Von Karoline Meta Beisel
Ignatz ist dreizehn und in seine Klassenkameradin verliebt. Primavera, so ihr Name, mag ihn auch. Ungünstig nur, dass sie dabei ist, sich in einen Cyborg zu verwandeln: Halb pubertierendes Mädchen, halb automatische Sexmaschine. Außerdem trinkt sie Blut. Manchmal auch das von Ignatz, genannt Iggy. Und wenn sie will, kann sie Männer mit ihrer "Vagina dentata" - ihrem Geschlechtsteil mit Zähnen - sogar umbringen.
Für einen Science-Fiction-Roman ist das Setting von "Tote Mädchen" gar nicht so abwegig: Irgendwann in der Zukunft produzieren Cartier, Rolex und andere Luxusartikelhersteller schicke Androiden als Spielzeuge für die Superreichen. Bald überschwemmen billige Kopien und Sex-Roboter aus Asien, die jeden noch so abseitigen Wunsch erfüllen, den Markt. Wie Junkies sind die Männer den Puppen verfallen. Die Welt als morbider Porno.
Die Quittung für das wollüstige Treiben kommt indes schnell: Ein Virus überträgt sich von den Automaten auf die Menschen. Wer sich infiziert, kann fortan nur noch Puppen zeugen, so wie Primavera eine ist. Der Menschheit droht die Auslöschung - aber sind die Puppen im Kern nicht auch noch Mensch?
Statt Rassismus herrscht "Speziesismus"
Wie viel Tuning hält ein Lebewesen aus, bevor es aufhört, ein lebendes Wesen zu sein? Im sogenannten Cyberpunk-Genre - populäre Vertreter sind zum Beispiel William Gibson oder Neal Stephenson - wird diese Frage oft gestellt. Richard Calder fügt in seinem Roman einen politischen Aspekt hinzu: Wer hat darüber eigentlich die Definitionsmacht? In "Tote Mädchen" ist es die regierende "Reinheitspartei", die zum Massaker an den Puppen aufruft. Statt Rassismus herrscht "Speziesismus".
Iggy und Primavera könnten die Identifikationsfiguren sein in diesem Klassiker, der 20 Jahre nach ihrem Erscheinen nun endlich auch auf Deutsch vorliegt. Am Anfang sind sie das auch. Aber es ist schwer, den Protagonisten zu folgen, wenn man am laufenden Band mit immer neuen Begriffen, Lebensformen, Orten aus einer düsteren Zukunftswelt konfrontiert wird, die kaum beschrieben und fast nie erklärt werden: Der Virus, der Primavera in eine Maschine verwandelt, transportiert zum Beispiel "ein antifraktales Programm, das die Matrix mit euklidischen Imperativen infiziert."
Statt Antworten zu geben, wirft Calders Roman immer mehr Fragen auf, und als, viel zu spät, ein paar Rückblenden wenigstens ein bisschen Klarheit bringen könnten, ist der Leser schon so genervt, dass es ihm ziemlich schnurz ist, was aus Iggy, Primavera und der Menschheit wird.
In Großbritannien war "Tote Mädchen" der Auftakt zu einer Trilogie. Bei Suhrkamp ist das Buch (mit einem Vorwort des Phantastik-Experten und "FAZ"-Redakteurs Dietmar Dath) wie Paul Di Filippos "Mund voll Zungen" in der noch recht jungen Horror-Reihe "New Gothic" erschienen. Dass "Tote Jungen" und "Tote Dinge" hierzulande auch bald zu lesen sind, ist also eher unwahrscheinlich.
Dafür arbeitet Calder gerade an einer Graphic-Novel-Adaption seines Erstlings. Keine schlechte Idee. Vielleicht wird ja alles etwas verständlicher, wenn sich diese grausige Zukunftsvision nicht nur in Worten, sondern auch in blutigen Cyber-Porno-Bildern entfaltet.
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