Comics: "Mein Kampf" in Entenhausen

Von Antonia Götsch, Ronald Heinemann und

In der neuesten Ausgabe der Micky Maus toben Tick, Trick und Track durch eine Bildergeschichte, in der auch Hitlers "Mein Kampf" eine Nebenrolle spielt. Schlechter Aprilscherz oder feine Ironie von Donaldisten?

Geschmacklosigkeit oder Parodie? Hitlers "Mein Kampf" in der aktuellen "Micky Maus"

Geschmacklosigkeit oder Parodie? Hitlers "Mein Kampf" in der aktuellen "Micky Maus"

Berlin - Das kleine Detail bemerkt man nur bei genauem Hinsehen. In der Titelgeschichte der aktuellen "Micky Maus"-Ausgabe taucht im ersten Bild auf Seite 7 Adolf Hitlers "Mein Kampf" auf. Die jungen Enten Tick, Trick und Track toben über eine Müllkippe, und zwischen einer kaputten Trommel, alten Reifen und zerknautschten Dosen liegt ein grünes Buch, das den Titel der Hetzschrift des Führers trägt, die in der Bundesrepublik nicht unkommentiert veröffentlicht werden darf. In der Sprechblase darüber steht: "Die sind immer gut für einen Aprilscherz".

Ein geschmackloser Witz der Redaktion? "Nein", sagt Micky-Maus-Chefredakteur Peter Höpfner. Der Comicstreifen "April, April" sei ein Original aus den fünfziger Jahren. Zeichner Carl Barks selbst habe das Buch mit dem Titel "Mein Kampf" versehen, als eine Art Seitenhieb. "Das Buch liegt auf der Müllkippe, da wo es hingehört", so Höpfner.

1942 von der Hollywood-Industrie erstmalig als Propaganda gegen Hitler-Deuschland eingesetzt, entwickelte sich die Parodie auf das Nazi-Regime in den folgenden Jahrzehnten zum versteckten Running-Gag für Insider. Doch 60 Jahre nach Kriegsende erschließt sich diese Verballhornung kaum einem Leser auf den ersten Blick. "Ich denke nicht, dass die Gefahr besteht, Kinder auf falsche Gedanken zu bringen", sagt Höpfner. "Ihnen fällt der prekäre Titel des Buches gar nicht auf. Den vielen älteren Lesern aber sollte sich der Witz erschließen".

So sieht es auch Patrick Martin, Präsident von D.O.N.A.L.D., der Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus. "Solange 'Mein Kampf' auf der Müllkippe liegt und nicht bei Donald im Bücherschrank steht, finde ich das völlig unbedenklich", sagt Martin. Auch eine Kommentierung der Stelle hält der Donaldist für überflüssig. Seitenhiebe auf Weltanschauung oder Politik gebe es in Entenhausen nun einmal ständig. Bürgermeister etwa würden immer als Schweine dargestellt.

 Entschärfte Version: In früheren Micky-Maus-Ausgaben wurde "Mein Kampf" auch schon mal wegretouschiert

Entschärfte Version: In früheren Micky-Maus-Ausgaben wurde "Mein Kampf" auch schon mal wegretouschiert

Wer sich in Internet-Foren von Donald Duck-Fans umschaut, stellt fest, dass dort immer wieder einmal über Nazi-Anspielungen in den Comics diskutiert wird. So trage in einer Geschichte ein Abbruchunternehmer den Nachnamen "Blitzkrieg", die Panzerknacker singen "Heut' gehört uns die Kohldampfinsel, und morgen die ganze Welt." Kritische Stimmen sind in der Minderheit. Die meisten Donaldisten vertreten die Meinung, die Ironie in der verfremdeten Verwendung von Nazi-Aussprüchen oder -Symbolen sei deutlich erkennbar.

"Gerade in den deutschen Übersetzungen der Disney-Comics finden sich viele Anspielungen auf den Nationalsozialismus", sagt auch der Hamburger Klimatologe Professor Hans von Storch, der als Gründungsmitglied der Donaldisten auch als Begründer der Duckforschung in Deutschland gilt. Die legendäre Übersetzerin Erika Fuchs habe ihre Leser mit Sprache und Witz fordern wollen. Micky Maus-Chefredakteur Höpfner betont: "Frau Fuchs hat selbst gesagt, sie wolle diese Leute und ihre Ideologie verhohnepiepeln".

Solche Erklärungen fehlen im aktuellen Heft. Kommentare seien im Heft nicht vorgesehen. "Wenn wir eine Fußnote setzen, heben wir das Detail doch nur noch mehr hervor", meint der Chefredakteur. Empörten Lesern, die sich melden sollten, will er in einem persönlichen Brief antworten.

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