Comic-Roman "The League Of Extraordinary Gentlemen" Knietief im Mythos

Allan Quatermain, Dr. Jekyll, Käpt'n Nemo und Der Unsichtbare machen Jagd auf Fu Manchu: Mit seinem Comic-Roman "The League Of Extraordinary Gentlemen" schuf der Brite Alan Moore ein vielschichtiges und bildgewaltiges Kaleidoskop viktorianischer Mythen und Märchen. Hollywoods Verfilmung kommt im Herbst ins Kino.


"The League Of Extraordinary Gentlemen": Der Unsichtbare macht sich bereit für den Geheimdienst
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"The League Of Extraordinary Gentlemen": Der Unsichtbare macht sich bereit für den Geheimdienst

Das Ende des 19. Jahrhunderts war eine Hochzeit der Trivialliteratur. Immer neue, immer seltsamere Räume der Phantasie mussten die Autoren der Unterhaltungsliteratur schaffen, je kleiner die weißen Flecken auf dem Globus wurden. Jules Verne erfand Tauch- und Luftschiffe, H.G. Wells seltsame Aliens und Monster, Edgar Rice Burroughs erdachte deliröse Phantasien über farbige Traumreiche auf dem Mars, der Venus und im Inneren der Erde. Vor allem aber erfanden sie Helden. Captain Nemo, Sherlock Holmes oder Allan Quatermain zum Beispiel, die mit einem Bein fest in der andämmernden Moderne standen, mit dem anderen knietief in Mythen und Märchen. Ihnen und vielen anderen begegnen wir in der "League of extraordinary Gentlemen".

Comic-Szene: Klassisches Pulp-Abenteuer
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Comic-Szene: Klassisches Pulp-Abenteuer

Der 200-seitige Comic-Band ist auf den ersten Blick ein Leichtgewicht, verglichen mit den übrigen Werken des britischen Comicautors Alan Moore. Die Dinge zu zerlegen und ihren Ursprung kenntlich zu machen, war schon immer seine große Kunst, mit preisgekrönten Comics wie "Watchmen" oder "From Hell" hat er dem Medium dabei neue Richtungen gezeigt. Sein jüngster Comic-Roman spielt in Großbritannien anno 1898. Zur Wiederbeschaffung der mysteriösen Substanz Cavorit stellt der Geheimdienst des Empire ein wirklich seltsames Heldenteam zusammen. Quatermain, Nemo, Dr. Jekyll und der unsichtbare Mann haben die Aufgabe, unter der Leitung von Miss Mina Murray (alias Mina Harker, bekannt aus "Dracula") die einzige existierende Probe der Materie den Fängen des finsteren Fu Manchu (alias "der Chinamann") zu entreißen. Mit dem seltenen Element kann man Objekte aller Art fliegen lassen - schließlich geht im viktorianischen England die Angst vor dem Luftkrieg um.

Eher ungewollt deckt die außergewöhnliche Eingreiftruppe eine Verschwörung weit größeren Ausmaßes auf. Und natürlich endet alles mit einem sehr großen Knall. Das ist in erster Linie eine wirklich gute Geschichte. Alan Moore und sein Zeichner Kevin O'Neill geben ihrem Affen ordentlich Zucker. Atemlos hetzt die Geschichte den Leser um den halben Globus, unter Wasser und in die Luft. Voller aberwitziger Situationen, aber immer in sich schlüssig - ein klassisches Pulp-Abenteuer eben.

Moore-Comic: Nostalgisch-poetische Welt
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Moore-Comic: Nostalgisch-poetische Welt

Daneben aber ist "League" auch das Produkt zweier hemmungsloser Träumer. Mit dem Rückgriff auf viktorianische Erzählungen haben Moore und O'Neill einen schier gigantischen Fundus aufgetan. Die Comic-Künstler erschaffen eine nostalgisch-poetische Welt des Nicht-Unmöglichen - bevölkert von den Helden viktorianischer Phantasie, in Gang gehalten von ihren Erfindungen. Im Britischen Museum dieser wahrhaft phantastischen Welt sehen wir das Bildnis des Dorian Gray, oder die Mitbringsel von Lemuel Gulliver und von Professor Lidenbrock, Vernes Reisender zum Mittelpunkt der Erde. Es gibt Cameos und Gastauftritte legendärer fiktiver Figuren wie Sherlock Holmes oder Fanny Hill auf beinahe jeder Seite. "Nennt mich Ismael", sagt der Matrose auf der "Nautilus".

Inzwischen kursiert im Netz ein knapp 140 Seiten langes Skript diverser Fans, das die Anspielungen und Querverweise, die sich in der "League Of Extraordinary Gentlemen" finden, Bild für Bild erklärt. Es ist müßig, alle weiteren Bedeutungsebenen, die Moore in sein Werk einzieht, an dieser Stelle aufschlüsseln zu wollen, doch es ist bestimmt kein Zufall, dass das Jahr der Jagd nach dem Cavorit identisch ist mit dem Jahr, in dem die Geschwister Curie in unserer Welt das Radium entdeckten.

"League"-Szene: Dinge zerlegen und ihren Ursprung kenntlich machen
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Ein Stoff für Hollywood ist diese vor Assoziationen, Metaphern und Symbolen nur so strotzende Geschichte jedenfalls schon lange. Bereits im Vorjahr wurde der Film unter der Regie von Stephen Norrington ("Blade") abgedreht, mit Sean Connery in der Rolle des Allan Quatermain. US-Starttermin ist im Herbst 2003. Moore und O'Neill basteln derweil an der Fortsetzung, die bereits zur Hälfte auf Englisch vorliegt und, wenn alles klappt, rechtzeitig zum Filmstart auch auf Deutsch erscheinen soll. Diesmal greifen Wellssche Marsianer an. Und noch ist das Füllhorn der Geschichten nicht einmal zur Hälfte gelehrt.

Alan Moore/Kevin O'Neill: "The League Of Extraordinary Gentlemen" - Speed Comics/Verlag Thomas Tilsner, 200 S., 20,00 Euro

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