Hillbilly-Poet Daniel Woodrell Medikamente klauen, Mutter verarzten

Gefangene der Hillbilly-Hölle: Der Schriftsteller Daniel Woodrell verleiht dem tristen Dasein in Missouri tragische Fallhöhe. Nach seinem Erfolgsroman "Winters Knochen" erscheint nun ein weiteres furioses Werk über den Überlebenskampf zwischen besoffenen Eltern und bedrohlicher Natur.

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Die Mutter ein Phantom, der Vater ein Schreckgespenst: Das große Thema des amerikanischen Hillbilly-Poeten Daniel Woodrell ist die Familie. Doch die Alten sind bei ihm nur fahle Abbilder ihrer selbst, die Organisation des Lebens bleibt den Kindern vorbehalten. Das elterliche Schattenkabinett verspricht keinen Schutz: Mutter dämmert bei Alkohol und chemischen Drogen in der Küche, der unberechenbare Vater ist irgendwo draußen und besorgt Nachschub. Manchmal bleibt er auch ganz weg, was glatt eine Befreiung bedeuten kann für die Familie oder was noch von ihr übrig ist.

So beschreibt es Woodrell jedenfalls in seinem berühmtesten Roman "Winters Knochen", der 2010 angemessen düster verfilmt wurde und Jennifer Lawrence eine Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin einbrachte. Die junge Protagonistin kümmert sich darum, dass die Mutter ihre Drogen einnimmt, die jüngeren Brüder eine Schulausbildung bekommen und alle zusammen manchmal was zu essen. Das Mädchen kann mit dem Gewehr umgehen und weiß, wie man Eichhörnchen aus den Bäumen der Ozark Mountains in Missouri schießt.

Der kleine Chug in Woodrells Roman "Der Tod von Sweet Mister", der gut zehn Jahre nach seinem Erscheinen in den USA jetzt erstmals auf deutsch veröffentlicht wird, hat ein ähnliches rustikales Versorgungssystem. Chug muss so um die 14 sein, und seine Mutter Glenda muss um die 14 gewesen sein, als sie ihn zur Welt gebracht hat. Man weiß nicht so recht, wer hier das Kind ist. An guten Tagen serviert Glanda Chug eine Schüssel, in der sie Eiscreme und Cornflakes zusammenrührt, an schlechten serviert Chug Glenda eine Kanne, in der er Cola und Rum mixt.

Meist ist Mutter dann gut drauf, sie fährt Chug wie einem Liebhaber durch die Haare. Eigentlich ist er alles, nur kein Sohn für Glenda. Mal übernimmt er den Part des Spielkameraden, mal den des Verehrers, mal den des Beschützers. Kurz, die Rollen sind ziemlich durchlässig. Seine Mutter nennt ihn gerne mal "Sweet Mister" - also so wie einen Gentleman, der sie aus ihrem Schlamassel retten könnte.

Die Bordelle und Würfelbuden von Missouri

So etwas ähnliches wie einen Vater gibt es in "Der Tod von Sweet Mister" auch. Red heißt der, er kommt und geht, wann er will. Chug wird von ihm "Fettsack" genannt und auf Touren mitgenommen, wo der Junge in fremde Häuser einsteigen muss, um Medikamente zu klauen. Die schmeißt Red dann mit einem Kumpel ein, um anschließend den Rest der Beute in den armseligen Bordellen und Würfelbuden der Ozark Mountains durchzubringen.

"Hillbilly noir" hat die "New York Times" Woodrells finstere Besichtigungen des amerikanischen Hinterlands genannt. Schwer lässt sich sagen, zu welcher Zeit seine Geschichten spielen, allenfalls die Drogen und die Autos, mit der die Figuren unter dem ewig verhangenen Himmel auf Versorgungstouren gehen, geben Hinweise. 1972 oder 2012, eigentlich könnten die Romane in beiden Jahren spielen. Oft ist von Kriegsveteranen die Rede, ob die nun aus Vietnam oder dem Irak zurückgekommen sind, erschließt sich nicht zwingend.

Süchtige, Siechende und Kranke sind das Personal in den Romanen von Daniel Woodrell. Man könnte sich gut vorstellen, dass auf dem von ihm beschriebenen Ozark-Plateau im hintersten und armseligsten Winkel von Missouri viele Menschen von der Gesundheitsreform Obamas profitieren würden. Andererseits herrscht hier eben auch ein Selbstversorgerstolz, der ganz im Sinne der Tea Party sein dürfte: Medikamente klaut man sich zusammen, und zwischen die Zähne bekommt man immer etwas, solange man eine Feuerwaffe besitzt, mit der man Nagetiere vom Baum holen kann.

Was man so Familie nennt

Die regionale Verdichtung des Dramas, das karge und doch suggestive Vokabular, die schonungslose psychoökonomische Durchdringung kleinster sozialer Einheiten - das alles im Werk von Daniel Woodrell erinnert an seinen Schrifstellerkollegen Donald Ray Pollock. Von dem hat Woodrells deutscher Verlag Liebeskind gerade die blutige Hillbilly-Bibelstunde "Das Handwerk des Teufels" herausgebracht. Und was für Pollock die Hinterwäldler von Ohio sind, sind für Woodrell die Hinterwäldler von Missouri.

Doch wie auch Pollock so gelingt es Woodrell, sein Elendspersonal nicht wie Hillbilly-Abziehbilder wirken zu lassen, vielmehr erhebt er sie zu komplexen psychologischen Figuren, die strampeln und einstecken, um sich aus ihrem Loch namens Heimat zu befreien. Ob das gutgehen kann, ist eine andere Frage.

In "Der Tod von Sweet Mister" versucht der kleine dicke Chug jedenfalls, den Part des Lebensgefährten für die kleine dünne Glenda bald ganz zu übernehmen. Entsprechend der Umstände seines Aufwachsens erhebt er mit der materiellen Versorgung der geliebten Mutter bald auch den Anspruch, dass sie ihm ganz gehöre. Wie Woodrell hier auf eine mögliche inzestuöse Vereinigung zustrebt, ist von einer unausweichlichen Wucht. So banal, so schrecklich ist die Wahrheit hinter seiner lakonischen Missouri-Prosa: In den Ozark Mountains ist man eben gerne unter sich, Fremde stören diese pathologischen Selbstversorger nur.

Es bleibt hier alles in der Familie. Oder was man so Familie nennt.



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