Liebesroman "Gegen einsam" In bester Gesellschaft

So wunderbare Wunderlinge hat sich schon lange niemand mehr ausgedacht: Die Schriftstellerin Daniela Meisel porträtiert zwei Außenseiter im gemeinsamen Kampf gegen die Einsamkeit.

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Autorin Meisel: Porträt zweier sonderbarer Außenseiter
Clara Löcker/ Picus Verlag

Autorin Meisel: Porträt zweier sonderbarer Außenseiter


Manuel Schmidt ist ein Max Mustermann, aber kein Otto Normalverbraucher. Er war ein durchschnittliches Kindergartenkind, eines, das nie einem anderen das Pausenbrot wegnahm, aber auch nie gelobt wurde, weil seine Salzteigfigur besonders schön geworden war. Er war ein durchschnittlicher Schüler, einer, der nie eine Eins hatte, aber auch nie Probleme mit der Versetzung.

Seine Mutter lag mit ihm 13 Stunden in den Wehen, "der mittlere Wert für Erstgebärende". Bei der Geburt war er 3450 Gramm schwer und 51 Zentimeter groß, "die durchschnittlichen Maße eines männlichen Neugeborenen meines Jahrgangs". Heute ist er 178,5 Zentimeter groß, "was exakt der Durchschnittsgröße österreichischer Männer entspricht". Sein Lieblingsbuch ist "Herr der Ringe", sein Lieblingsfilm "Der Pate", sein Lieblingslied "Imagine". Und: Er fährt einen VW Golf. "Ich bin der Mittelwert eines Menschen", sagt Manuel Schmidt. Und doch ist sein Verbrauch alles andere als durchschnittlich. Er ist exorbitant hoch.

17.000 Gegenstände besitzt der durchschnittliche Mitteleuropäer, von der Büroklammer im Schreibtisch bis zum Auto in der Garage. Das jedenfalls hat Manuel Schmidt in einer Ausstellung erfahren. Und sich erschreckt bei dem Gedanken, selbst exakt 17.000 Gegenstände zu besitzen, nicht einen weniger, nicht einen mehr.

Manuel Schmidt beschließt, 34.000 Gegenstände zu sammeln. Und so von einem Max Mustermann zu einem Individualisten zu werden, einem Nonkonformisten, einem Subjektivisten. Doppelt so begütert wie der Durchschnitt.

Es dauert nicht lange, da beobachtet Manuel gleichzeitig 296 Artikel in einem Internet-Auktionshaus, besitzt 29 Clubkarten und Treueheftchen, besucht jeden Flohmarkt der Umgebung. Die Gegenstände ordnet er alphabetisch in Regalen, er weiß von jedem Objekt, wo es gefertigt wurde, wann und wo er es gekauft hat, wie viel es wert ist. Kurzum: Es dauert nicht lange, da besitzt er nichts mehr, sondern seine Sammlung besitzt ihn. Ein Besessener.

Hobby Wohnungssuche

Ausgedacht hat sich diesen Sonderling die Schriftstellerin und promovierte Biologin Daniela Meisel, geboren 1977 im niederösterreichischen Horn. In ihrem herzenswarmen Roman "Gegen einsam" stellt sie ihm eine weitere wunderliche Figur zur Seite: die Steuerberaterin Maja Kramer. Auch sie sammelt, jedoch keine Gegenstände, sondern Wohnungszusagen. Sie gibt sich als Studentin auf der Suche nach WG-Zimmern aus - und sagt die Zimmer ab, sobald sie eine Zusage bekommt. Ihre Erfolgsquote liegt bei knapp 70 Prozent: Von 157 angeschauten Zimmern hätte sie 109 bekommen können.

Maja Kramer will Selbstbestätigung, will neue Menschen kennenlernen, will interessante Geschichten hören. Manuel Schmidt will jemand Besonderes sein, will ernst genommen werden, will nicht mehr übersehen werden. Beide wollen nicht mehr einsam sein.

Natürlich dauert es nicht lange, da kreuzen sich ihre Wege. Was berechenbar ist, aber schön. Und berechenbar, so viel sei verraten, bleibt ihre Liebesgeschichte nicht bis zum Schluss. Im Gegenteil.

Die Autorin Meisel liefert in ihrem zweiten Roman ein sensibles Porträt zweier sonderbarer Außenseiter. Sprachlich knapp, rhythmisch monoton, aber inhaltlich in den Beschreibungen sehr detailverliebt. Von Kapitel zu Kapitel wechselt sie die Perspektive, erzählt mal aus Manuel Schmidts Sicht, mal aus der von Maja Kramer. Schade und vor allem am Anfang etwas verwirrend ist es, dass Meisel für beide Personen denselben Sprachstil wählt. Ärgerlich sind manch sprachliche Schludrigkeiten.

Dennoch: "Gegen einsam" ist ein Buch, mit dem man sich vier fünf Stunden lang in bester Gesellschaft fühlt.

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