiere jedoch nicht zu rechnen: Der britische Exzentriker ist dafür bekannt, dass er seine Heimatstadt Newcastle nur verlässt, wenn die Not sehr groß ist.

Alan Moore, Eddie Campbell: "From Hell" Bd. 1 – 3. Tilsner Verlag, Bad Tölz; je 196 Seiten; je 32 Mark

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