Johnny-Ramone-Autobiografie Der spießigste Punker der Welt

Die Todesstrafe? Ist eine gute Sache. Schwule? Sind eklig. Punkrock? Ist nur Arbeit. In seiner Autobiografie entlarvt sich Johnny Ramone als Biedermann, der statt Revolution lieber eine sichere Rente wollte. Sex, Drugs und Rock'n'Roll waren auch nicht so sein Ding - eher Milch mit Keksen.

AP

Von Oskar Piegsa


Punkrock war keine Revolution, sondern Restauration. Die Ramones waren keine Rebellen, sondern Dienstleister. Und wer ihren verstorbenen Gitarristen Johnny Ramone für einen Rowdy hält, liegt falsch: Er war ein Moralist, ein Patriot und ein Riesenbaby, das sich nach Geborgenheit sehnte. So zumindest schildert es Johnny Ramone selbst, dessen Autobiografie "Commando" jetzt erstmals in deutscher Übersetzung erscheint.

Johnny Ramone wurde 1948 unter dem Namen John William Cummings als einziges Kind einer New Yorker Arbeiterfamilie geboren. Fernab von Manhattan, in einem Einwandererviertel auf Long Island, betreiben seine Eltern eine "einfache Pils- und Korn-Kneipe mit einer geilen Jukebox", schreibt Ramone. Als Siebenjähriger bekommt er die abgespielten Platten aus der Jukebox, Singles von Jerry Lee Lewis, Little Richard und Fats Domino. Kurz darauf sieht er Elvis Presley in der Ed Sullivan Show - und verfällt endgültig dem Rock'n'Roll. Diese Zeit, so scheint es, war die beste in seinem Leben.

Doch aus irgendeinem Grund steckt viel Zorn in Johnny, der von psychologischen Selbstdeutungen nichts hält und in seiner Autobiografie die andernorts angedeuteten dunklen Seiten seiner Jugend verschweigt - etwa die Strenge seines Vaters. Als Teenager ist Johnny der "Rambo des Viertels". Einmal schlägt er seinen späteren Bandkollegen Joey, weil der zu spät zu einer Verabredung kommt: "Ich war 21, er 19. Wir wollten zusammen ins Kino gehen. Da konnte man nicht zu spät kommen." Johnny geht zum Militär, arbeitet auf dem Bau, heiratet früh und gründet später seine Band, die Ramones. Die steht heute für den Aufbruch des Punk, sollte laut Johnny aber nur eine Rückkehr zum guten, alten Rock'n'Roll sein - ohne Soli, ohne Virtuosität, ehrliche Musik.

Die Rente fest im Blick

Wer sich an den Mythen einer Subkultur berauschen will, wird "Commando" als ernüchternd empfinden. Das CBGB's, jene legendäre Bar, in der neben den Ramones auch Patti Smith, die Talking Heads und später die Beastie Boys ihre frühen Konzerte spielten, ist für Johnny "unser Arbeitsplatz". Das bedeutet: pünktlich hingehen, ordentlich abliefern, Geld einsammeln und ab nach Hause. Verbrüderungen mit Szenetypen? Saufexzesse? Fehlanzeige.

Andere Bands sind für Johnny Konkurrenten - in der Fabrik würde man ja auch nicht auf einen After-Work-Drink in Fließbandnähe bleiben. Johnny sieht sich als Arbeiter, nicht als Künstler. Er fühlt sich unwohl in der Gegenwart von College-Absolventen und Kreativen - selbst wenn es sich dabei um die Talking Heads handelt oder um Andy Warhol, der einmal bei einem Ramones-Konzert auftaucht.

Was Johnny über die Ramones erzählt, klingt, als berichtete ein alternder Patriarch von seinem Familienunternehmen. "In finanziellen Fragen vertraute mir die Band blind", schreibt Johnny. "Unsere Gewinnspanne war ziemlich gering, und wir zahlten die Crew so gut es eben ging. Klar, hätte ich ihnen gerne mehr bezahlt. Aber ich hatte auch meine Rente im Blick." Altersvorsorge, schreibt Johnny an anderer Stelle, "verträgt sich schlecht mit Großzügigkeit."

Ähnlich leidenschaftslos betrachtet er den Punk. Erst als sein Buch halb vorbei ist, erwähnt er den Begriff zum ersten Mal. Johnny Ramone mag die Sex Pistols und The Clash, die auf der anderen Seite des Atlantiks für Furore sorgen. Er sieht aber vor allem die Notwendigkeit, Teil einer internationalen Bewegung zu sein, um von den Medien wahrgenommen zu werden.

Von den Umgangsformen in der Punkszene ist Johnny jedoch angewidert. Wer zu einem Ramones-Konzert kommt, soll sich gefälligst benehmen. So wie in Japan. "Vor einem Konzert nahmen die japanischen Fans schweigend ihre Plätze ein", schreibt Johnny. "Alle hatten den Punk-Look drauf, nett, hübsch und sauber, bis zur kleinsten glänzenden Niete." Anders gesagt: "Ich liebte das Land."

Europa hingegen ist "grässlich". Das geht schon in England los: "Ich hasste die Hotels. Ich konnte nicht einmal von meinem Zimmer aus nach Hause anrufen. Ich musste erst in die Lobby runter und dann auf dem Zimmer auf die Verbindung warten." Noch schlimmer ist Frankreich: "Es nervt mich total, wenn ich versuche, etwas zu Essen zu bestellen und die nicht verstehen, was ich sage. Ich bestelle Eis, und die bringen mir einen einzigen Eiswürfel, und ich muss eine warme Cola trinken."

