"Damals" von Siri Hustvedt Das Leben als Spiegelkabinett

Eine Landpomeranze wird ein Party-Arschloch nicht los, beinahe vergewaltigt er sie: die Schlüsselszene des neuen verschachtelten Romans von Siri Hustvedt. Wie viel von damals prägt die Autorin von heute?

Siri Hustvedt (2007)
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Siri Hustvedt (2007)


Das Unheil beginnt auf einer Party. Eine junge Frau lernt einen gut aussehenden Mann kennen, der auf penetrante Weise von sich eingenommen ist. Später bringt er sie nach Hause, sie will ihn loswerden, aber er drängt sich in ihre Wohnung. Als sie sich wehrt, stößt er sie mit voller Wucht gegen ein Bücherregal. Erst im letzten Moment kommt ihr die Nachbarin mit zwei Freundinnen zu Hilfe. Der Drecksack, der im Übrigen einen mickrigen "Bleistiftschwanz" hat, sucht das Weite.

Die Beinahe-Vergewaltigung ist eine Schlüsselszene in Siri Hustvedts neuem Roman, sozusagen ein perfekter #MeToo-Beitrag. Beklemmend in ihrer detaillierten Anschaulichkeit, vor allem weil es der Frau nicht gelungen ist, den Mann rechtzeitig abzuschütteln, weil sie gegen ihr ungutes Gefühl gehandelt hat - und damit gegen sich selbst. Dem eigenen Kompass treu bleiben? Eine Illusion, wenn männliche Übergriffigkeit eine böse Eigendynamik entwickelt, hier in Gestalt eines Party-Arschlochs.

Die amerikanische Bestsellerautorin erzählt diese Szene auf verschiedenen Ebenen. Das liegt an der ausgeklügelten Konstruktion ihres Romans. Da ist zunächst die ältere, renommierte Schriftstellerin, die sich daran erinnert, wie sie als junge Frau 1978 nach New York kam, um einen Roman zu schreiben und später Literatur zu studieren.

Ein Echo des Schmerzes

Zufällig hat die Autorin das Tagebuch wiedergefunden, das sie damals als junge Frau verfasst hat. Sie liest die Notizen, taucht noch einmal ein in ihr früheres, unausgegorenes Ich. Jetzt, knapp vier Jahrzehnte später, leidet sie immer noch, wenn sie an die demütigende Nacht zurückdenkt, es gibt eine Art Echo des Schmerzes, obwohl so viele Jahre vergangen sind.

Wie zuverlässig ist unsere Erinnerung? Wie weit bearbeiten wir sie im Nachhinein mit unserer Fantasie, unseren Wünschen? Wer ist diese unfertige Person von damals, und wie viel von ihr steckt in dem heutigen Ich? Solche Fragen umkreist Siri Hustvedt auf scharfsinnig-subtile Weise, indem sie ihre Hauptfigur quasi verdoppelt. Zwei Frauen treten in einen Dialog miteinander, sie sind verschieden, aber doch dieselbe. Heute kann die ältere Frau mit einem Lächeln auf die jüngere schauen.

Die Frau, die hier S. H. genannt wird und mit 23 nach New York kommt, ist ein Greenhorn. Von ihren Bekannten wird sie liebevoll-spöttisch "Minnesota" genannt, eben weil sie aus diesem nördlichen Bundesstaat kommt, eine Landpomeranze. Sie muss sich zurechtfinden in der Stadt ihrer Kinderträume, die voller Geld ist, während sie selbst in einem schäbigen Apartment auf der Upper West Side haust und auch schon mal ein weggeworfenes Sandwich aus dem Mülleimer fischt. In Erwartung zukünftiger Liebhaber hat sie zwei Teller, zwei Bestecke, zwei Gläser angeschafft, Tisch und Stühle besitzt sie nicht.

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Siri Hustvedt
Damals

Verlag:
Rowohlt Buchverlag
Seiten:
448
Preis:
EUR 24,00
Übersetzt von:
Uli Aumüller, Grete Osterwald

Die größere Herausforderung als die Armut ist aber ihre verrückte Nachbarin Lucy, die ständig düsteres Zeug von Tod und Verrat vor sich hin plappert. Ein klagender Singsang, "bindau, bin-dau, bin-trau, bin trau, bin traurig", der für S. H. zum Albtraum wird. Erst als Lucy sie vor dem potenziellen Vergewaltiger rettet, lernt S. H. auch die fürsorgliche Seite ihrer Nachbarin kennen.

