Geschenkideen Timur Vermes empfiehlt die besten Comics zu Weihnachten

Deutschland in Angst: Weihnachten rückt näher! Was tun, um die Feiertage mit der Verwandtschaft zu überleben? Alkohol ausschenken. Ruhe bewahren. Und: Comics verschenken, sagt Bestsellerautor Timur Vermes.

Coverbild von Lewis Trondheims Band "Maggy Garrisson 3"

Coverbild von Lewis Trondheims Band "Maggy Garrisson 3"


Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Drei Tage wollen über Weihnachten mit der Familie herumgebracht werden, wie soll das schadlos gehen? Indem man großzügig Alkohol ausschenkt und jedem einen Comic in die Hand drückt!

Dann ist die ganze Verwandtschaft beschäftigt und kommt auch garantiert nicht in die Küche, um zu fragen, ob sie helfen kann. Um sicherzugehen, besser sogar zwei Comics verschenken, damit keine unerwünschten Lesepausen entstehen, in denen dann womöglich auch noch geredet werden soll. Und die Comics einzeln verpacken! Das ist zwar nicht so gut für die Umwelt, bringt aber nochmal wertvolle Zeit beim Auspacken! Eins noch: Kaufen und bestellen tun brave Leser Comics beim Buchhändler um die Ecke.


1. Für alle Töchter: Krass. Komisch. Mit Stickern

Fil/ Reprodukt

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Fil:
Mädchenworld

Reprodukt; 136 Seiten; 15 Euro

2013 gab der Zitty-Verlag die gesammelten Folgen der brachialbizarren Internat-Pferdehof-Fotolovestory-Parodie heraus. Das Büchlein des fantastisch-frivolferkeligen Postpunks Fil war ruckzuck vergriffen. Jetzt druckt Reprodukt neu, inklusive der beim ersten Mal vergessenen Folge.

Wer bei Fils Romanen das Einzigartige seiner Bühnenauftritte vermisst, wird in "Mädchenworld" fündig. Und ermuntert womöglich den Künstler zu weiteren Neuausgaben: Der garstig-geniale Zauberlehrling "Larry Potter" etwa ist auch nur noch gebraucht erhältlich. Bitte für Weihnachten 2019 vorbereiten!


2. Für Omas und Opas: Früher war mehr Lametta

Alex Raymond/ Bocola

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Alex Raymond und Ward Greene:
Rip Kirby

Band 1: 1946 - 1947

Bocola Verlag; 156 Seiten; 25,90 Euro

Jetzt wird's nostalgisch, aber ist Weihnachten nicht immer auch eine Flucht in die eigene Kindheit? Ein Spezialist dafür ist der Bocola Verlag aus dem winzigen Klotten. Sie können aus dem Programm natürlich die Klassiker wählen, Prinz Eisenherz (Hal Foster!) oder Tarzan (Russ Manning!).

Hier und heute möchte ich aber die Serie "Rip Kirby" empfehlen, eine Daily-Detektiv-Soap, 1946 bis 1956 von Alex Raymond gezeichnet. Die Stories sind manchmal etwas wirr, aber optisch so großartig und zeittypisch wie ein Bakelit-Telefon.


3. Für Mutti und alle mit Herz: Alles und Moore

Terry Moore/ Schreiber & Leser

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Terry Moore:
Motor Girl

Schreiber & Leser Verlag; 224 Seiten; 24,95 Euro

Die Zutaten: eine alte, winzige Frau mit einer riesigen Brille. Eine junge Frau, Ex-Soldatin, Kriegsveteranin aus dem Irak. Ein gigantischer Gorilla. Ein verrückter Wissenschaftler. Zwei dämliche Ganoven. Ein kleines grünes Männchen.

Die Aufgabe: Mach eine Geschichte draus, die spannend ist, Slapstick-Elemente hat und trotzdem ernstzunehmen ist. Die innerhalb einer Seite vom Schmunzeln ins Todtraurige drehen kann - oder bei Bedarf umgekehrt. Die Lösung: Terry Moores "Motorgirl", der endgültige Beweis, dass es die eierlegende Wollmilchsau zumindest bei Comiczeichnern gibt. Okay, Autos zeichnen kann sie noch immer nicht. Na und?


4. Für Vati und alle, die sich noch immer für jung halten: Ein Alternativer für Deutschland

Gerhard Seyfried/ Westend Verlag

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Gerhard Seyfried:
Zwille

Fifty-Fifty Verlag; 64 Seiten; 16 Euro

Die guten Dinge, es gibt sie noch: in diesem Fall den Gerhard Seyfried. Sein "Zwille" ist eine bittersüß-witzige Erinnerung daran, wo die heute zur Volkspartei mutierenden Mainstream-Grünen mal hergekommen sind.

Nicht, dass damals alles besser war, aber eben noch widerspenstig, auch mal faul-bequemlich, nicht so rundgelutscht. Klar, mit den Grünen von heute lässt sich's professioneller arbeiten, und ich hätte auch keinen Bock, mit Zwille eine Firma zu gründen, aber: Es war halt schon was anderes. Hach. Und wenn Sie wen kennen, der hier auch "Hach" denkt, dann schenken Sie ihm den neuen Seyfried. (Hier geht es zur Rezension.)


5. Für Onkel, Tanten und andere Normalos: Babylon Berlin, der Wartezeitverkürzer

Raul & Felipe H. Cava/ Avant Verlag

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Felipe H Cava, Raúl:
Berlin 1931

avant-Verlag; 76 Seiten; 22 Euro

Also: "Berlin 1931" ist nicht dasselbe wie "Babylon Berlin", eignet sich aber trotzdem gut für Fans, denen es bis Staffel 3 zu lange dauert.

