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Cyber-Autor William Gibson: Im Land des Daten-Kraken

Von Uh-Young Kim

Alternde Rockstars, abtrünnige Spione und ein mysteriöser Container: In einer digitalen Welt voller Paranoia siedelt William Gibson sein Buch "Quellcode" an. Der Erfinder des Cyberpunk reist darin erstmals rückwärts in die Zeit - denn nichts ist futuristischer als das Gestern.

Wie aus dem Nichts erscheint ein Riesenkrake in einer Lagerhalle, aus dem Strand von Malibu ragt die Hand der Freiheitsstatue empor, und vor einem Club liegt der Schauspieler River Phoenix, als sei er gerade erst an einer Überdosis gestorben. Die phantastischen Szenen gehören zur Locative Art – ein Kunsttrend, bei dem mithilfe von GPS-Modulen und W-Lan-Stationen virtuelle Modelle in der Wirklichkeit verteilt und durch Virtual-Reality-Helme sichtbar gemacht werden.

Autor Gibson: Technologien als unkontrollierbarer Motor der Menschheitsgeschichte
Michael O'Shea

Autor Gibson: Technologien als unkontrollierbarer Motor der Menschheitsgeschichte

Diese hyperrealen Graffitiwerke hat sich William Gibson für seinen neuen Roman "Quellcode" ausgedacht. Und vielleicht gibt es sie schon längst. Denn wie kaum ein anderer zeitgenössischer Schriftsteller versteht es Gibson, die Gegenwart mittels Projektionen in die Zukunft zu erkunden. 1984 erfand Gibson einen Abenteuerspielplatz namens Cyberspace, als das Internet noch ein rudimentäres Kommunikationssystem für Eliten war. Sein Debütroman "Neuromancer" begründete das Subgenre "Cyberpunk", einen schmutziger Gegenentwurf zu den autoritätshörigen Zukunftsidealen, mit denen die Science Fiction in eine Sinnkrise geraten war.

Seitdem hat sich Gibson immer weiter der Gegenwart zugewandt, vor ein paar Jahren ist er im Jetzt angekommen. Mit "Quellcode" begibt sich Gibson nun sogar in die unmittelbare Vergangenheit: Der Science-Fiction-Thriller um ehemalige Rockstars, abtrünnige Spione und einen mysteriösen Container in der Überwachungswelt nach dem 11. September 2001 spielt im Frühling 2006. Gibson zeigt, wie futuristisch schon das vorletzte Jahr war - und bemerkt selbstironisch, wie altmodisch das einstige Modewort "Virtual Reality" heute klingt.

Bestialischer Intellekt und blendendes Dandytum

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE vermeidet der 60-jährige Schriftsteller und geistige Vater aller Computerhacker, Prognosen abzugeben: "Für mich war es schon immer selbstverständlich, dass Science Fiction nicht die Zukunft voraussagt, denn das ist schlicht unmöglich. Science Fiction handelt von dem Moment, in dem sie geschrieben wird." Mit zengleicher Ruhe spekuliert er lieber über Analogien zur Vergangenheit. So habe man sich bereits in der Viktorianischen Zeit mehrmals am Tag Briefe geschrieben wie heute E-Mails. Und das Lagerfeuer der Höhlenmenschen sei seiner Meinung nach der erste Bildschirm der Menschheitsgeschichte gewesen - eine Oberfläche, in die Gesichter hineinprojiziert wurden.

Gleichzeitig faszinieren ihn neue Technologien als unkontrollierbarer Motor der Menschheitsgeschichte. In "Quellcode" hat sich das eigendynamische Datennetz um eine Dimension erweitert und steht nun mitten im Leben. Dabei verkörpert das Leitmotiv der Krake das allgegenwärtige Geflecht aus elektronischen Informationsströmen: Mit ihren digitalen Tentakeln haben Google, Ebay, Blogs und Handys sämtliche Lebensbereiche durchdrungen, kartographiert, katalogisiert und verlinkt - aber auch in unzählige Paralleluniversen aufgeteilt.

Der Cyberspace kehre sich selbst nach außen, meint ein Locative-Art-Künstler zur Romanheldin Hollis Henry. Hollis hat den Auftrag erhalten, für ein ominöses Magazin über die neue Kunst-Avantgarde zu berichten. Schon bald erfährt sie von einer Jagd nach einem rätselhaften Container, der über die Weltmeere segelt. Zwielichtige Söldner aus dem Irakkrieg liefern sich ein Wettrennen um diesen Fliegenden Holländer und dessen geheime Fracht, eine chinesisch-kubanische Fälscherfamilie, pensionierte CIA-Agenten, Hacker und der luziferianische Werbemagnat Hubertus Bigend sind ebenfalls involviert. Letzterer glänzte bereits in Gibsons vorangegangenem Buch "Mustererkennung" (2003) mit bestialischem Intellekt und blendendem Dandytum. Die Verfolgung spitzt sich von Los Angeles und New York über Washington zu, bis sich die Wege der Beteiligten im kanadischen Vancouver kreuzen.

Zukunft als permanentes Übergangsstadium

Doch am Schluss sind die Figuren noch immer in ihren jeweiligen Wirklichkeitsblasen verhaftet. Hollis nimmt ihre Umgebung als warenhafte Anordnung von Designerprodukten und Markennamen wahr – eine Welt, die der große Stilist der spekulativen Literatur hinreißend geschliffen beschreibt. Der kubanische Meisterdieb Tito steht zwar im harmonischen Einklang mit den spirituellen Geistern, aber abseits seiner Religion bleibt der Alltag für ihn ein Mysterium. Mit dem zwanghaften Regierungsagenten Brown und seiner tablettenabhängigen Geisel Milgrim hat Gibson zudem ein tragisch-komisches Paar erschaffen, das den Kontrollwahn und die Paranoia in den USA seit dem "Krieg gegen den Terror" in all seiner Absurdität verkörpert.

Den gespenstischen Schwebezustand und den unheimlichen Verlust einer zusammenhängenden Wirklichkeit fasst der Originaltitel des Romans "Spook Country" prägnanter zusammen als das deutsche "Quellcode". Unwiderruflich ist die Realität von Fiktionen aus Gut und Böse, Angst und Macht, Coolness und Geld überlagert, während die Zukunft als permanentes Übergangsstadium in der Gegenwart angekommen ist. Immer rasanter lösen sich darin die digital zirkulierenden Symbole von ihren Bedeutungen, um das Soziale zu zersetzen und Profite zu maximieren.

Mit den gleichermaßen überformten Erwartungen des Lesers wiederum spielt Gibson, wenn er schließlich in einer Antiklimax elegant gegen Genrekonventionen steuert. Spitzbübisch gesteht der Altmeister: "In dieser Erzählung wollte ich den Glamour des gewöhnlichen Thrillers vermeiden. Im Container verbirgt sich nämlich nicht, was alle erwarten." Mitten aus einer Welt, die nur aus Verweisen zu bestehen scheint, erfindet William Gibson so mit unverstelltem Blick die Wirklichkeit neu.


William Gibson: "Quellcode", Klett-Cotta, 22,50 Euro

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