T-Shirts wie aus der Kinderabteilung

Johnny Ramone gefällt sich in der Rolle des amerikanischen Maulhelden. Der Vietnamkrieg? "Ich war dafür, den Feind in die Steinzeit zurückzubomben." Die Todesstrafe? "Hinrichtungen sollten im Fernsehen übertragen werden." Johnny Ramone ist ein Narziss, ein Chauvi, und sein Peter-Pan-Syndrom ist kaum zu übersehen. "Schwuchteln" machen ihn nervös, Rap findet er "ekelhaft" und seine Kindheitsnostalgie wächst sich zur Ignoranz aus. Über das Jahrzehnt, in dem die Aufhebung der Rassentrennung auf heftige Widerstände stieß und in der Südstaatenstadt Little Rock das Militär einmarschieren musste, damit neun schwarze Schulkinder nicht von weißen Erwachsenen gelyncht wurden, schreibt Johnny: "Damals war Amerika noch ein anderes Land, alle kamen miteinander aus, es waren die Fifties, Mann."

Johnny Ramone trug die Prinz-Eisenherz-Frisur zwei Nummern zu groß und enge T-Shirts, als hätte er sie in der Kinderabteilung gekauft. Er sammelte Poster von Monsterfilmen und machte es bald zum Ritual, nach Konzerten Milch und Kekse zu kaufen. Mit diesem Snack, der in Amerika kleinen Jungs von ihren Müttern ans Bett gebracht wird, zog er sich in sein Hotel zurück, um Fernsehen zu schauen. Einsam wirkt er in solchen Momenten. Fast möchte man ihn in den Arm nehmen und drücken. Womöglich hätte er sich nicht mal gewehrt: Seine Autobiografie zeigt Dutzende Bilder, auf denen er Arm in Arm mit anderen Prominenten zu sehen ist, jeweils unterschrieben mit "Johnny mit seinem Freund Vincent Gallo", "Johnny mit seinem Freund John Frusciante", "Johnny mit seinem Freund Tim Burton", usw.

"Wenn ein Mann seinen Erfolg im Leben daran messen kann, ob er großartige Freunde hatte, dann bin ich sehr erfolgreich gewesen", steht auf dem Grabstein von Johnny Ramone auf dem Hollywood-Forever-Friedhof am Santa Monica Boulevard.

Der Musiker starb am 15. September 2004 in Los Angeles. Über dem Marmorsockel ragt eine lebensgroße Bronzestatue in den Himmel: Johnny Ramone beim Gitarrespielen. Er selbst wollte es so, ein Denkmal für einen amerikanischen Helden. Nur Graceland ist kitschiger.

insgesamt 79 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Blattmann 23.08.2012
1.
Auch wenn es blöd klingt, aber Musiker sind schlussendlich nichts anderes als Dienstleister. Ich erwarte von jedem Musiker, dass er pünktlich auf der Bühne steht. Ich mag diese Aussagen von ihm.
taubenvergifter 23.08.2012
2. ...
spätestens jetzt weiss man auch, weshalb Sham69 texteten: "if the kids are united". Ganz bewusst war nicht die Rede von "if the etablierten and wohlhabenden alten Männer are united". Die Punkszene kann auf die Empathie solcher nine-to-five PseudoPunks verzichten.
Hank Hill 23.08.2012
3. Der Autor dieses Artikels
scheint zu glauben, dass Kuenstler sich privat mit dem identifizíeren muessen was sie auf der Buehne, im Atelier oder sonstwo produzieren. So muss ein Punkmusiker besoffen sein und Anarchie predigen. Was macht dann eigentlich ein deutscher Volksmusiker ? Es ist doch voellig unerheblich ob Johnny Ramone was gegen Schwule hatte. Man kann doch nicht so naiv sein und glauben dass die Person díe gleich Rolle zuhause wie auf der Buehne spielt. Dazu kommt noch dass in einer Gruppe eh die verschiedensten Charaktere und oft auch Lebensstile aufeinander treffen. Uebrigens ist Graceland m. E. nicht kitschig. Es war halt der Baustil, die Art von Klamotten usw, in dieser Zeit. Nach der Logik des Autors koennte man auch jede Barock Kirche als kitschig empfinden weil sie nicht dem heutigen Stil entspricht. Die Ramones waren eine der wichtigsten Band der letzten 50 Jahre. Sie waren kommerziell nicht erfolgreich. Allerdings haben wir in Deutschland nicht ansatzweise etwas aehnliches gutes in diesem Feld hervorgebracht.
Manollo 23.08.2012
4. Der spießigste Punker der Welt?
Offensichtlich schafft es Ramone aber, den Autor kräftig zu provozieren, mit Ansichten, die dem heutigen politisch korrekten Diskurs widersprechen. Nach dem heute gültigen PC-Kodex ist es u.a. ganz ganz schlimm: Schwule nicht ganz so doll lieb zu haben, die Todesstrafe cool zu finden, japanische Sekundärtugenden zu mögen. Man könnte auch sagen, der heute lebende gutmenschliche fortschrittliche aufgeklärte Zeitgenosse verkörpert das aktuelle Spießertum, dessen Werte man öffentlich lieber nicht in Frage stellt. Insofern hat sich Johnny Ramone post mortem doch noch als Nonkonformist bewährt...
kolloq 23.08.2012
5. optional
Bei Shakespeare (Measure for measure, 5. Akt, erste Szene) wird die Bezeichnung 'Punk' für eine Prostituierte verwendet. Da haben wir schon die Dienstleistung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.