Tiefschwarzer Thriller Ertrunken oder ermordet - was ist Wahrheit, was ist Wahn?

Die Thriller von US-Autor Dan Chaon sind Reisen in die tiefe Nacht verwundeter Seelen. In seinem neuesten Roman "Der Wille zum Bösen" bekommen alle Sinn versprechenden Geschichten immer mehr Löcher.

Ertrinkender (Symbolbild)
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Ertrinkender (Symbolbild)


Satanismus, Serienkiller, Massaker - das sind marktübliche Zutaten für den Thriller-Einheitsbrei auf den Bestsellerlisten. Der amerikanische Autor Dan Chaon zaubert daraus ein sternewürdiges Menü und landete mit "Der Wille zum Bösen" auf den "Beste Romane von 2017"-Listen von unter anderem "New York Times", "Los Angeles Times" und "Interview".

Chaon interessiert sich nicht für die literarische Ausgestaltung blutiger Metzeleien, seine bislang drei Romane sind Reisen in die tiefe Nacht verwundeter Seelen. Hart und düster und manchmal schwer zu ertragen, aber auch voller Mitgefühl und Zuneigung zu seinen waidwunden Helden, die manchmal, ohne es zu ahnen, auch Täter sind.

Einer von ihnen ist Dustin Tillman, Psychologe, Witwer, Vater zweier Söhne. Und traumatisiert, seit seine Eltern, sein Onkel und seine Tante erschossen wurden. Tillman war damals noch ein Kind, und der vermeintliche Killer sein älterer Adoptivbruder Rusty, der jetzt nach 27 Jahren im Gefängnis wieder auf freien Fuß kommt, aufgrund neuer DNA-Beweise, die ihn als Täter ausschließen. Für Tillman, der sein Leben seit dem Krebstod seiner Frau ohnehin kaum noch im Griff hat, beginnt die Realität sich aufzulösen, auch weil es seine Aussage gewesen war, die zu Rustys Verurteilung geführt hatte.

Der Umschlag von Sinnsuche in Paranoia

"Wir erzählen uns selbst immer eine Geschichte über uns selbst", sagt Tillman. "Aber wir können diese Geschichten kontrollieren. Daran glaube ich! Ereignisse in unserem Leben haben eine Bedeutung, weil wir beschließen, sie ihnen zuzuschreiben." Tillmans eigene Geschichte bekommt im Verlauf des Romans zunehmend Löcher, und das auch im Wortsinne.

Chaon lässt Sätze im Nichts enden, fügt Lücken in den Text ein, verändert den gewohnten Satzspiegel und macht so die zunehmende Ich-Dissoziation seines Protagonisten auch sichtbar. Nicht mehr in dem, was wir lesen, scheinen sich Sinn und Wahrheit zu verbergen, sondern in den Aussparungen.

Der Umschlag von Sinnsuche in Paranoia ist das große Thema dieses Romans, und Chaon handelt es auf mehreren Erzähl- und Zeitebenen ab. Zum einen enthüllt er nach und nach, was Mitte der Achtziger geschah - oder geschehen sein könnte. Wurde Tillmans Familie Opfer satanischer Jugendlicher, wie die Zeitungen schrieben?

Satanismus war damals ein Riesenthema in den USA, und Tillman erklärt: "Niemand bezweifelte, dass Satanische Rituelle Gewalt, wie es damals genannt wurde, ein reales und wahres Phänomen war. Es war ein seriöses Thema für eine Doktorarbeit." Oder ergaben die Tieropfer, die Orgien auf dem Friedhof, die Rituale nur eine weitere Geschichte, die Tillman sich (und später auch der Polizei) erzählte, um mit Ereignissen fertig zu werden, die ihn komplett überforderten?

Während seine Gewissheiten über die Vergangenheit sich zunehmend verflüchtigen, lässt Tillman sich in der Gegenwart auf ein gefährliches Unterfangen ein. Einer seiner Patienten, ein Ex-Cop, überzeugt ihn nach und nach davon, dass die Reihe von toten Collegestudenten, die scheinbar ertrunken sind, Opfer eines Serienmörders wurden. Wahnvorstellung oder Wahrheit? Für Tillman jedenfalls eine Art Rettungsanker, eine neue potenziell sinnstiftende Erzählung.

Ein Roman, konstruiert wie ein Albtraum

Ein Jahr dauert diese Jagd nach dem vermeintlichen Serienmörder, und in dieser Zeit verliert Tillman den Kontakt zur Realität fast vollständig. Dass sein jüngerer Sohn Aaron inzwischen heroinabhängig geworden ist und ebenfalls Anzeichen von Paranoia zeigt, entgeht ihm ebenso wie Aarons Kontakte zu Rusty, der dem Teenager zusätzliche Zweifel über seinen Vater und die Natur der Realität in den Kopf pflanzt.

Als Aarons bester Freund ertrinkt, will er herausfinden, was wirklich passiert ist, seine eigene Form von Sinnsuche: "Ein Teil von mir wollte, dass mein Dad recht hatte. Ein Teil von mir wollte glauben, dass es einen Weg gab, in dieser idiotischen Welt einen Sinn zu erkennen."

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Dan Chaon:
Der Wille zum Bösen

Aus dem Amerikanischen von Kristian Lutze

Heyne Verlag, 624 Seiten, 14,99 Euro

"Jeder Traum endet mit einem Monster", heißt es in der TV-Serie " True Detective", die auf ganz andere Art ganz ähnliche Themen wie "Der Wille zum Bösen" verhandelt: Ist unsere Realität nur eine Konstruktion, existieren finale Wahrheiten, neigen wir dazu, unser Leben im Rückblick zu verstehen und dabei zu vergessen, dass es vorwärts gelebt werden muss?

Dan Chaon beendet seinen Roman, der wie ein inkonsistenter Albtraum konstruiert ist, zwar mit einer tiefschwarzen Pointe, die vieles erklärt, aber ohne letztendliche Gewissheiten für die Überlebenden (und die Leser). Nach mehr als 600 Seiten bleiben nur eine Reihe rätselhafter Emojis in einer SMS-Nachricht und eine Erkenntnis, die Chaon dem britischen Schriftsteller Sacheverell Sitwell entliehen hat: "Am Ende ist es das Rätsel, das bleibt, nicht die Erklärung."

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