Daniel Dubbe Salonfaschismus und andere Altersschwächen

Prosaskizzen mit deutlichem Ich-Bezug: In "Der Salonfaschist und andere beste Freunde" porträtiert Daniel Dubbe neurotische Einzelgänger.

Daniel Dubbe
Maro

Daniel Dubbe


Als Autor hat Daniel Dubbe, Jahrgang 1942, spät seine ästhetische Berufung gefunden. Sie liegt in der knappen Prosaskizze mit deutlichem Ich-Bezug. "Der Salonfaschist und andere beste Freunde" ist der Abschluss seiner autobiografischen Tetralogie.

Mit ganz trockenem Witz schont Dubbe besonders die anderen nicht: Seien es alterstotalitäre Hitler-Fans oder, ungleich harmloser, neurotische Einzelgänger, deren liebster Zeitvertreib das Verfassen von Schmähbriefen ist.

Dubbes Kurzporträts vermischen sich mit meistens nicht über das narzisstische Normalmaß hinausgehenden Selbsterklärungen und allgemeinen Betrachtungen wie der, dass Frauen sich gerne über brünstige alte Männer lustig machen, weil sie im Alter den Sex nicht vermissen.

Dubbes Erzählprojekt, das sich am eigenen Ich durch die Zeitläufte hangelt, umfasst mit diesem letzten Band auf verhältnismäßig knappem Raum jetzt knapp vier Jahrzehnte. Was sich dergestalt vor dem Leser entblättert, ist mit dem schönen literaturtheoretischen Begriff des "Bildungsromans" am besten benannt: Ein Repräsentant der Kriegskinder-Generation, der die Beatles in Hamburg erlebt (im ersten Band "Jungfernstieg oder Die Schüchternheit"), der in frühen Jahren wie jeder junge Mann liebesblöd den Frauen hinterhersteigt, aber zumindest wie alle seine Generationsgenossen den Heutigen eines voraus hat. Er konnte ganz wunderbar rebellieren gegen eine Welt, die noch in Konventionen und Unfreiheiten steckte.

So ist Dubbes Vita beispielhaft nicht nur für den Aufbruch in den Sechzigern, sondern auch den Lebensgenuss der Siebziger, als die neu erlangten Möglichkeiten nicht nur amouröser Natur ausgelebt wurden. Dubbe beschreibt dieses barbarisch schöne Leben in "Underground oder Die Bewährung"; von den Politischen hielt er sich immer ein bisschen fern, das Rote Jahrzehnt nach der kleinen deutschen Kulturrevolution war für ihn das Jahrzehnt der Künstlerwerdung. Er wollte Schriftsteller sein - ein Berufsstand, der in jenen Jahren durchaus mehr Sex-Appeal hatte als heute.

Der Zeitschriften-Herausgeber, Underground-Schreiber, Schriftsteller, Reise-Journalist und Philologe Dubbe beherrscht die Kunst, Epochen in gut eingefädelten Szenen zu schildern und, wie im neuen Band, mit locker und lässig hingeworfenen Charakterisierungen Menschen zu umreißen, ohne das eigene Ich von mehr oder weniger dezent formuliertem Spott auszunehmen. Es ist der Typus des alternden Mannes, der langsam aus den gesellschaftlichen Arenen tritt, dem Dubbe in "Der Salonfaschist und andere beste Freunde" ein kleines literarisches Denkmal setzt. Eitelkeiten, Kränkungen, Niederlagen - da sammelt sich was an in einem Leben.

Der Mensch ist ein Wechselwesen, er ist später ein anderer, als er früher war; und so ist alleine dem frühen Dubbe der schönste Satz dieser Autobiografie vorbehalten, sie stammt von dem 20-Jährigen: "Ich war nichts, hatte nichts und stellte nichts vor. Trotzdem war ich zuversichtlich und guter Dinge."

tha

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