Zeichnungen als ironischer Kick

Siri Hustvedts Roman "Damals" - auf Englisch heißt er sehr viel schöner "Memories of the Future" - trägt stark autobiografische Züge, und mit diesen Parallelen spielt die gewiefte Bestsellerautorin. Auch Siri Hustvedt, groß und blond wie S. H. im Roman, stammt aus Minnesota, hat norwegische Vorfahren und kam 1978 zum Literaturstudium nach New York.

Im Roman heiratet sie einen Physiker namens Walter - also hier keine Konkurrenz, S. H. ist die Schriftstellerin in der Familie. Anders erging es, wie man weiß, der realen Siri Hustvedt, die sich erst aus dem Schatten ihres berühmten Schriftsteller-Gatten Paul Auster herausschreiben musste. Eine hübsche Pointe: Als junger Mann hatte der Physiker Walter im Roman rote Haare, jetzt sind sie grau. Kann man sich Paul Auster mit roten Haaren vorstellen? Eben nicht!

"Damals" ist ein literarisches Spiegelkabinett mit vielen Querverweisen, Anspielungen und Zitaten. Eine experimentelle Konstruktion, wie schon in Hustvedts Vorgänger-Roman "Die gleißende Welt". Verschiedene Textgattungen werden hier aneinandergeschnitten: seitenweise Auszüge aus einem etwas angestrengten Detektivroman, den die junge S. H. verfasst hat, aus ihren Tagebüchern, dazu die Reflexionen der älter gewordenen Schriftstellerin. Das liest sich, zugegeben, bisweilen etwas beschwerlich und mäandernd, und so manövriert man zwischen großer Bewunderung und gelegentlicher Ermüdung hin und her.

Eine hübsche Beigabe sind die Zeichnungen der Autorin, die dem Roman einen ironischen Kick geben. Da sehen wir Albert Einstein mit riesigem Kopf und zwergenhaften Unterbau. Oder den unvermeidlichen Donald Trump - eine, wie kann es anders sein, aufgeblasene Witzfigur.



insgesamt 2 Beiträge
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beathovenr66 11.03.2019
1. Feine Literatur eiher hochintelligenten Autorin..
Wer, wie ich, Siri Hustvedt vor über 20 Jahren bei einer fast intimen Lesung in Frankfurt erlebte, könnte DAMALS schon erahnen. Ein Stück eigene Biographie ist in ihren Romanen immer dabei. Die Bücher dieser, im wahrsten Sinne des Wortes, aufregenden Frau begleiten mich durch die Jahrzehnte. Viele habe ich mehrmals gelesen, stets mit wachsendem Vergnügen. DAMALS reiht sich überragend in diese Reihe ein, absoluter Lesetipp. Schade, habe keine Karte für die Aprillesung in Frankfurt bekommen, besitze aber ihren unbezahlbaren Dankesbrief für mein Weihnachtspaket 1997, Lebkuchen... und mit jedem Buch, hier im März gleich Zwei, bedankt sie sich aufs Neue !
scream queen 12.03.2019
2. Nun ja ...
... die Älteren unter uns erinnern uns vielleicht noch an Erich von Dänikens "Erinnerungen an die Zukunft" (Mega-Alien-Invasion-Bestseller 1968ff.); insofern verwundert es kaum, dass der Verlag sich für einen anderen, gleichwohl extrem uninspirierten Titel entschieden hat. Ansonsten scheint mir das ein am Reißbrett konstruierter Roman zur Zeit zu sein, auf den aktuellen Markttrend hin geschrieben (in Deutschland derzeit Weltmeister in dieser Disziplin: Feridun Zaimoglu). Was aber natürlich nichts an der unverrückbaren Tatsache ändert, dass Fr. Hustvedt eine dreimal bessere Schriftstellerin ist als ihr unendlich öder Gatte.
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