Von Stefan Pannor
Sogar für einen Comic geht es mächtig bunt zu: In einer Welt aus giftschillerndem Grün, hitzigem Orange und ozeanischem Blau posieren androgyne Figuren mit schlanken Körpern. Die flirrende Traumkulisse und die überzeichnet schönen Charaktere sind das Werk des Comic-Zeichners Benjamin.
Eigentlich heißt er Zhang Bin, er stammt aus dem Nordosten Chinas. Der 35-Jährige gehört zu einer neuen Zeichnergeneration, die ein altes Medium neu belebt hat. Denn die sogenannten Manhua gibt es in China bereits seit den zwanziger Jahren: Satirisch angelegte Storys, statt Sprechblasen stehen die Texte sauber getrennt vom Bild unten drunter. Diese Form erinnert eher an Bilderbücher oder illustrierte Geschichten. Erst seit ungefähr 20 Jahren hat die moderne Comic-Ästhetik Einzug in die Welt der chinesischen Manhua gehalten.
Mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes zu Japan, dem Land der Mangas, begannen die Zeichner, vom starren Format abzuweichen. Die Hochburg moderner Comic-Produktion hatte maßgeblichen Einfluss auf die jüngere Comic-Geschichte Chinas. Weitere Einflüsse kommen aus dem nicht nur sprachlich näher liegenden Hongkong, wo seit Jahrzehnten die Comic-Szene floriert.
Die Zeichner heißen Manhuajia - in China kein angesehener Beruf. Viele von Benjamins Comics durften in seinem Heimatland nicht oder nur verzögert erscheinen. Obwohl seine Geschichten in einer oft idealisierten, pathosglänzenden Welt spielen, die mit der Realität der meisten Chinesen wenig zu tun hat, klingt unterschwellig Kritik am Regime an. Regelmäßig erscheinen seine Comic-Bücher in Frankreich, inzwischen auch in Deutschland, aber nur gelegentlich in China. Auch seinen Kollegen geht es so.
Poesiealben mit Rockgitarristen
Benjamin ist im Westen mit einer Handvoll publizierter Bücher das Aushängeschild der modernen chinesischen Comics. Er steht stellvertretend für die junge Comic-Industrie Chinas, die zwischen Tradition und modernen Einflüssen einen eigenen Weg sucht. Atemraubende Farbigkeit und barocke visuelle Fülle vermischen sich bei ihm mit einer gelegentlich in den Kitsch abgleitenden erzählerischen Naivität. Bereits die Aufmachung der plakativ "Remember" oder "One Day" betitelten Bücher erinnert an Poesiealben. Oft handeln seine Geschichten von unerfüllter Liebe, von traumhaft schönen Königskindern, die nicht zueinander finden.
Da ist der Rockgitarrist, der aus Verzweiflung Karriere macht, weil er glaubt, das Mädchen, dem er seine Lieder zuerst singt, möge sie nicht. Da ist der Dockarbeiter, dem das hippe Girlie den Kopf verdreht, nur um ihn stehen zu lassen. Gleich zweimal geht es um Comic-Zeichner, die an ihrer Arbeit (und den Frauen) verzweifeln. Wenn eine Geschichte doch einmal gut ausgeht, wie in der Episode "Nachmittagsgeschwätz", in der das wunderschöne Mädchen auf den unauffälligen Jungen zugeht, explodiert gleich die ganze Stadt.
Benjamins Kollege Song Yang zelebriert in seinem Rockband-Märchen "Reload" die juvenile Rebellenpose und den Traum von ewiger Jugend. Die Geschichten erscheinen oberflächlich, zumal sie in Farben ertrinken. Aufmerksame Lektüre erklärt, warum das so ist: Drei Verbote gäbe es im chinesischen Comic, lässt Benjamin einen Verleger in "Remember" sagen. Keine Küsse, keine Toten und keine Darstellung des Intimbereiches. Was Benjamin nicht erwähnt: Natürlich sind auch Comics über Tibet und ähnliche neuralgische Themen verboten.
Kritik in Melancholie verpackt
So reagieren die Comic-Künstler auf die Zensur vordergründig mit knallbuntem Eskapismus, Ausflüge in den chinesischen Alltag gibt es nur ausnahmsweise. Das zeigt auch die Anthologie "China Girls". Der Band sammelt zwölf Kurzgeschichten chinesischer Künstlerinnen, zum Teil noch weit unter 30, außerhalb Asiens hat bisher kaum eine von ihnen etwas veröffentlicht. Etwas gewagter als Benjamin/Zhang Bin beschäftigen sie sich mit der Realität Chinas - und verpacken ihre Kritik in sanfte Melancholie.
Homosexualität ist hier ebenso Thema wie psychische Störungen, beides Tabus im semi-sozialistischen China. Die Geschichten erzählen meist von einer Verwestlichung des Landes, deren Ausdruck nicht nur allgegenwärtige Handys und westliche Modemarken sind, sondern auch "Simpsons"-Plakate. Gleichzeitig handeln sie von den Problemen mit eben diesem Westen. In der Episode "Geburt einer Künstlerin" sieht sich die Zeichnerin als Kunststudentin an einem Londoner College in einem Kurs mit einem Aktmodell konfrontiert. In China hatte sie nur Büsten abzeichnen dürfen.
Auch hier, wie bei Benjamin und Song Yang, finden sich immer wieder Upper-Class-Träume von betörend schönen Menschen mit seltsam hochgepushten Problemen. Nein, Dissidenz ist nicht das Ding der neuen chinesischen Comic-Szene. Eher tastet sie sich vorsichtig an die Möglichkeiten eines Mediums heran, das sich in China trotz seiner fast einhundertjährigen Geschichte in den Jugendjahren befindet.
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