Gefängnisgeschichten Der Typ mit der Metallplatte in der Stirn

Unter Crack-Einfluss tötete Curtis Dawkins einen Mann, nun sitzt er lebenslang. Aus der Haft heraus schreibt er in Kurzgeschichten von der Realität des amerikanischen Strafvollzugs - völlig frei von Knastromantik.

Szene aus Jim Jarmuschs Gefängnisfilm "Down by Law" (1986)
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Szene aus Jim Jarmuschs Gefängnisfilm "Down by Law" (1986)


In einer Story des amerikanischen Kurzgeschichtenautors Raymond Carver heißt es einmal: "Ein Mann kann sich immer an die Regeln gehalten haben, und plötzlich ist alles scheißegal."

Auch Curtis Dawkins hat sich immer an die Regeln gehalten. Eigentlich. Bis 2004 dann ein paar Minuten lang tatsächlich alles irgendwie scheißegal zu sein schien. Scheißegal, dass er verheiratet ist. Und scheißegal auch, dass er Kinder hat. Unter Crack-Einfluss tötet Dawkins bei einem Banküberfall einen Mann.

Er wird gefasst und zu einer lebenslangen Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt. Seither sitzt er in der Lakeland Correctional Facility in Michigan fest - und schreibt. Knastliteratur. Gefangenen-Prosa. Close-ups aus dem abgeschlossenen Mikrokosmos Zuchthaus. Er erzählt Gefängnisalltags-Episoden ohne jede Elendsmalerei oder den Versuch, sich in seinen Geschichten besser zu machen, als er ist. Oder als die, mit denen er die Zelle teilt.

US-Gefängnis-Doku-Serie "Hard Time"

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Das hat beim Lesen manchmal etwas Irritierendes, weil man das Gefühl hat, anderen durch Gitterstäbe hindurch beim langsamen Verwelken zuzusehen. So genau beschrieben aber hat man Porträts von Leuten, die "wen umgebracht haben", kaum je gelesen. Denn Dawkins findet eine ganz eigene, manchmal grandios poetische Sprache für das, was sich den strikten Anstaltsregeln folgend Tag für Tag bei immer brennenden Lampen im Suizidgefährdetenflügel des Lakeland-Gefängnisses abspielt.

Wie die roten Anstaltsoveralls der Männer auf dem grob verpixelten Buchumschlag schmiegen sich Dawkins' Sätze an die Typen, die er porträtiert, an. Über einen Mitgefangenen heißt es einmal: "Toms Brust sah aus wie ein Skizzenblock - zwei Oldtimer, ein Löwe, Micky Maus, Gitterstäbe, durch die Tränen tropfen, ein grünes Etwas, das vielleicht die Erde darstellte oder ein Schiff oder einen Basketball oder den Mond, und das Ganzfigurenporträt einer Frau, die Tom später Karen nannte."

Wie mit der Tätowierernadel gestochene Sätze

2017 kamen einige von Dawkins' Knast-Stories beim renommierten New Yorker Verlagshaus Scribner heraus - sie liegen nun unter dem Titel "Alle meine Freunde haben wen umgebracht" auf Deutsch vor. Sie erzählen die Geschichte eines Mannes und seiner erzwungenen sozialen Anpassung in einer Welt hinter Gittern - parabelhaft und absolut frei von Kitsch- und Knastromantik.

Kein Wunder also, dass Joyce Carol Oates, die selbst Hunderte von Storys schrieb und publizierte, Dawkins einen "sagenhaft begabten Erzähler" nennt. Denn tatsächlich sitzt bei dem Kerl jeder Satz, stimmt jedes Bild. Genau betrachtet erinnern seine wie mit der Tätowierernadel gestochenen Sätze an die des großen, hierzulande aber leider weitgehend vergessenen National-Book-Award-Preisträgers von 1966, James Dickey. Dann wieder leuchtet das poetische Delirium der Südstaaten-Exorzistin Flannery O'Connor in seinen Geschichten auf.

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Curtis Dawkins:
Alle meine Freunde haben wen umgebracht

Übersetzung: Hannes Meyer

Suhrkamp, 214 Seiten. 14,95 Euro

Kürzlich schrammte Dawkins selbst an seinem ersten Literaturpreis vorbei. Sein Buch stand auf der Shortlist des renommierten PEN/ Hemingway-Award für Erstlingswerke, ging am Ende aber leer aus.

Für den Mann aber wahrscheinlich kein Problem. Denn er wird natürlich weiterschreiben. Geschichten hervorstoßen, in denen er den scheinbar Ehrlosen ihre Würde zurückgibt: Tom, dem Typen mit der Metallplatte in der Stirn. Oder Doo-Wop, dem hochverschuldeten Tabak-Junkie, den die Nichtraucher anschreiben lassen. Genügend Zeit dafür hat er jedenfalls. Denn wie heißt es im Auftaktstück des Bandes, "County Jail": "Ich war zum ersten Mal im Gefängnis und würde lange bleiben."

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