US-Hinterwäldler-Chronist Woodrell: "Meine Monster schaffen andere Monster"

Die Hillbilly-Hölle im US-Hinterland ist seine Heimat, dort spielen auch Daniel Woodrells düstere Krimis. Im Interview spricht der Autor des Welterfolgs "Winters Knochen" über das Elend seiner Nachbarn, rassistische Ressentiments gegen Obama - und wie SMS Farmer noch schweigsamer machen.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Woodrell, Sie leben in den USA in den Ozarks, einer abgelegenen Gegend von Missouri, wo auch Ihre Romane wie "Winters Knochen" oder "Der Tod von Sweet Mister" spielen. Ist das das wahre Amerika?

Daniel Woodrell: Nein, eher die unbekannte und dunkle Mitte. Ein rätselhaftes Gebiet, das die meisten Amerikaner vermutlich nicht mal auf einer Landkarte finden. Ich lebe dort in einer Kleinstadt. St Louis, die nächste große Stadt, ist zwei Autostunden entfernt, Memphis nicht viel weiter. Bei uns gibt es nur ein Kino und kaum Geschäfte oder Restaurants. Meine Frau und ich überlegen oft, dort wieder wegzugehen, aber letztlich bin ich in der Gegend zu tief verwurzelt. Meine Familie lebt dort seit Generationen, genaugenommen seit 1838. Wir sind Provinzler. Das merke ich, wenn ich nach New York reise: Ich habe jedes Mal Angst, mich zu verlaufen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Romanen schildern Sie Ihre Heimat als trostlose, unbarmherzige und perspektivlose Einöde. Wie reagieren Ihre Nachbarn darauf?

Woodrell: Diejenigen, die meine Sachen überhaupt lesen, können meist ganz gut mit den Texten leben. Hin und wieder kommen Beschwerden, aber seit der Hollywood-Verfilmung von "Winters Bone" sind viele meiner Nachbarn stolz, dass ich die Gegend bekannt mache. Und ich behaupte ja nicht, dass es in den Ozarks überall trostlos ist. Den meisten Bewohnern dort geht es besser als meinen Protagonisten. Nur gibt es eben auch Existenzen, wie ich sie beschreibe. Und zwar gar nicht so wenige, sogar direkt in meiner Nachbarschaft.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind bereits mehrfach von dort weggezogen und immer zurückgekehrt. Was interessiert Sie an der gottverlassenen Gegend?

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Woodrell: Spannend ist - neben der atemberaubenden Natur - die gesellschaftliche Durchmischung: Einkommensschwache Familien leben dicht bei Wohlhabenden. Außerdem realisiert man ja oft erst aus der Distanz, was man liebt. Wenn man weit weg von daheim ist, denkt man mehr über die eigene Existenz nach. Mein Vater wuchs in bitterer Armut auf, in einem Umfeld, wie ich es gern beschreibe. Meine Großeltern konnten weder lesen noch schreiben. Aber mein Vater schaffte es trotzdem, einen College-Abschluss zu machen. Es gibt bei uns manchmal auch ein Happy End.

SPIEGEL ONLINE: Anders als in ihren Krimis.

Woodrell: Stimmt schon. Es gibt oft einen Ausweg, nur manche Menschen finden ihn nicht. Erfolg ist relativ. Für manche Menschen ist es schon ein Triumph, nicht im Knast zu enden. Leider lasse ich mich beim Schreiben eher von düsteren Gefühlen leiten.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Romanen "Winters Knochen" und "Der Tod von Sweet Mister" sind Heranwachsende die Hauptdarsteller, die sich in Tristesse und Gefahr behaupten müssen. Warum?

Woodrell: Zufall. "Winters Knochen" war völlig anders angelegt. Das Teenie-Mädchen sollte nur eine Nebenrolle spielen. Aber die Figur faszinierte mich so, dass sie während des Schreibens sozusagen von selber die Hauptrolle übernahm. Das Faszinierende an jungen Menschen ist, dass ihnen viele Türen offen stehen, auch wenn sie arm sind. An jungen Menschen kann man aber auch gut zeigen, wie sich ein Charakter formt, wo ein Erwachsener seine Abgründe her hat. Ein Richter aus meiner Gegend, der "Der Tod von Sweet Mister" gelesen hatte, meinte, ich beschreibe, wie Monster andere Monster schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Spielt eigentlich die Politik bei Ihnen im US-Hinterland eine große Rolle?

Woodrell: Geht so. Klar ist, dass bei uns die Republikaner dominieren. Die Demokraten kommen hier nie über 28 Prozent, die zuletzt Obama erreichte. Neulich schickte Obama zwei Wahlkämpfer zu uns, die mich fragten, wo sie mit ihrer Arbeit beginnen könnten. Ich sagte: "Fahrt lieber dorthin, wo ihr eine Chance habt, die Menschen zu erreichen." Der einzige halbwegs populäre Demokrat hier war Bill Clinton, aber nur weil er aus der Gegend kam.

