Coming-of-Age-Roman "Wie ein unsichtbares Band": Das Trauerweidensyndrom

Von Maren Keller

Autorin Garland: Schwermütiges Buch von der ersten Liebe Zur Großansicht
Alejandra López

Autorin Garland: Schwermütiges Buch von der ersten Liebe

Mitreißend wie der Río Paraná: Inés Garlands Coming-of-Age-Roman "Wie ein unsichtbares Band" erzählt von Liebe, Verrat und Erwachsenwerden während der Zeit der argentinischen Militärdiktatur.

Es sei das Trauerweidensyndrom, sagt Almas Vater am Anfang dieses Buches, das die Bewohner der Flussinsel befalle. Das Trauerweidensyndrom mache sie träge und unfähig, irgendetwas zu Ende zu bringen. Wie die alte Nachbarin, die kaum etwas anderes tut, als am Ufer des Flusses zu sitzen und dem Wasser nachzusehen.

Almas Familie verbringt die Ferien und Wochenenden auf der Insel in der Nähe von Buenos Aires. Alma badet im Fluss und spielt während der Überschwemmungen im knietiefen Wasser. Die Insel ist ihr Kindheitsparadies. Und schon als Kind weiß sie, was sich hinter dem Trauerweidensyndrom verbirgt: Es ist Liebeskummer. Aber sie weiß noch nicht, dass auch sie sich auf der Insel damit infizieren wird.

Die erste Liebe - davon handelt Inés Garlands Coming-of-Age-Roman "Wie ein unsichtbares Band". Aber er handelt noch von so viel mehr. "Wie ein unsichtbares Band" ist ein schwermütiges Buch, die Stimmung ist so drückend wie ein zu heißer Tag am Wasser. Denn der Roman spielt im Argentinien der späten Siebziger, in der Zeit der Militärdiktatur.

Es sei doch gut, dass endlich mal jemand für Ordnung sorge, hört Alma die Eltern über den Militärputsch sagen und sorgt sich nicht weiter. Sie wächst in einer Seifenblase auf. Ihre Eltern gehören zur wohlhabenden Mittelschicht. Sie besucht eine Mädchenschule in Buenos Aires, in der sie von Nonnen unterrichtet wird und in der sie keine Freundinnen hat. Nur auf der Insel kommt sie mit dem anderen Argentinien in Kontakt. Die Nachbarn sind arm, und die Kinder der Nachbarn sind Almas einzige Freunde: die mutige Carmen und ihr älterer Bruder Marito, der dringender studieren will als alle anderen Menschen, die sie kennt.

Ein Beinahe-Kuss im Wasser

Von Wochenende zu Wochenende, von Überschwemmung zu Überschwemmung wird Almas Inselleben komplizierter. Plötzlich kommt der Tag, an dem ihre Eltern Almas reiche Schulfreunde einladen, und Alma sich für Carmens Kleid schämt. Ein Verrat an der besten Freundin. Und es kommt der Tag, an dem Marito im Fluss gegen die Strömung schwimmt, um ganz nah bei Alma zu sein, und sie beinahe küsst.

Plötzlich verbieten Almas Eltern ihr den Kontakt zu Marito, plötzlich redet Marito von Krankheiten, an denen die Armen sterben, von denen Alma nie etwas gehört hat, plötzlich redet Carmen gar nicht mehr mit ihr. Bis Carmen und Marito ganz aus Almas Leben verschwinden.

In der Welt dieses Jugendbuchs heißt Erwachsenwerden, dass das Leben nicht mehr von der Strömung des Río Paraná bestimmt wird, sondern dass politische Strömungen es leiten, die ebenso Menschen mit sich reißen können. Im Epilog sitzt die erwachsene Alma 30 Jahre später an der Anlegestelle am Ufer des Flusses. Sie ist auf die Insel zurückgekehrt und begreift zum ersten Mal wirklich, was damals mit Carmen und Marito geschehen ist. Sie weint. Und wer weiß, vielleicht hätte ihr Vater gesagt, das sei das Trauerweidensyndrom.


Inés Garland: "Wie ein unsichtbares Band", Fischer, 256 Seiten, 14,99 Euro

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das heisst...
sgritheall 08.04.2013
...Entwicklungsroman, nicht coming-of-age. Merkwürdig, dass Leute über Literatur schreiben, die ihre eigene Sprache nicht mehr beherrschen.
2.
christian simons 08.04.2013
Zitat von sgritheall...Entwicklungsroman, nicht coming-of-age. Merkwürdig, dass Leute über Literatur schreiben, die ihre eigene Sprache nicht mehr beherrschen.
Wenn schon Deutschtümelei, dann muss es in diesem Fall "Erwachsenwerden-Roman" heissen. Das hört sich zwar furchtbar holprig an, aber Hauptsache, die Reinheit der Sprache bleibt unangetastet, gelle... (Der "Coming-Of-Age-Roman" ist ein Subgenre des Entwicklungsromans, für das es im Deutschen nur umständliche Umschreibungen gibt.)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Buch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
  • Zur Startseite
Buchtipp


Facebook