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Comicsalon Erlangen: Wo Schlumpfine sich mit Superman vergnügt

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Mangas, Superhelden und die Schlümpfe: Der Erlangener Comicsalon 2008 einte Fans mit den verschiedensten Geschmäckern - und zeigte, dass die deutsche Szene auch ohne internationale Stars Spaß haben kann.

Müsste man den Comicsalon Erlangen mit einer der vielen Welten des Comic-Universums vergleichen, käme ihm vermutlich das Dorf der Schlümpfe am nächsten. Eine überschaubare und dennoch vielfältige Gemeinde, mit gelegentlich seltsamen Bewohnern, voller Harmonie, aber mit einem gewissen Frauenmangel.

Die vom belgischen Zeichner Peyo vor knapp 50 Jahren erfundenen, blau-weißen Gnome waren dieses Jahr die Schutzwichtel der wichtigsten deutschen Comicveranstaltung, die seit 1984 im fränkischen Erlangen abgehalten wird. Tausende von ihnen waren als weiße Figuren zum Selberbemalen in den Winkeln der Stadt versteckt. Eine Ausstellung auf dem Marktplatz präsentierte kurz und präzise die Historie der Schlümpfe. Und über allem schwebte ein blauer Zeppelin wie der gute Geist von Papa Schlumpf.

So viel Schlumpf macht friedlich. "Entspannt" ist wohl das passende Wort, um die diesjährige Veranstaltung bei mildem Wetter und mit ausgesprochen vielfältigen Programmpunkten zu beschreiben; von Skandalen und Pleiten blieb man vollständig verschont.

Hochtalentierte Handwerker

Dabei sah es im Vorfeld gar nicht danach aus. Zu wenig Stars der Szene, konnte man etwa monieren. Tatsächlich waren fast ausschließlich deutsche Comiczeichner anwesend, um sich und ihren Stift den Fans vorzuführen. Und die wenigen angereisten internationalen Gäste - wie der Disney-Zeichner Marco Rota oder der "Hellblazer"-Artist Goran Sudzuka - zeichnen häufig eher in der B-Liga, hochtalentierte Handwerker, aber ohne große Fanscharen.

Abgesagt in letzter Minute hatte Melinda Gebbie, Frau von Alan Moore und künstlerische Partnerin des begnadeten Szenaristen beim epochalen Edelporno-Comic "Lost Girls". Sie hatte für Moore den Preis für ein herausragendes Lebenswerk abholen sollen, der dem Autor auf dem Comicsalon verliehen wurde.

In Wirklichkeit aber war die Abwesenheit der Stargäste ein Segen. Die deutsche Zeichnerszene präsentierte sich unbefangen wie noch nie. "Es ist großartig", so Claudia Jerusalem-Grönewald vom Carlsen Verlag. "Vor zehn Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass deutsche Zeichner so viel Publikum anlocken." Lange Schlangen bildeten sich vor Ralf König, Flix oder dem deutschen Superseller Joscha Sauer.

25.000 zahlende Besucher lockte das Programm dieses Jahr - fünftausend mehr als im Vorjahr. Und wer kam, fand nicht nur Comics, sondern wurde auf eine wunderbare Schnitzeljagd geschickt. In Zusammenarbeit mit Panini gab es ein exklusives Stickeralbum, das für jeden Besucher gratis war. Dazu hatten die Verlage, Händler und Aussteller passende Aufkleber produziert, die man sich an den jeweiligen Ständen abholen konnte.

Schulterschluss zwischen Hoch- und Trivialkultur

Das bunte Durcheinander bei der Jagd nach den Stickern verhinderte Gettobildung, wie sie in den vorigen Salons so oft vorkam: Die Mangafans sammelten sich häufig an den Mangaständen, die Superheldenfans nur bei den jeweiligen Händlern und die Albenfans bei den entsprechenden Verlagen.

Auch auf anderer Ebene wurde der Schulterschluss vollzogen. So erhielten zwar auch dieses Jahr fast ausschließlich Vertreter der Hochkultur-Comics den Max-&-Moritz-Preis, die wichtigste deutsche Comicauszeichnung, deren Feuilletontauglichkeit sich in den letzten Jahren erwiesen hat.

Der Spezialpreis der Jury aber ging ausgerechnet an zwei Vertreter der trivialen Zunft: Hannes Hegen und Hans-Rudi Wäscher. Hegen schuf 1955 das DDR-Comicheft "Mosaik", die langlebige, heute noch laufende deutsche Comicreihe. Wäschers Lebenswerks umfasst als Zeichner von Abenteuerreißern wie "Sigurd, "Akim" oder "Nick" mehrere tausend Seiten und prägte das Comicbild der jungen Bundesrepublik wie kein anderer. Während Hegen aus gesundheitlichen Gründen den Preis nicht selbst abholen konnte, zeigte sich der inzwischen 80-jährige Wäscher gerührt: "Ich habe so lange auf den Preis gewartet, da ist die Freude um so größer."

Großer Sieger des Salons war allerdings Jiro Taniguchi. Der Japaner, der leider nicht selbst kommen konnte, gewann sowohl den Preis "Comic des Jahres 2007" als auch den Max-&-Moritz-Preis für den besten Manga, mit dem die Jury seine Alltagsnovelle "Vertraute Fremde" über das Japan der sechziger Jahre auszeichnete.

"Wie ein Bombentrichter"

In all die Harmonie mischten sich nur wenige Misstöne. "Der Kontakt zum Kulturamt ist teilweise viel zu einseitig", monierte etwa Dirk Schulz vom Comicverlag Splitter. Mehrere Veranstaltungen für das Rahmenprogramm des Salons habe er vorgeschlagen, "auf eine Antwort warte ich heute noch".

Zufrieden zeigte sich Schulz trotzdem. Der vor weniger als zwei Jahren neugegründete Splitter-Verlag mit Schwerpunkt auf hochklassigen Fantasy- und SF-Comics war einer der am dichtesten umlagerten Stände des Salons. "Man sieht, dass es mit Comics, speziell mit Alben, in Deutschland wieder aufwärts geht", lautete sein Resümee.

Ähnlich äußert sich der Berliner Comicjournalist Lutz Göllner: "Ich sehe dieses Jahr unzählige hochmotivierte Künstler, die ganz genau wissen, was sie tun und was sie wollen." Insbesondere die Arbeit der Hochschulen findet sein Lob, denn dort gehören Comics inzwischen zum Lehr-Alltag.

Den deutschen Universitäten entstammen mittlerweile so wichtige Stimmen wie Mawil, Arne Bellstorf oder die Senkrechtstarterin Line Hoven, deren deutsch-amerikanische Comicerzählung "Liebe schaut weg" ebenfalls mit zwei Preisen auf dem Salon ausgezeichnet wurde. Mit einer herrlich bunten Reihe von Ständen bildete der Comicbereich der Hochschulen den kreativsten Flecken des Salons.

Bedrückend und wenig bunt wirkte dagegen der Händlerbereich. Dort wurden Comics teilweise zum Kilopreis verramscht. Insbesondere in der Sammlerecke stapelten sich tausende von Comics unsortiert auf Tischen, in Kisten und auf dem Fußboden, Klassiker wie Schund, zerfleddert oder im Bestzustand.

"Wie ein Bombentrichter", so der ernüchternde Kommentar eines Besuchers. Hier fehlte der gute Geist vom großen Schlumpf.

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Comicsalon Erlangen: Schnitzeljagd und Schlümpfe


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