Comics von Charles Burns Tim im Reich der Urängste

Mit "Black Hole" wurde der US-Comiczeichner Charles Burns berühmt, nun erscheint sein jüngstes Werk auf Deutsch: "Zuckerschädel" vermengt "Tim & Struppi", William S. Burroughs und Punkrock zu einem psychedelischen Angst-Trip übers Erwachsenwerden.

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Tintin-Wiedergänger "Nitnit" in "Zuckerschädel"
Charles Burns/ Reprodukt

Tintin-Wiedergänger "Nitnit" in "Zuckerschädel"


Als Kind, sagt Charles Burns, spielt einem die eigene Fantasie gerne einmal verstörende Streiche. Aus scheinbar alltäglichen Dingen können Monstren werden, einfach, weil man ihre Funktion noch nicht kennt. So erkennt der kleine Charles bei der Lektüre des Tim-und-Struppi-Comics "Das Geheimnis der Einhorn" in dem unerklärlichen Loch in der Wand, aus dem die Sprechblase mit den höhnischen Worten der Gebrüder Vogel-Faull zu dem im Keller eingesperrten Reporter Tim quoll, einen weit aufgerissenen, körperlosen Mund. Eine Gegensprechanlage, wie banal. Aber wie unheimlich, wenn man's nicht weiß.

So eine Gegensprechanlage, aus der Gewaltandrohungen und lästige Geräusche dringen, spielt auch in "Zuckerschädel", dem dritten und letzten Band der jüngsten Comic-Erzählung des Zeichners, Autors und Illustrators eine bedeutsame Rolle. Nach den Vorgängerbänden "X" und "Die Kolonie" erscheint nun auch dieses im franko-belgischen Großformat gestaltete Buch mit einem Jahr Verspätung endlich auf Deutsch. Insgesamt sechs Jahre vergingen zwischen dem ersten und dem letzten Band der chronologisch verschachtelten und auf mehreren Handlungsebenen erzählten, mit zahlreichen Popkultur- und Literatur-Referenzen gespickten Geschichte, die erst jetzt vollständig entschlüsselt werden kann.

Zehn Jahre für einen Comic

Langes Warten auf Fortsetzungen, ein Anachronismus in Zeiten, in denen selbst Hollywood-Studios aufwendige Blockbuster-Sequels im Jahrestakt herausbringen, sind Burns-Fans gewohnt. Die inhaltlich fortlaufende 12-teilige Heftreihe "Black Hole", sein populärstes Werk, veröffentlichte der heute 60-Jährige zwischen 1995 und 2005 innerhalb eines ganzen Jahrzehnts. Burns, der mit seiner Familie in Philadelphia lebt, braucht viel Zeit und Muße für seine Storys, dafür gehören sie aber auch, neben den formal und inhaltlich ähnlich anspruchsvollen Graphic Novels von Chris Ware oder Daniel Clowes, zum Besten, was amerikanische Indie-Comics zu bieten haben.

Lesen Sie hier die ersten zehn Seiten aus "Zuckerschädel":

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Burns-Comic "Zuckerschädel": Psycho-Trip mit Tintin
Vielleicht kalkuliert Burns die Zeit, die er für einen Comic braucht ein, wenn er seine Themen aussucht, denn je länger es dauert, bis eine Geschichte auserzählt ist, desto zeitloser, universell gültiger muss sie sein. Mit "Black Hole" gelang ihm der vielleicht einflussreichste Coming-of-Age-Roman der jüngsten Zeit, er vermengte Romantik, Pop und Horror zu einer kongenialen Illustration jener fremdartigen Gefühle, die Teenager plagen: Es geht um eine Gruppe Jugendlicher, die von einer seltsamen Geschlechtskrankheit geplagt werden, von der ihre Körper aufs Eigenartigste deformiert werden.

Bis heute wird "Black Hole" popkulturell zitiert: Die aus Seattle stammende Band La Luz widmete dem in ihrer Nachbarschaft spielenden Comic gleich ein ganzes Album, und im jüngsten Film der "Planet der Affen"-Reihe liegt ein Exemplar der Gesamtausgabe sehr demonstrativ herum. Burns schmeichelt das: "Schön zu wissen, dass meine Arbeit die Apokalypse überdauern wird", sagt er mit leisem Sarkasmus.

In seiner "X"-Trilogie ist das Personal älter. Der Slacker Doug, wie einst Burns Teil der Punkrock-Szene im Seattle der späten Siebziger, will sich künstlerisch verwirklichen. Als "Johnny 23" tritt er mit einer Spoken-Word-Performance auf, die William S. Burroughs berühmte "Cut-ups" zitiert. Seine ernster werdende Beziehung zur Fotografin Sarah, die von einer frühen Abtreibung psychische Narben zurückbehalten hat und Selbstporträts in Pieta-Pose mit einem Schweine-Embryo macht, stürzt ihn in einen Strudel widerstrebender Emotionen, als sie ungewollt schwanger wird.

