Umstrittene "Watchmen"-Prequels: Dürfen die das?

"Watchmen"-Prequels: Unansehnliche Helden Fotos
DC Comics

Die düstere Superhelden-Saga "Watchmen" gilt seit 25 Jahren als Meilenstein des Comics, jetzt erscheint eine umstrittene Serie von Prequels auch in Deutschland. Im Interview erklärt "Rorschach"-Zeichner Lee Bermejo seine Begeisterung und den Zwist um "Before Watchmen".

Vor rund 25 Jahren dekonstruierten und revolutionierten der britische Autor Alan Moore und sein Landsmann, der Zeichner Dave Gibbons, mit "Watchmen" das uramerikanische Genre der Superhelden-Comics. Ihre Helden waren desillusionierte und in vielfacher Weise beschädigte Charaktere, die Welt, in der sie lebten korrupt und amoralisch. Das vielschichtige Werk avancierte zu einem der einflussreichsten und bestverkauften Comics aller Zeiten, 2005 führte das Nachrichtenmagazin "Time" "Watchmen" als einzigen Comic in seiner Liste der 100 besten englischsprachigen Romane, 2009 lief die Verfilmung von Zack Snyder in den Kinos.

Im vergangenen Jahr präsentierte der Comic-Verlag DC eine Heftreihe, in der die Vorgeschichte der Figuren erzählt wird, sehr zum Missfallen von deren Schöpfer Alan Moore und zahlreicher Fans der Originalserie. Als Sammelbände erscheinen die "Before Watchmen"-Serien nun auch in Deutschland.

Der in Italien lebende US-amerikanische Zeichner Lee Bermejo hat "Rorschach", eines der "Watchmen"-Prequels, gezeichnet. Im Interview spricht er über seine Beziehung zu dieser Figur, die Arbeit an einem Mythos und die Empörung der Fans.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Bermejo, welche Bedeutung hat die Originalserie für Sie?

Bermejo: Ich habe "Watchmen" Anfang der Neunziger, im Alter von 15 Jahren, zum ersten Mal gelesen. Damals habe ich nicht alles verstanden, vor allem, was die politische und gesellschaftliche Dimension der Geschichte angeht. Erst einige Jahre später, beim nochmaligen Lesen, habe ich diese Aspekte für mich entdeckt. Aber die Figuren haben mich von Anfang an begeistert: gebrochene, neurotische Charaktere, die so ziemlich das Gegenteil von dem waren, was man von Superhelden erwartete. Allerdings war das Buch damals schon fast zehn Jahre alt, und ich hatte zu dieser Zeit schon Frank Millers "Die Rückkehr des dunklen Ritters" und Howard Chaykins "American Flagg" gelesen, Comics, die einen ähnlichen Ansatz verfolgten wie "Watchmen". Wahrscheinlich wäre die Wirkung noch stärker gewesen, wenn ich die Serie zur Zeit ihres Erscheinens gelesen hätte.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie reagiert, als Ihnen die Mitarbeit an "Before Watchmen" angeboten wurde? War es eine Herausforderung, sich mit Figuren zu beschäftigen, die Generationen von Comic-Lesern kultisch verehren?

Bermejo: Ich habe mich bemüht, möglichst wenig darüber nachzudenken, sonst wäre ich wohl verrückt geworden. Wenn ich ehrlich bin, war mir von Beginn an klar, dass wir nur verlieren konnten. Wenn man sich mit einem Werk beschäftigt, das so geliebt wird wie "Watchmen", braucht man gar nicht erst zu versuchen, mit dem Original zu konkurrieren. Egal, was man tut, man wird den Kürzeren ziehen. Man kann nur versuchen, seine Arbeit so gut wie möglich zu machen und Spaß daran zu haben. Ich habe die Figur mit dem nötigen Respekt behandelt und ein paar eigene Ideen hinzugefügt.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie denn Spaß?

Bermejo: Ja. Rorschach war immer der "Watchmen"-Charakter, der mich am tiefsten beeindruckt hat. Eine düstere, gequälte Figur mit einem radikalen Blick auf die Welt. Anders als bei den Helden, die man sonst kennt, ist unter der Maske und dem Trenchcoat kein gutaussehender, muskulöser Typ verborgen. Als mir das Projekt angeboten wurde, war mein erster Impuls Freude darüber, dass ich mich mit dieser Figur beschäftigen darf. Für ein solches Projekt brauche ich rund ein Jahr, ich muss mir also sehr gut überlegen, ob ich mit einer bestimmten Figur so viel Zeit verbringen will und kann. Bei Rorschach war die Entscheidung eindeutig, zumal ich die Geschichte mochte, die der Autor Brian Azzarello erzählen wollte. Allerdings wurde es im Laufe der Arbeit immer quälender, die Trostlosigkeit und Gewalt dieser Figur und der Welt, in der sie lebt, war schon eine Belastung.

SPIEGEL ONLINE: Über "Before Watchmen" wurde in der Comic-Welt kontrovers und hitzig diskutiert, es heißt, DC habe mit den Schöpfungen von Alan Moore und Dave Gibbons nur Kasse machen wollen. Moore selbst schimpft bei jeder Gelegenheit auf das Projekt, bezeichnet es als "Travestie" und forderte jeden Comicleser, der Ihren Comic kauft, öffentlich dazu auf, seine Werke in Zukunft nicht mehr zu kaufen. Hat Sie diese extreme Reaktion überrascht?

