Deutsche-Buchpreisträgerin Ursula Krechel: Die Gerechtwerderin

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Zu viele Akten gewälzt, zu wenig Gefühle gewagt. Ursula Krechel hat zwar allein für die Wahl ihres Themas allen Respekt verdient. Doch dem Roman "Landgericht" der frisch gekürten Trägerin des Deutschen Buchpreises fehlen Stimmungen, Zwischentöne und Leben.

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Die Schriftstellerin Ursula Krechel: "Denkmal in Denk- und Sprachräumen"

Manche Buchpreisträger hatten gejubelt. Manche begnügten sich mit einem knappen Dank. Ursula Krechel hat eine richtige Rede vorbereitet. Kaum hat die Trägerin des Deutschen Buchpreises 2012 am Montagabend in Frankfurt am Main die Bühne des Festsaals im Römer betreten, verlässt sie sie schon wieder. Um ihr Manuskript zu holen.

Ihr Roman "Landgericht" sei ein Denkmal, sagt sie schließlich. Nicht aus Bronze, nein, ein "Denkmal in Denk- und Sprachräumen". Ein Denkmal für Menschen wie Richard Kornitzer, um den es in "Landgericht" geht: Einen Deutschen jüdischer Konfession, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem kubanischen Exil in die französisch besetzte Zone Süddeutschlands zurückkehrt und erkennen muss, dass er weder sein Berufsleben als Jurist, noch sein Familienleben so wieder aufnehmen kann, wie es vor dem Nationalsozialismus gewesen war.

Krechel erwähnt Deserteure, Homosexuelle, Sinti und Roma, die als Opfer des NS-Systems noch immer auf Wiedergutmachung warten müssten. Schließlich die Flüchtlinge der Gegenwart. Die rund 300 Gäste der Preisverleihung im Frankfurter Römer fordert sie mit Blick auf das Schicksal der Asylbewerber von heute und die Politik europäischer Abschottung gegen Flüchtlingsströme auf: "Gehen Sie in die Ämter. Die Schengen-Grenzen werden öffentlich wasserdicht gemacht."

Eine humane Geste ist diese Aufforderung allemal. Nicht nur angesichts des Stoffs von Krechels Roman "Landgericht", sondern auch angesichts von Protestaktionen wie dem 600 Kilometer langen Fußmarsch von Asylbewerbern durch Deutschland, der Refugee Tent Action, der von der Öffentlichkeit nicht sonderlich wahrgenommen wird.

Mit ihren Worten verleiht Krechel der Buchpreis-Tradition, vor allem Romane auszuzeichnen, die sich mit der deutschen Geschichte seit 1945 beschäftigen, eine anerkennenswerte, pragmatisch-politische Dimension. Man wünschte fast, die Schriftstellerin hätte sich in der Vorbereitung ihres Romans weniger dem Aktenstudium und mehr der Beobachtung heutigen, alltäglichen Elends hingegeben. Man muss die Auseinandersetzung mit der sozialen Realität ja nicht Joanne K. Rowling überlassen.

"Landgericht", von der Jury als "bewundernswert kühler" Roman bezeichnet, fußt auf einer zehn Jahre dauernden Spurensuche im Archiv. Krechels Hauptfigur, der Richter Richard Kornitzer hat - unter anderem Namen - tatsächlich gelebt. In einer Mischung aus vielen Fakten und sparsam eingesetzter Imagination erzählt die 1947 geborene Krechel von der Ankunft Kornitzers in Lindau, wo seine Frau Claire den Krieg überstanden hat, von Kornitzers Berufung ans Mainzer Landgericht, den Spannungen unter Tätern und Opfern in der Nachkriegszeit. Von Kornitzers Exil in Kuba, von Kornitzers Sohn Georg und seiner Tochter Selma, die 1938 mit einem Kindertransport zu englischen Pflegefamilien gebracht wurden, dort längst heimisch geworden sind und ihre Eltern als Fremde empfinden.

"Landgericht" erzählt eine Geschichte voll Schmerz und Unbehagen, doch Krechel geht in ihrem Roman mit emotionalen Momenten äußert sparsam um - als würden die Lebensmittelkarten der Nachkriegszeit auch für Gefühle gelten.

Nicht durchsetzen können auf der sechs Titel umfassenden Shortlist konnten sich deutlich opulenter und sinnlicher erzählte Titel wie Stephan Thomes "Fliehkräfte", der bereits 2009 mit dem auf der damaligen Shortlist stehenden Roman "Grenzgang" den Preis verdient gehabt hätte; außerdem Ernst Augustins von poetischer Magie getragenes "Robinsons blaues Haus" und Wolfgang Herrndorfs Thrillergroteske "Sand". Ebenso wenig Ulf Erdmann Zieglers wundervoller Roman "Nichts Weißes" und Clemens J. Setz' allzu sehr an die Phantastik-Avantgarde der Achtziger erinnernde Krankheits-Collage "Indigo".Unumstritten war unter den bisher acht Preisträgern seit Einführung des Buchpreises im Jahr 2005 wohl nur einer: Uwe Tellkamp mit "Der Turm" - das dürfte sich 2012 nicht ändern.

Ursula Krechel veröffentlichte lange Jahre vor allem Lyrik. 2009 folgte der Roman "Shanghai fern von wo". Über sich selbst sagte sie damals: "Ich werde auch nach diesem dicken Buch keine klassische Romancière." Eine Einschätzung, die sie nach "Landgericht" eigentlich wiederholen könnte. Für die Arbeit daran gebührt ihr Respekt. Für Thema und Stil verdient sie, ernst genommen zu werden. Gerade deshalb kann man ihr einen Einwand nicht ersparen: Ihr Roman leidet unter seiner Machart. Er will an einen Menschen erinnern, an das Unrecht, das ihm geschehen ist, das Schicksal eines nur vordergündig wieder eingegliederten Emigranten in der Adenauerzeit thematisieren. Doch Krechel bleibt zu nah an ihrem Stoff.

Hätte Krechel in ihrem Buch ein kleines bisschen von der Selbstverständlichkeit, mit der Stephan Thome erzählt, der Raffinesse und Stimmungsdichte von Ulf Erdmann Ziegler, vielleicht gar der traumtänzerischen Poesie Ernst Augustins, dem Übermut Wolfgang Herrndorfs oder der betont durchgeknallt wirkenden Prätention von Clemens J. Setz, dies hätte ein großer Roman werden können. Trotz, oder vielleicht gerade seiner fast 500 Seiten Umfang aber, ist "Landgericht" weniger ein Roman, es ist ein romanartiger Bericht: Dem Buch fehlen mitunter Stimmungen, Zwischentöne. Krechel wirkt als Erzählerin zu selten wirklich souverän, häufig auch dann nicht, wenn sie sich bemüht, besonders lebendig zu schreiben.

So bestätigt "Landgericht" ein weiteres Mal den Eindruck, dass es beim Deutschen Buchpreis vor allen darum geht, Romane auszuzeichnen, die der Selbstvergewisserung der Deutschen, der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte dienlich sind.

Man kann sich deshalb nur wünschen, dass wenigstens einer ihrer Leser Krechels Aufforderung aus ihrer Rede bei der Buchpreisverleihung umsetzt, in die Ämter zu gehen, dort, wo die Asylverfahren entschieden werden - es wäre eine Tat, die dem Andenken des realen Vorbilds von Richard Kornitzer fast ebenso würdig wäre wie dieses Buch.

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