Zweierlei ist Voraussetzung: Ihnen sollte im TV-Hit die düstere, krude, schmuddelige Atmosphäre wichtiger sein als der Krimi.

Zweitens: Sie sollten's künstlerisch mögen. Drei Kurzgeschichten illustriert der Spanier Raul Fernandez Castilla, jede anders, die längste ist eine aberwitzige Spielwiese quer durchs Krimi-Genre, stets gekonnt, aber auch immer verfremdend, mit skurrilen Farben, grotesken Verzerrungen, Schmidt-Rottluff oder Grosz zitierend, und damit jener faszinierenden Vergangenheit ähnlich nah wie die TV-Serie.


6. Für ernste Gemüter: Ist so kalt der Winter

Gipi/ Avant Verlag

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Gipi:
Die Welt der Söhne

avant-Verlag; 288 Seiten; 30 Euro

Einstein hat angeblich mal gesagt, er ahne zwar nicht, mit welchen Waffen der Dritte Weltkrieg geführt würde, aber beim Vierten wüsste er's wieder: Speere und Steine.

In dieser Zeit spielt Gipis finstere Action-Dystopie "Die Welt der Söhne". Ein steinharter Vater lebt mit zwei Söhnen in einem Haus im See. Menschen gibt es kaum noch, und den paar Übrigen kann man nicht trauen. Als der Vater stirbt, mühen sich die Jungs, allein in einer hemmungslos brutalen Welt klarzukommen - mit einer eigenwilligen Mischung aus Kälte, Pragmatismus, Naivität und Sensibilität. Mit virtuos gekrakelten Bildern blickt Gipi auf die Welt unter der zivilisatorischen Deckschicht. Und das zu Weihnachten? Sicher, der Band ist ein Fest für alle, für die ein Comic große Kunst braucht und eine ernste Aussage. Und jede Menge Action.

(Hier geht es zur Rezension.)


7. Die Allzweckwaffe: Grad fällt mir kein Grond ein gegen einen Trondheim

Lewis Trondheim/ Reprodukt

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Lewis Trondheim:
Eine etwas bessere Welt

Die neuen Abenteuer von Herrn Hase

Reprodukt Verlag; 48 Seiten; 13 Euro

Mit Lewis Trondheim ist das so eine Sache: Passt man nicht auf, sind schon wieder 87 neue Comics erschienen. Ignorieren kann man sie auch nicht, weil Trondheim-Comics meist gut sind, oft sogar sehr gut.

Eine Lösung: Zu Weihnachten verschenken und sich ganz schnell vom Beschenkten zurückleihen. Da wären zum Beispiel die Bände zwei und drei mit der pummeligen, toughen Nebenerwerbsdetektivin Maggy Garrisson. Oder das Comeback seines neurotischen Helden Herr Hase in "Eine etwas bessere Welt". Oder, auch sehr empfehlenswert, das Sequel der schrägen Micky-Maus-Hommage "Mickey's Craziest Adventure" - "Donald's Happiest Adventures", das, ganz nebenbei, verrät, warum Geizhals Dagobert kostenlose Sonnenenergie ablehnt.


8. Für Aufgeschlossene: Weyhnachtliches

Birgit Weyhe/ Avant Verlag

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Birgit Weyhe, Sylvia Ofili:
German Calendar No December

avant-Verlag; 168 Seiten; 22 Euro

Etwas speziell, aber Birgit Weyhes afrikanisch inspirierte Kunst bekam 2016 den Max-und-Moritz-Preis und zu Zeiten von Paul Simons "Graceland" wäre sie supermainstream gewesen.

"German Calendar No December" ist die Geschichte einer jungen Nigerianerin - halb recht heftige Internatsgeschichte, halb ziemlich zutreffende Story über ihre anschließende Rückkehr nach/Integration in Deutschland: Learning by doing, by Zufall und by Arbeit im Backshop. Klingt trüb, isses aber nicht.


9. Für große und kleine Kinder: Esthers Welt

Riad Sattouf/ Reprodukt

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Riad Sattouf:
Esthers Tagebücher 2

Mein Leben als Elfjährige

Reprodukt Verlag; 56 Seiten; 20 Euro

Das ist das Schöne an Serien: Wenn sie gut ankommen, hat man auch eine Idee fürs nächste Jahr.

"Esthers Tagebücher" sind so ein Fall: Esther ist inzwischen elf Jahre alt, und Vergleiche mit dem "Kleinen Nick" treffen immer noch nur oberflächlich zu. Weil Esthers Welt zwar ähnlich komisch ist, aber zugleich viel düsterer. In ihrer Klasse geht es ständig ums Dazugehören, ums Anderssein, um Leistungsdruck. Gut, dass Esther so aufgeweckt ist, dass man sich nicht vorstellen kann, dass sie es nicht doch irgendwie packen würde.

Gut, dass Riad Sattouf mit sicherem Blick und Sinn fürs Skurrile die passenden Details aus seinen wöchentlichen Gesprächen mit der realen Esther herauspickt. Übrigens: Der kleine Nick wäre unter diesen Umständen vielleicht depressiv geworden - aber er hätte auf jeden Fall mal bei Esther geguckt, wie die Mädels seiner Klasse so ticken.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
heissSPOrN 02.12.2018
1.
Eine wahrlich sonderbare Auswahl. Da fielen mir ganz andere Comics/Graphic Novels ein, die man guten Gewissens auf den Gabentisch für die ansonsten so gar nicht comicaffine Verwandtschaft legen könnte...
p.dornn 02.12.2018
2. Wie wäre es einmal mit einem Mosaik-Sammelband.
Die Mosaik-Comics sind für Kinder gut, informativ, bildend. Enthalten mehr Schmalz als Mickey-Mouse oder mancher Asterix.
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