Comics über Flüchtlinge Nächstenliebe allein reicht nicht

Drei neue Comic-Bände greifen das Migrationsthema auf: Zwei geben sich mit Betroffenheit zufrieden - einer ist richtig, richtig gut.

Szene aus "Der Riss" von Carlos Spottorno & Guillermo Abril
Carlos Spottorno & Guillermo Abril/ Avant

Szene aus "Der Riss" von Carlos Spottorno & Guillermo Abril


Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Jetzt ist es soweit: Das Flüchtlingsthema kommt im Comic an. Gleich drei Bände sind gerade zum Thema erschienen - da kann man nebenbei auch Rückschlüsse auf die Produktionszyklen der Branche ziehen. Viel spannender ist allerdings die Frage: Was taugen sie? Oder: Was nehmen sie sich vor - und erreichen sie ihr Ziel?

Eines vorweg: zwei der drei Bände sind blasenkonform. Wer Flüchtlingsfreund ist, wird darin bestätigt, umgekehrt können sie Flüchtlingsphobie keinen Deut lindern - denn sie machen sich mit der Sache gemein. In "Dem Krieg entronnen" liegt es in der Natur der Geschichte: Olivier Kugler besucht syrische Flüchtlinge in Kurdistan, Griechenland und Frankreich, und zwar im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen (MSF) - da muss man beinahe von Öffentlichkeitsarbeit reden. Und für "Liebe deinen Nächsten" haben sich Gaby von Borstel und Peter Eickmeyer auf einem Rettungskreuzer eingeschifft. Auch hier war der Helfer-Impuls von Anfang an dabei, aber man darf vermuten, dass sie (und jeder halbwegs fühlende Mensch) die Distanz auch dann verloren hätten, wenn sie einigermaßen neutral an Bord gegangen wären. Leider führt die Nähe zu erzählerischen Defiziten.

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Beide Bände halten ihr Anliegen für so toll, dass den Leser alles interessieren muss und/oder wird, was man ihm gibt. Daher prügelt auch Olivier Kugler seine einzige grafische Idee durch das Buch wie einen altersschwachen Esel: Seine Interviews bereitet er zu ganzseitigen Bildern auf, die er mit nummerierten Textkästen, Anmerkungen und Sprechblasen zustopft. Das ist anfangs noch erträglich, aber ab Nummer fünf oder sechs fällt auf, dass man die Schicksale nur noch abarbeitet. Jedes Kapitel beschließt dann ein Interview mit MSF, das sagt, dass das grade geschilderte Elend wirklich scheiße ist und man müsste... - schnarch. Dass man sich dennoch weiter zum Durchforsten der Seiten überwindet, liegt an der akribischen Beobachtung Kuglers, der immer wieder Details unterbringt, die den Flüchtlingsalltag in seiner Unzumutbarkeit stark illustrieren.

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Olivier Kugler, Christoph Schuler (Übersetzer):
Dem Krieg entronnen

Begegnungen mit Syrern auf der Flucht

Edition Moderne, Edition Moderne, 24,80

Auch von Borstel/Eickmeyer muten ihrem Leser arge Längen zu, aber sie kriegen die Kurve besser. Nach 40 Seiten Schiffsbeschreibung, Interviews, Maschinenraum, Grillabend mit Crew kommt: der erste Rettungseinsatz, ein informatives und ergreifendes Stück Comic-Journalismus. Weil man Zusammenhänge versteht: Die Rettungsschiffe fahren nämlich nicht planlos durch die Gegend, sie erfahren wann und wo die Flüchtlinge unterwegs sind. Nur deshalb haben sie eine Chance zu helfen, weil man so ein Boot ansonsten im Meer praktisch nicht findet. Also sucht das Rettungsschiff die Nadel im Heuhaufen. Und einmal auch mitten in der Nacht, wo die Trefferquote dann vollends jenseits von Gut und Böse ist. Hier kombiniert Eickmeyer hinter die Doppelseite des treibenden, überfüllten Bootes im nassen Schwarz eine Doppelseite mit nichts als einem geretteten Säugling im tröstlichen Goldgelb der Rettungswesten. Wer dabei nichts fühlt, heißt wohl schon Gauland.

