Tragische Schriftstellerehe Liebe, unheilbar

Ihre turbulente Beziehung brachte Weltliteratur hervor, doch mit ihr zerbrach auch das Leben von Sylvia Plath: Aus der Sicht von Ehemann Ted Hughes erzählt Connie Palmens Roman eine grausame und wunderschöne Liebesgeschichte.

Ted Hughes und Sylvia Plath im Jahre 1959
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Ted Hughes und Sylvia Plath im Jahre 1959


Sie haben sich gefetzt, aufgesogen und bis zur Zerstörung geliebt: Das Schriftstellerpaar Sylvia Plath und Ted Hughes ging in die Geschichte ein. Sie war voller Selbstzweifel und Schaffensdrang, eine junge Dame, die alles auf einmal wollte. Er, der gescheiterte Retter und Orpheus aus den Untiefen des Seins, der seine Geliebte nicht würde halten können.

Nachdem sich die gerade einmal 30-jährige Autorin am 11. Februar 1963 umbrachte und posthum zu einer Ikone des Londoner Literaturbetriebs avancieren sollte, war ihr Ehemann schnell als der Schuldige identifiziert. Affären und schließlich die Trennung von der depressiven Plath ließen den schönen Dichter zum gefallenen Engel werden. In ihr, zerrissen zwischen Mutterschaft und Schriftstellerei, entdeckten viele Zeitgenossen eine literarische Schutzheilige der Frauenbewegung, in ihm hingegen den untreuen und selbstsüchtigen Aufreißer.

Dass diese damalige öffentliche Verschmähung einer Gegendarstellung bedurfte, ja, dieses "gestohlene Leben" seinem Besitzer zurückgegeben werden sollte, mag wohl auch Connie Palmen angetrieben haben, ihren so filigranen wie emphatischen Roman "Du sagst es" zu schreiben. Hierin lässt sie den seit dem Selbstmord seiner Frau "Verdammte[n]" in einer fingierten Autobiografie selbst zu Wort kommen.

Autorin Connie Palmen
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Autorin Connie Palmen

Wie in einem Film ziehen noch einmal die Hoch- und Tiefphasen der siebenjährigen Ehe vorüber: Erzählt wird von der Feuersbrunst der ersten Begegnungen, dem körperlichen Verzehr, der Suche nach einem Dichterasyl zwischen Amerika und England, dem Streben nach Wahrheit und poetischer Größe, den Geburten der Kinder und nicht zuletzt den energiegeladenen Kollisionen zweier sich beflügelnder und aneinander reibender Genies.

Während sich Sylvia im einen Moment Ted noch himmelhochjauchzend hingibt, birgt schon der nächste Augenblick Aggression und Selbstverlust. Minutiös schildert Hughes die Kapriolen und Stimmungsumschwünge: "Sie war ein süß duftendes Gefäß voll Gift." Palmen kreiert einen männlichen Ich-Erzähler, dem die anfangs befreiende Liebe mehr und mehr als ein Gefängnis vorkommt. Wie bekannt ist, lässt auch der Crash nicht lange auf sich warten.

Als sich Ted in eine amour fou mit einer anderen Frau stürzt, zerbricht nicht nur die Ehe, sondern auch die ohnehin fragile Plath. Anspielungsreich zeichnen die fiktiven Aufzeichnungen des Lyrikers die Mythisierung einer zu früh gestorbenen Dichterkönigin nach. Mal präsentiert Hughes sie uns als Jesus der Passionsgeschichte oder als Eurydike, dann wiederum als eine aus dem Jenseits heraus wirkende Rachegöttin.

Loblied auf die Literatur und das Schreiben

Palmen entwirft einen Hughes, dessen Erinnerungen und Wertungen sich zu einem gehaltvollen Kunstwerk verdichten. Der Roman nimmt dabei Qualitäten einer aristotelischen Tragödie an. Hätte diese einzigartige Beziehung zwischen Erneuerung und Zerfall ihren Platz nicht in der Realität gehabt, hätte sie die Bühne erfunden.

Wir lernen Ted und Sylvia als wahre Heldencharaktere, Welteneroberer und heillos Schwermütige kennen, deren Schicksal von Anfang an feststeht. Denn was sich in diesem Text als allgegenwärtig erweist, ist der Schatten des Todes - Sylvias unabwendbares Ende. Nicht ihre Eifersucht war Teds Gegner, sondern, wie der Ich-Erzähler immer wieder deutlich macht, der in ihr schlummernde Drang zu sterben, ja, nicht mehr Teil dieser Welt sein zu wollen.

Gerade im Angesicht dieser Finsternis bahnte sich eine Produktivität Raum, wie sie etwa in vergleichbarer Weise die liaison amoureuse zwischen Marguerite Duras und dem bedeutend jüngeren Schriftsteller Yann Andrea auszeichnete - einer passionierten Dyade, deren Spannungen binnen weniger Jahre Werke von Weltrang hervorbrachte.

Kaum fassbar, aber ungemein schön werden wir nun erneut einer Verbindung jenseits aller Wirklichkeit gewahr. Dass Connie Palmen dabei bewusst auch Plaths (pathologische) Traurigkeit verklärt und deren Glorifizierung vorantreibt, darf nicht geleugnet werden.

Palmen hat jedoch alles andere im Sinn als eine wirklichkeitstreue Chronik. Ihre bewusste Stilisierung Plaths im Spiegel ihres Erzählers bringt eben den Märchencharakter hervor, der diesem Buch seine Einzigartigkeit verleiht. Es ist ein uneingeschränktes Loblied auf die Literatur und das Schreiben, worin sich zwei Freigeister zeitweilig einen neuen Raum, erschließen konnten - ein Sein am Rande des Realen, poetisch und erschütternd gleichermaßen.

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