Weihnachten in Entenhausen Bah, Humbug!

Wie wird Weihnachten in Comics gefeiert? In Entenhausen eher nüchtern - denn Onkel Dagobert ist Festtagsmuffel. Die düstere Stimmung hat etwas zu tun mit der Lebensgeschichte seines Erfinders Carl Barks.

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Disney Enterprises Inc./ Egmont Comic Collection 2013

"Weihnachten liegt mir nicht! Ich kann niemanden leiden, und mich kann auch niemand leiden." Das ist nicht Ebenezer Scrooge, der Antiheld aus Dickens' berühmter Weihnachtsgeschichte mit den drei Geistern. Das ist Dagobert Duck bei seinem allerersten Auftritt im Dezember 1947, in der Geschichte "Christmas on Bear Mountain" (deutsch: "Die Mutprobe").

Eine Verwandtschaft zum viktorianischen Ebenezer kann dieser neuamerikanische Grummler nicht leugnen. Heißt er im Original doch Scrooge McDuck. "Ja, ich habe gestohlen, aber nur ein ganz kleines bisschen", gab Carl Barks, Erfinder der Figur, später zu.

Seit 1942 war Barks einer der Hauptzeichner für Disney-Comics in den USA, und ohne Frage der beste von ihnen. In unermüdlicher Produktivität hatte er in diesen fünf Jahren rund 70 Enten-Comics geschrieben und gezeichnet und dem bis dahin recht charakterlosen Erpel Donald eine unverkennbare Heimatstadt Entenhausen, ein Familien- und Sozialleben und einen schlecht bezahlten Beruf in einer Margarinefabrik auf den Leib geschrieben. Kurz: Er hatte die Ente zum Menschen gemacht.

Aber erst mit Dagobert Duck transzendierte er seine Entengeschichten vom sehr guten Comic zum Überklassiker. Der Erpel mit Backenbart ist ohne Frage eine der komplexesten Figuren der Comic-Geschichte, zumindest bei Barks. Ein unausstehlicher Geizkragen, eine tragische Gestalt, ein Selfmade-Millionär, ein einsamer Abenteurer. Symbolhaft vereint er die gute und die schlechte Seite des Kapitalismus in sich, ist raffender und schaffender Mensch zugleich.

Weihnachtsstreit mit Zorngiebel zu hart für Veröffentlichung

Geplant war das so nicht. Barks, der erst sehr spät im Beruf des Comic-Zeichners sesshaft wurde und dessen Vorgeschichte als Farmer und Holzfäller viele Ähnlichkeiten zur Biografie Dagoberts aufweist, mochte Weihnachten nicht. "Weihnachten ist Humbug und sollte aus dem Kalender gelöscht werden", schrieb er noch 1983.

Die Weihnachtsgeschichten lieferte er auf Bestellung des Verlags, der diese in verschiedenen Publikationen verwurstete. Es steckte keine Liebe dahinter. Wenigstens den frühesten Geschichten merkte man das an. 1945 zeichnete er ein kitschiges Garn über verlorene Weihnachtsgeschenke, die den Ärmsten der Armen zu einem frohen Fest helfen, 1946 eine rasante, letztlich aber belanglose Slapstick-Episode über einen Albatros, der die Familie Duck in der Vorweihnachtszeit terrorisiert.

Eine Geschichte, in der sich Donald Duck mit Nachbar Zorngiebel ausgerechnet an Heiligabend in die Wolle kriegt, wurde vom Verlag als so heftig empfunden, dass sie jahrelang nicht erscheinen durfte.

Es ist "Die Mutprobe", in der sich Barks' Ablehnung von Weihnachten, der Frust über die ungeliebte Auftragsarbeit und die Idee, ein klein wenig von Dickens zu klauen, genial vereinen. Sie öffnete nicht nur die Tür zu vielen weiteren Abenteuergeschichten mit Dagobert Duck, die gerechterweise zum Kanon der größten Comics ebenso zählen sollten wie zum Kanon der Weltliteratur. Sondern auch zu weiteren Weihnachtsgeschichten wie "Weihnachten für Kummersdorf", einer fatalen Erzählung über Armut und Einsamkeit, an deren Ende Dagobert Duck wie Gollum im "Herr der Ringe" einsam in einer dunklen Höhle sitzt, neben seinen Talern, seinem Schatz.

Mit Dagobert Duck war die Entenfamilie komplett. Das vollständige Familienporträt aus armem und reichem Onkel, schnieker Tante, nervigem Vetter und altkluger Kinderbande ermöglichte Barks in Zukunft realistische Erzählungen über die Vorweihnachtszeit des amerikanischen Mittelstands, mit denen er, ganz frei von Weihnachtsklischees mit dicken Santa-Kläusen und allmächtiger Vergebung, davon erzählte, wie das so war, in den fünfziger Jahren Weihnachten zu feiern.

Insofern war jene Nacht auf dem Bärenberge, "Die Mutprobe", das schönste Weihnachtsgeschenk überhaupt.

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