Mit "Nitnit" durch die Interzone

Es geht um Selbstverwirklichung und Verantwortung, ums Sichtreibenlassen, um den großen Masterplan - und um Dougs verstorbenen Vater, der sich in den letzten Jahren kettenrauchend in ein Kellerbüro verkroch und alte Fotos von einer verflossenen Liebe betrachtet. Sein Sohn, das zeigt sich in den Entscheidungen, die er trifft, ist auf dem besten Wege, dieses tristes Lebensmuster, das ihn schon als Kind unbewusst geprägt hat, zu wiederholen.

Dougs Hadern mit dieser Erkenntnis und sein Horror, selbst Vater zu werden, bricht sich in einer freudianischen Traum-Handlungsebene Bahn, die Doug durch zahlreiche Löcher in Mauern und Wänden mit seiner simplifizierenden "Johnny 23"-Maske betritt. Die lässt ihn wie ein Negativ-Zerrbild von Hergés Tim aussehen, konsequenterweise heißt er in Umkehrung des französischen Originals "Nitnit". Auch ein Pendant zu Struppi gibt es, der in der englischen Übersetzung Snowy hieß; es ist Sarahs schwarze Katze Inky.

Dougs Unterbewusstseins ähnelt wiederum der nahöstlich geprägte Westernwelt von Burroughs' psychedelischer Wahnwelt "Interzone". Sie wird von fluchenden, unfreundlichen Echsenwesen bevölkert, die eine bienenstockartige Geburtskolonie betreiben, in der gefangen gehaltene Mädchen riesige Eier produzieren, deren rot-weiße Musterung an die Pilze im ersten Tintin-Abenteuer "Der geheimnisvolle Stern" erinnert. Um Hergés Ligne-claire-Stil zu imitieren, entschied sich der sonst nur im strengen Schwarzweiß arbeitende Burns erstmals für eine bunte Kolorierung seiner Zeichnungen.

Grundrauschen des Unterbewusstseins

Das macht die Horror-Zone, in der es Sushi aus Echsen-Embryonen gibt und einen frechen Trisomie-21-Bengel, der "Nitnit" bei der Orientierung hilft, nicht weniger verstörend: Sie ist eine phantasmagorische Erforschung männlicher Traumata, vom Horror des Geburtsvorgangs bis zum Mysterium der Weiblichkeit, die immer wieder in die Realität getriggert wird, manchmal durch das Summen eines Interkoms.

Geplant habe er diesen großen Storybogen, der nach den Teenie-Torturen von "Black Hole" nun erneut eine signifikante Lebensphase illustriert, eigentlich nicht, sagt Burns im Gespräch, das wir am Telefon führen - wieder so eine Stimme aus dem Äther: "Als ich anfing, dachte ich, ich würde etwas über eine bestimmte Zeit in meiner Vergangenheit in der Bay Area erzählen wollen. Damals ging ich zur Kunsthochschule, hörte Musik, hing mit Bands herum. Aber dann wurde etwas ganz Anderes daraus."

Andere Einflüsse und Erinnerungen schlichen sich in dieses lose Konzept, zum Beispiel an das erste Lese-Erlebnis mit "Tim & Struppi". Burns folgte, ähnlich wie sein Antiheld Doug im Comic, dem Grundrauschen seines eigenen Unterbewusstseins auf eine Entdeckungsreise.

Er versuche stets, "diese starke, kindliche Verknüpfung von Emotionen und visuellen Eindrücken", über die man als Erwachsener nicht mehr verfüge, wieder herzustellen, erklärt Burns. Mit der "X"-Trilogie hat er diese große Freispielzone der Psyche, wo Sprechanlagen-Schlitze zu weit offenen Pforten der Wahrnehmung werden, erneut betreten. Und nimmt uns als Leser mit auf seinen faszinierenden Trip ins Reich der Urängste.

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Seite 1
team_frusciante 19.10.2015
1.
Danke für die Leseprobe. Eine Bitte allerdings: Könnt Ihr die Seiten noch richtig sortieren, damit das Lesevergnügen weniger verwirrend wird?
chuckal 19.10.2015
2. Wirklich Cutup?
Oder war da jemand nur einfach zu doof oder zu schlampig mal die Seiten in der richtigen Reihenfolge einzuscanne? Echt peinlich.
aborcholte 20.10.2015
3. Jetzt richtige Bilderfolge
Sorry, auch wir machen leider manchmal Fehler. Zwei Bilder in der Comic-Strecke waren tatsächlich vertauscht, das war doof, schlampig und ist natürlich ganz schön peinlich. Jetzt ist alles in der richtigen Reihenfolge. Danke fürs Lesen!
chuckal 21.10.2015
4. kein problem
Zitat von aborcholteSorry, auch wir machen leider manchmal Fehler. Zwei Bilder in der Comic-Strecke waren tatsächlich vertauscht, das war doof, schlampig und ist natürlich ganz schön peinlich. Jetzt ist alles in der richtigen Reihenfolge. Danke fürs Lesen!
wir machen alle fehler
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