Bermejo: Ehrlich gesagt, kann ich beide Positionen in dieser Auseinandersetzung verstehen. Abgesehen von der juristischen Seite...

SPIEGEL ONLINE: ...Alan Moore wirft DC vor, ihm aufgrund eines Kniffes und einer alten Vertragsklausel die ihm zustehenden Rechte an den Figuren vorzuenthalten...

Bermejo: Richtig. Aber dazu kann ich nichts sagen, ich habe den Vertrag nicht gelesen. Aber darüber hinaus kann ich seine extreme Reaktion verstehen. Ich denke, er hat eine sehr starke emotionale Beziehung zu "Watchmen". Moore ist ein begnadeter Autor und hat zahlreiche großartige Comics geschaffen, aber dieses Werk ist sein Meisterstück, es hat seine Karriere begründet und definiert ihn als Künstler, auch in den Augen seiner Leser. Für Dave Gibbons gilt das Gleiche. Andererseits halte ich es für problematisch und lähmend, ein Werk und fiktionale Charaktere für unantastbar zu erklären und auf einen Sockel zu stellen. Sonst hätte es Comics wie "Die Rückkehr des dunklen Ritters" nie gegeben. Es ist wichtig, etwas Neues zu versuchen. Und legitim, gegebenenfalls dabei zu scheitern. Dass Dave Gibbons, anders als Moore, "Before Watchmen" seinen Segen gab, zeigt, wie emotional die jeweilige Position geprägt ist.

SPIEGEL ONLINE: Wird es eine Fortsetzung von "Before Watchmen" geben?

Bermejo: Nein. Zumindest nicht für mich. Ich weiß natürlich nicht, was DC plant. Ich wollte diese spezielle Geschichte zeichnen, das war's für mich. Gerade arbeite ich an einem Projekt, für das ich meine eigenen Charaktere entwickelt habe. Es wird bei Vertigo erscheinen, die Rechte an den Figuren verbleiben bei mir.

Das Interview führte Jörg Böckem

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Comic?
dioskure 06.06.2013
Die Darstellung und der Stil der "Zeichnungen" (von Fotos abgeshoped?) biedert sich mMn dermaßig selbsterniedrigend ans Filmgenre an das es mit interpretierter Comickunst wohl nur noch wenig gemein hat. Der Fantasie bleibt kaum noch Raum. Da warte ich lieber wieder weiter auf Hollywood. Dann ist es wenigstens wirklich "echt".
2. Was wäre wenn
westenmax 06.06.2013
Ich kenne nur den Film. Und war schon irgendwie beeindruckt über die Superheldenvision. Es ist schon ziemlich klug und konsequent dargestellt. Die Idee, was wäre wenn Superhelden Wirklichkeit wurden. Das die Superhelden die Welt in die Hölle leiten werden. Recht und Gerechtigkeit können historische Hindernisse sein. Die Gesellschaft muss sich schubweise ändern können. Auch mit regelmäßiger ungesetzlicher Gewalt. Wenn die konservatie Recht&Ordnungsphantasie immer real wäre (Im Film die Superhelden), werden notwendige Reformen unterlassen und der Weg zu Diktatur und Eskalation ist frei. Im Film gab es einen schönen Vorspann. Der Vietnam Krieg geht nicht verloren. Die 68er werden vom Militär niedergewalzt. Die Pentagon Papiere werden nie bekannt. Die Watergate Affäre scheitert an der Ermordung der Journalisten durch Superhelden. Präsident Nixon übersteht mehrere Amtszeiten. Es gibt keine Abrüstung zwischen den Supermächten da die USA unangreifbar sind und die Apokalypse steht kurz bevor. Eine nette Idee die konsequent zeigt, dass das vermeintlich Richtige zum Falschen führt.
3. Also...
Xianiar 06.06.2013
beim Gratis Comic-Tag gab es ja schon einige Auszüge zu z. B. Rorschach. Und die haben mir richtig gut gefallen, nun kenne ich allerdings auch die alten Ausgaben nicht. Und da die ersten Before Watchman teile seit eben auf meinem Schreibtisch liegen darf ich die alten Ausgaben lt. Herrn Moore ja auch nicht mehr beschaffen.
4. Nur keine Scheu
boblinger 06.06.2013
Zitat von XianiarUnd da die ersten Before Watchman teile seit eben auf meinem Schreibtisch liegen darf ich die alten Ausgaben lt. Herrn Moore ja auch nicht mehr beschaffen.
Was aber eine große Dummheit wäre. Egal was Moore sagt - besorgen Sie sich auf jeden Fall zu den Spin offs das Original. Ganz großartig!
5.
derdai 06.06.2013
Ich habe die Serie schon im amerikanischen Original gelesen... großartige Geschichten, genial gezeichnet. Insbesondere die Minuteman-Storyline, die sich passenderweise dem Stil des Golden Age bedienen, aber auch z.B. Ozymandias oder nicht zuletzt Rohrschach... niemand, der sich mit Comics auskennt kann verneinen, dass diese Serie künstlerisch in jeder Hinsicht überzeugen kann. Auch die Versammlung der Autoren und Zeichnern die an diesem Projekt beteiligt waren weiß zu gefallen, nicht zuletzt J. Michael Straczynski und Joe Kubert: Von daher... bloß nicht verpassen!
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