SPIEGEL ONLINE: Wie populär ist Obama denn insgesamt auf dem Land?

Woodrell: Dass er bei uns auf 28 Prozent gekommen ist, finde ich immer noch grandios. Während des letzten Wahlkampfs war ich tief im Landesinneren, in einigen Kneipen, wo ich erschütternden Gesprächen lauschte - etwa hinsichtlich der Hautfarbe unseres Präsidenten. Da kam ein Vokabular zum Vorschein, von dem ich dachte, dass es seit den frühen Sechzigern überwunden sei. Die Feindseligkeit erschreckte mich. Wenn man das alles bedenkt, ist das Ergebnis der Demokraten ein Wunder.

SPIEGEL ONLINE: Schockieren Sie solche Ressentiments?

Woodrell: Nun ja, es ist klar, dass manche Leute so denken. Ich bin nur immer wieder entsetzt, wenn ich damit konfrontiert werde. Das man so etwas verbreiten kann, ohne dass sich jemand darüber erregt. Aber so ist das wohl.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Provinz in den vergangenen Jahrzehnten denn gar nicht verändert?

Woodrell: Selbst in den abgelegensten Gegenden der USA sind alle online, jeder Farmer hat ein Handy. Es ist eher so, dass die Menschen weniger reden, weil sie nur noch SMS schreiben. Die Technologie kam wie eine Flutwelle über die Menschen hier. Vor zwanzig Jahren hatten die wenigsten in den Ozarks überhaupt einen Fernseher. Außerdem gab es nur wenige Programme. Als ich aufwuchs, hatte ich die Wahl zwischen zwei Kanälen. Etwa Mitte der Neunziger ist die Moderne in den Ozarks angekommen. Sie dürfen aber nicht vergessen, dass viele Bewohner trotzdem noch nie mehr als fünfzig Meilen von daheim weg waren. Die kennen den Rest der Welt nur aus dem Fernsehen. Das engt den Blick ein.

SPIEGEL ONLINE: Bleibt man als Provinzler im Literaturbetrieb ein Außenseiter?

Woodrell: Bei vielen Literatentreffen fühle ich mich immer noch wie der Hausmeister. Aber das stört mich nicht. Ich bin unglamourös. William Faulkner war auch ein "Hick" - so nennt man Provinzler bei uns.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr haben die Verfilmungen ihrer Bücher ihre Arbeit verändert?

Woodrell: Reich bin ich nicht. Aber alle meine Bücher sind derzeit erhältlich. Das war lange nicht der Fall. Und viele Produzenten interessieren sich für meine noch unverfilmten Geschichten. Es gab dünne Jahre, da haben ich und meine Frau, sie ist ebenfalls Schriftstellerin, von 5000 Dollar im Jahr gelebt. Das ging auch. Aber Hollywood macht das Leben leichter. Meinen alten Ford müsste ich nicht mehr fahren.

SPIEGEL ONLINE: Sie könnten jetzt nach Los Angeles oder New York umsiedeln. Würde es ihre Texte verändern, wenn Sie von den Ozarks wegzögen?

Woodrell: Genau davor habe ich Angst. Es ist eine abstrakte Furcht, dass meinen Geschichten die Substanz abhanden kommt, wenn ich mich für länger von dort verabschiede. Schwierig. Deshalb bin ich immer wieder zurückgekommen und werde wohl für immer bleiben.

Das Interview führte Christoph Dallach

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1. Danke Schön !!!
johnledyard 06.11.2012
Ein sympathischer Autor und Mensch. Herzlichen Dank für das kurze aber sehr interessante Interview.
2. Das erinnert mich
harvester69 06.11.2012
an meine Heimat an der Oberweser. Strukturschwache Gegend und Vorurteilen gegenüber Fremden und Menschen mit abweichenden Lebensentwürfen das es einen manchmal graust - aber auch ich kann mir nur schwer vorstellen, woanders zu leben...
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Zur Person
  • Bruce Carr
    Der US-amerikanische Schriftsteller Daniel Woodrell, 1953 geboren, wuchs in St. Louis und Kansas City auf. Nach Militärdienst und College veröffentlichte er 1986 sein Romandebüt "Cajun-Blues". 1999 wurde sein Roman "Wer mit dem Teufel reitet" von Ang Lee verfilmt. Zuletzt erschienen in deutscher Übersetzung bei Liebeskind Woodrells Romane "Der Tod von Sweet Mister" und "Winters Knochen". Im November 2012 folgt "Im Süden", eine Wiederveröffentlichung dreier Storys. Daniel Woodrell lebt mit seiner Frau in Missouri.
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