Krimi über schwarze Polizisten Weiße? Dürfen sie nicht kontrollieren

1948 in Atlanta: Der Bürgermeister braucht die Stimmen der Afroamerikaner, deshalb werden einige von ihnen Polizisten - mit eingeschränkten Befugnissen. Ausgangspunkt für Thomas Mullens Kriminalroman "Darktown".

Frühe afroamerikanische Polizisten
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Frühe afroamerikanische Polizisten


Alles beginnt mit dem alten weißen Mann. Betrunken setzt er seinen Wagen an einen Laternenpfahl. Die beiden schwarzen Cops vor Ort können nichts tun, sie müssen ihn weiterfahren lassen, obwohl er ein blutendes schwarzes Mädchen dabei hat.

Thomas Mullens Roman "Darktown" spielt in Atlanta, Georgia, im Jahr 1948, und schwarze Polizisten haben gegenüber Weißen keinerlei Befugnisse. Sie fahren keine Streifenwagen, gehen nur in schwarzen Vierteln auf Streife, tragen ihre Uniform nicht auf dem Weg zur oder von der Arbeit. Das Polizeihauptquartier dürfen sie nur durch den Nebeneingang betreten, sie selbst haben ihre Zentrale im Keller des YMCA im "Schwarzenviertel".

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Thomas Mullen:
Darktown

Übersetzung: Berni Mayer

Dumont, 480 Seiten, 24 Euro

Und sie brauchen ein dickes Fell: 95 Prozent der Polizisten lehnen schwarze Cops generell ab, jeder vierte Officer ist Mitglied im Ku-Klux-Klan. Rassistische Beleidigungen sind alltäglich, schwarze Cops werden unter fadenscheinigen Gründen von weißen Kollegen angezeigt, und angeblich wurde innerhalb des Police Departments sogar ein Kopfgeld für den ersten Mord an einem schwarzen Polizisten ausgelobt. Acht von ihnen sind seit April 1948 im Streifendienst, möglich wurde das überhaupt nur, weil der damalige Bürgermeister für seine Wiederwahl dringend die Stimmen der schwarzen Viertel benötigte und einen Deal einging.

Mullen nimmt sich viel Zeit, die historischen Fakten auszubreiten, zeigt den Rassismus innerhalb und außerhalb der Polizei in unendlich vielen Schattierungen. Vor diesem wahren Hintergrund erzählt er die fiktive Geschichte eines Mordes, der eigentlich nie aufgeklärt werden soll. Das Mädchen aus dem Unfallwagen wird wenige Tage später gefunden, in einem verdreckten Hinterhof, entsorgt wie ein Stück Abfall. Noch eine ermordete Schwarze, wen schert's? Die Tote wird im Leichenschauhaus liegen, bis jemand nach ihr fragt. Und falls nicht, "schmiss man den Leichnam weg, sobald Platz für einen neuen toten Negro benötigt wurde".

Hinter jedem Verbrechen ein rassistisches Motiv

Ein Fall, der niemanden interessiert, bis auf einen weißen Polizeineuling und zwei der "Negro Officers". Dieses unwahrscheinliche Trio beginnt unter schwierigsten Bedingungen zu ermitteln, eigentlich ist keiner von ihnen dazu berechtigt. Weitere Probleme: Die Tote hat im Haushalt eines Kongressabgeordneten gearbeitet, der dazu natürlich nicht befragt werden darf; und der betrunkene alte weiße Mann vom Anfang entpuppt sich als Ex-Cop, der für das Police Department die Drecksarbeit macht.

Ein Mord, dessen Spuren in die höchsten Kreise führen, Korruption, die eine ganze Stadt im Griff hat, und aufrechte Polizisten, die allen Widerständen zum Trotz ihren Fall aufklären - die Zutaten von Mullens "Darktown" gehören zum Standardrepertoire des zeitgenössischen Kriminalromans. Allzu routiniert spult sich der Plot ab, und man würde sich wünschen, dass Mullen sich öfter mal von den Genre-Konventionen freimacht, und dass er seinen Figuren mehr Raum und Tiefe gibt, damit sie weniger wie Funktionsträger wirken.

Autor Thomas Mullen
Jeff Roffman/ Dumont

Autor Thomas Mullen

Mullen erzählt zu umständlich, erklärt zu viel. Und vor allem schafft er es nicht - anders als andere weiße Autoren wie George Pelecanos oder Richard Price, die immer wieder über Rassismus schreiben, den vielfältigen Sound der Straße zu reproduzieren. Der sehr sorgfältigen Übersetzung durch den Schriftsteller Berni Mayer kann man daran nicht die Schuld geben, diese Schwächen stammen aus dem Original.

Letztlich ist die große Stärke des Romans auch seine Schwäche. Thomas Mullen hat enorm viel recherchiert, kennt die Fakten und gefühlt jede Gasse im Atlanta von 1948. Doch er ordnet die Story jederzeit seinem Anliegen unter. Was die Handlung zwar vorhersehbar macht - hinter jedem Verbrechen in "Darktown" liegt ein rassistisches Motiv -, aber nicht weniger dringlich. Wovon Mullen hier erzählt, das ist so oder so ähnlich passiert damals. Wieder und wieder. Und es passiert auch heute noch.

Wie Paul Beattys vor Kurzem auf Deutsch erschienene Satire "Der Verräter" bei allen Übertreibungen ein Spiegelbild der Realität ist, muss man Thomas Mullens historischen Roman auch als Kommentar zu Rassismus in den USA von heute lesen. Er zeigt eindrücklich, dass die Vergangenheit nicht wirklich vergangen ist, sondern nur verwandelt. Deshalb gehört "Darktown" zwar nicht zu den besten Kriminalromanen des Jahres, aber zu den wichtigsten.

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whitewisent 03.12.2018
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Eine Verfilmung dürfte absehbar sein, egal ob als Blockbuster oder Netflixserie. Etwas darf man dabei aber nicht zu gering schätzen, daß per erfolgreicher Mainstreamliteratur reale Schicksale wiedergegeben werden. Für viele hat der Clan etwas mit dem 19.Jahrhundert und dem alten Süden zu tun, nicht Amerika nach dem 2. Weltkrieg in einer modernen Großstadt. Und ein Krimi bleibt im Kern dies, und kann nur eine Szenerie drum herum skizzieren, aber nicht dokumentieren. Dafür sind andere Mittel vorgesehen, und auf dem Markt eben nicht erfolgreich, auch wenn es viele in all den Jahrzehnten versucht haben dürften. Hier gelang die Gratwanderung zwischen allen Notwendigkeiten und Ansprüchen auf sehr guter Weise.
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