Das bedrohte Wort Älter werden heißt Spießer werden

Besitzen Sie ein Weinlexikon? Hören Sie "Best-of"-Alben? Kaufen Sie Coffee-Table-Books und sammeln Sie Antiquitäten? Dann könnte es sein, dass Sie ein Spießer sind. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Bodo Mrozek über ein Wort in der Krise.


Die Zeichen sind untrüglich: Streichholzkurz geschorener Vorgartenrasen. Plüschtiere im Fenster. PersönlicheBürotasse mit vermeintlich subversivem Spruch "Ich liebe meinen Job, allein die Arbeit hasse ich!" Gummibauminsel mit Zimmerspringbrunnen. Krawatte mit vermeintlich lustigem Motiv, zum Beispiel Comicfigur. Pepitahütchen mit Gamsbart. Gehäkelte Haube mit Bommel auf der Toilettenpapierrolle im Heckfenster der Limousine.

Spießer-Symbol Gartenzwerg: Eine Frage des Alters
AP

Spießer-Symbol Gartenzwerg: Eine Frage des Alters

Die Rede ist vom Spießer. Jahrzehntelang erkannte man ihn an äußeren Merkmalen. Wer seine Kissen mit einem gezielten Karateschlag zur korrekt geknickten Bettwurst trimmte, die Wagenwäsche zur Ritualhandlung erhob und das Fernsehgerät mit Spitzendeckchen und Kristallvase schmückte, der machte sich auch des geistigen Hausmeistertums verdächtig. Lange Zeit war die Messlatte für Spießigkeit eine des Geschmacks. Neuerdings ist das Wort wieder in der Debatte. Was aber ist eigentlich ein Spießer?

Eine der anschaulichsten Beschreibungen hinterließ der Soziologe Gerhard Schulze in seinem Buch "Erlebnisgesellschaft": "Über dem dicken gemusterten Teppichboden liegt ein anders gemusterter Zierteppich, darauf ein Spitzendeckchen, auf dem ein verschnörkeltes Glastischchen steht. Die zwei Etagen des Tischchens sind mit Brokatdeckchen belegt. Darauf silberne Untersetzer, dann eine Schicht Schnapsgläser, geschart um eine Kristallvase. Die darin stehenden Papierblumen füllen den Luftraum über dem Tischchen in seiner unteren Schicht, darüber hängt eine an der Zimmerdecke befestigte Blumenampel."

Neue versus alte Spießer

Doch taugt das ästhetische Prinzip der Überlagerung noch für eine korrekte Definition des alten Kampfbegriffes? Die Debatte um das Wort ist eröffnet. Schon vor Jahren plädierte Linus Reichlin für eine Neudefinition des Begriffs Bünzli (schweizerisch für Spießer) und führte den Begriff des Neobünzli ein. Der sitze nicht mehr auf einem geblümten, sondern auf ergonomischen Sofa, seine Kissen mit den Daunen glücklicher Hühner gestopft und statt Geranien pflanze er Cannabis auf dem Balkon als florales Symbol der eigenen Rebellion. Moralisch steht er stets auf der sicheren Seite der Unterdrückten und wird nicht müde, dies seine Umwelt wissen zu lassen. Sein Feindbild ist natürlich: der Spießer vom herkömmlichen Typ.

Löst also das Neue einfach das Alte ab? Eine aktuelle Solidaritäts-Kampagne der "taz", die wie niemand sonst an der Auflösung des Neo-Bünzli-Milieus leidet, knüpft hier ungeniert an und plädiert offensiv für eine positive Neubesetzung des Begriffes Spießertum. Dessen Geschichte ist weit älter als der Gelsenkirchner Spätbarock. Der Spießbürger geht auf den Stadtbürger zurück, der mit einem Spieß ausgestattet seinen Militärdienst zu Fuß verrichten musste. In der Studentensprache des 17. Jahrhunderts wurde es ebenso zum Schimpfwort wie der Kampfbegriff Philister. In der Epoche des Sturm und Drang und der Romantik nutzten Dichter und Denker das Wort, um sich gegen ein kunstfeindliches Bürgertum zur Wehr zu setzen.

"Die Klage über den Spießer, mag sie auch manchmal selbstgerecht klingen, ist doch immer die Klage des Unterlegenen, der sich bedroht fühlt", schrieb Jens Jessen unlängst in der "Zeit". Spießer seien gerade diejenigen, die andere als Spießer bezeichnen. Die aktuelle Debatte über das Wort scheint dieser Theorie Recht zu geben. Wo keine klaren Regeln mehr gelten, gerät alles und jeder unter Verdacht. So plädiert die Fernsehschaffende Annika Kuhl im SPIEGEL ONLINE-Gespräch für eine neuerliche Ausweitung des Begriffes: "Schon alleine Familie zu haben, könnte spießig sein."

Alter, das ist spießig

Da erscheint zur rechten Zeit ein Buch der Münchner Journalistinnen Claudia Muschiol und Tine Kujawski mit dem sprechenden Titel "Cabrio war gestern, heute fahren wir Kombi" (Knaur, 286 Seiten, 8,95 Euro). Oberflächlich betrachtet geht es darin ums Älterwerden. Tatsächlich könnte man die Listen aber auch für ein klares Generationenbekenntnis zur Spießigkeit werten. Die "555 untrüglichen Anzeichen, dass wir nicht mehr 20 sind" lauten etwa: "Du kaufst Dir Coffee-Table-Books und gibst für die Dekoration deiner Wohnung mehr als 100 Euro aus". Oder: "Ausgehen heißt für dich essen gehen." Untrüglich auch: "Du kannst plötzlich Biedermeier, Jugendstil und Gründerzeit auseinander halten."

Unspießig sein ist ein Privileg der Jugend. Und das einzig untrügliche Zeichen dafür, dass man nicht mehr zwanzig ist, wäre ja streng genommen der 21. Geburtstag. Alle anderen 554 Anzeichen darf man deshalb getrost als Beweise für einen anderen Prozess werten.

Definieren wir das alte Wort also so: Älter werden heißt Spießer werden. Sollten Sie also schon 21 Lenze auf dem Buckel haben und Bücher von Claudia Muschiol kaufen (das 551. Anzeichen dafür, dass wir nicht mehr 20 sind): Willkommen im Club. Die Renaissance des Häkeldeckchens ist auch nur noch eine Frage der Zeit.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.