Comic-Star Lewis Trondheim Zweimal getroffen, einmal verschossen

Der Franzose Lewis Trondheim ist ein Superstar der Comic-Szene. Jetzt erscheinen gleich drei neue Arbeiten von ihm in Deutschland. Zweimal kann der Leser sich freuen, aber ein Totalflop ist auch dabei.

Schreiber & Leser

Von Timur Vermes


Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Ich petz jetzt mal: Lewis Trondheim, Comic-Superstar aus Frankreich, hat mit seinem neuen Album Murks fabriziert. Allerdings ist es bei ihm wie bei Thomas Müller im Fußball: Wie lange er nicht trifft, zählen sie ja auch nur, weil er sonst immer trifft. Und Lewis Trondheim ist so was wie der Thomas Müller des Comics. Nur besser.

Wie gut Trondheim ist, sieht man auch daran, dass derzeit von ihm gleich drei Titel auf den Markt kommen. Zwei davon macht er problemlos rein. Die Sensation ist, dass er den dritten versemmelt. Und welcher ist das? Natürlich der einfachste. Was, wie der Fußballfan sagen würde, auch schon wieder fast müllerhaft ist.

"Maggy Garrisson" zum Beispiel ist für ihn gar kein Problem, obwohl die Heldin der Geschichte alles andere ist als eine Charismatikerin. Eine pummelige, rothaarige Londonerin, die ihre allerbesten Jahre schon hinter sich hat. Arbeitslos. Enttäuschungen gewohnt.

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Drei Mal Lewis Trondheim: Humor, gipstrocken

Sie bemüht sich zwar, an ihrem ersten Arbeitstag freundlich zu sein, aber der Privatdetektiv, bei dem sie anfängt, ist ein Säufer, der über seinen Schnapsflaschen einschläft.

Maggy ist zäh, clever, einfallsreich, und für eine Notlüge braucht es nicht viel Not. 70 Pfund Belohnung hat eine Rentnerin im Haus für die Wiederbeschaffung ihres Kanarienvogels ausgesetzt, Maggy lässt sich ein Foto geben und jubelt ihr einen gekauften Ersatzvogel unter. Sie kümmert sich um Menschen, aber nicht zu viel, sie hört der Rentnerin zu, verzieht sich aber schnell und nimmt sich vor: "Wenn ich so alt werde, hänge ich mich auf."

Es ist dieser typische, etwas ungelenke, gipstrockene Humor, der Maggy als Trondheim-Figur verrät. Sie ähnelt Herbert aus Trondheims "Donjon"-Zyklus, jener Fantasy-Parodie, für die der Autor ab 1999 in Deutschland wohl am bekanntesten ist. Auch Maggy ist unscheinbar, schlagfertig, sie wurstelt sich widerspenstig und liebenswert durch den von Stéphane Oiry schön hingeschmuddelten Londoner Regen. Wer den Band liest, wird auf die Fortsetzung warten. Treffer, versenkt.

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Lewis Trondheim, Stéphane Oiry:
Maggy Garrison

Band 1: Lach doch mal, Maggy!

Schreiber & Leser; 48 Seiten; 14,95 Euro

Die zweite Figur hätte man noch viel besser vergeigen können, weil sie überhaupt nicht von Trondheim stammt und weil Fans gern auf ihren Sehgewohnheiten beharren: Micky Maus . Es ist derzeit ein Trend, dass sich die (manchmal nicht mehr) jungen Wilden der franko-belgischen Comic-Szene klassische Comicfiguren vornehmen: "Spirou und Fantasio" wurden bereits ähnlich durcheinandergewirbelt.

Elegant ist, wie Trondheim in "Mickey's Craziest Adventures" eine Erwartungshaltung aushebelt: Der Zeichner Nicholas Keramides und er hätten auf dem Flohmarkt eine Sammlung verschollener Micky-Maus-Comics gefunden, flunkert er munter, offenbar eine Serie aus einer alten Zeitung, jeweils ganzseitige Folgen. Und diese Serie liefern sie dann. Altmodische Druckoptik, Kaffeeränder inklusive, und natürlich fehlen ganze Seiten, es beginnt mit Folge 2, Folge 3 fehlt, Folge 4 gibt's, danach erst wieder Folge 7. All das hat seinen Sinn: Erzählerische Zwänge werden (angeblich) auf den fehlenden Seiten erfüllt, Trondheim kann unterdessen blitzschnell typische Szenen aus Micky-Abenteuern hintereinanderschneiden.

Das Ergebnis ist erstklassige Slapstick-Hektik, eine ideale Basis für boshaft-liebevolle Parodien. Es wimmelt von versunkenen Städten (alle voller Schätze, alle stürzen ein), verrückten Wissenschaftlern, und natürlich erfährt man auch, was jemand in seinen Reisekoffer packt, der wie Micky Maus immer nur in derselben kurzen roten Zweiknopfhose herumrennt. Dazwischen gibt es auch noch kleine Weisheiten wie die des wehleidigen Donald Duck bei einem Tauchgang: "…Wenn ich unter Wasser weine, sieht man meine Tränen nicht. Das ist noch viel ungerechter." Noch ein Treffer, schon wieder versenkt.

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Lewis Trondheim, Nicholas Keramidas:
Mickey's Craziest Adventures

Egmont Comic Collection; 48 Seiten; 29 Euro

Wie konnte dann das mit den "Mohnblumen aus dem Irak" so danebengehen? Sie beruhen auf den Kindheitserinnerungen von Trondheims Frau Brigitte Findakly, die in Mossul geboren wurde und mit 14 Jahren nach Frankreich kam. Eigentlich ein Selbstläufer: "Persepolis", Marjane Satrapis Erinnerungen an ihre Jugend im Iran, wurde ein Riesenerfolg und bereits verfilmt. Und warum Riad Sattoufs "Araber von morgen" so gewitzt ist, war gerade erst hier zu lesen. Trotzdem setzt das Ehepaar Trondheim die Geschichte spektakulär in den Sand. Oder eigentlich eher unspektakulär, fast lieblos.

Das fängt schon bei der Perspektive an: Findakly weiß nicht, ob sie als Kind erzählen soll oder als Erwachsene, und statt sich zu entscheiden, macht sie einfach beides. Das reißt den Leser nicht nur ständig aus der Geschichte, es wirkt stellenweise schlicht bescheuert: Die kleine Brigitte hätte mir noch erzählen können, dass ihr Bruder den Familien-Stammbaum bis ins Jahr 300 (!) zurückverfolgt hat, aber wenn mir Frau Findakly das ernsthaft weismachen will, beginne ich an ihrer Kompetenz zu zweifeln. Was doppelt schädlich ist, weil sie sehr oft Kindheit Kindheit sein lässt und lieber die politische Geschichte des Irak repetiert. Das allerdings in sich mehrfach verheddernden Schleifen und obendrein mit mehreren Doppelungen, als könne sich das Paar nicht merken, was es schon erzählt hat.

Und während der "Araber von morgen" seine Stärke in Dialogen und Szenen ausspielt, begnügen sich die Mohnblumen mit viel Voice-over, zu dem Trondheim dann völlig wahllos irgendwas zeichnet. Manchmal herumstehende Leute, manchmal Stadtansichten von Paris oder Mossul, und beides könnte man meistens austauschen. Man fragt sich, wer hier die treibende Kraft war oder wer wem nicht reinreden wollte oder was sonst der Grund für dieses - im Marketingsprech - "Me too"-Produkt war.

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Lewis Trondheim, Brigitte Findakly:
Mohnblumen aus dem Irak

Reprodukt; 112 Seiten; 18 Euro

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