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Fotostrecke: Liebe deinen Nächsten

Man kann natürlich quengeln, dass man so den Leser manipuliert. Was doppelt stimmt: Eickmeyer wechselt in der zweiten Hälfte vom Computerkolorieren zur analogen Aquarelltechnik, liefert wesentlich emotionalere Bilder, die meistens sogar komplett ohne die sonst recht trocken-therapeutischen Texte auskommen. Was erneut die Frage aufwirft, warum der Anfang so zäh werden musste. Das Hauptproblem beider Bände ist freilich nicht die Optik, sondern dass man mit Recht fragen kann, ob Betroffenheit ein weiterführender Ansatz ist - weshalb Band drei so viel besser abschneidet: "Der Riss", von den spanischen Journalisten Carlos Spottorno und Guillermo Abril.

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Gaby von Borstel, Peter Eickmeyer:
Liebe deinen Nächsten

Auf Rettungsfahrt am Mittelmeer an Bord der Aquarius

Splittter, 128 Seiten, 24,80 EUR

"Der Riss" beginnt als Foto-Reportagen-Serie entlang der EU-Grenze. Die Autoren starten in der spanischen Exklave Melilla in Afrika, sie zeigen den enormen Aufwand der Grenzsicherung - und die Ursache des Problems: der irrsinnige Sicherheits- und Wohlstandsgegensatz. Sie besuchen die Grenzen zwischen Bulgarien und der Türkei, begegnen erneut der Zaunbaufirma aus Melilla - und demselben Gegensatz zwischen denen drinnen und denen draußen. Sie begleiten eine (erstaunlich ähnliche) Schiffsrettungsaktion im Mittelmeer, den Flüchtlingssommer 2015, der jetzt völlig normal wirkt, weil der Leser die Motivation dahinter konstant im Hinterkopf hat.

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Fotostrecke: Der Riss

Nicht ganz so gut fügen sich die Ausflüge nach Osteuropa ein, aber spätestens in Finnland schließt sich der Kreis: Dort fahren regelmäßig Pkw über die Grenze, marode und überladen wie die Flüchtlingsboote im Mittelmeer. Hinter der Grenze entsteigen ihnen Flüchtlinge aus Afghanistan, Kamerun, sonstwoher. Und wie es auf Lampedusa einen Friedhof für abgewrackte Flüchtlingsboote gibt, befindet sich hier einer für Schrottkarren, der vor allem eines bestätigt: dass Europa auf der Welt derzeit das sinnvollste Ziel ist. Die Fassungslosigkeit der Autoren darüber, dass große Teile der Europäer die Attraktivität der eigenen Situation derzeit nicht mehr erkennen, ist auf jeder Seite greifbar - und verhilft "Der Riss" zu einer wesentlich präziseren Forderung als den Konkurrenten: Wer Europa und seinen Wohlstand bewahren will, muss den auslösenden Gegensatz abbauen. Zu deutsch: Er muss mehr Menschen an diesem Wohlstand beteiligen.

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Carlos Spottorno, Guillermo Abril:
Der Riss

avant-verlag, 184 Seiten, 32,00 Eur

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banalitäter 26.10.2017
1. Attraktivität Europas von vielen Europäern nicht erkannt
Leider hat der Autor recht mit dieser Beobachtung . Mir grusels oft , wenn ich kleingeistige Mäkeleien in den Medien lese .Med. Versorgung , Rechtssicherheit, eine offene Gesellschaft und vieles andere mehr werden gering geschätzt , weil viele Bürger nicht gewillt sind , über den eigenen Tellerrand hinaus zuschauen . Vielleicht sollte man/frau mal andere Kulturkreise besuchen - Tourismus als Schule des Weltbürgertums . Dann würden die Prioritäten wieder zurechgerückt .
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