Geschichte einer Mädchenfreundschaft Die Sommer, in denen wir uns verloren

In ihrem neuen Roman "Das brennende Mädchen" erzählt die Amerikanerin Claire Messud von zwei jugendlichen Glückssucherinnen im Dickicht der anstehenden Pubertät. Doch was geht wirklich in ihnen vor?

Freundinnen im Sommer (Symbolbild)
Getty Images/ Johner

Freundinnen im Sommer (Symbolbild)


"Er würde sein eigenes Idol sein, das Idol, das er bisher noch nicht gefunden hatte. Es würde ihm gut gehen." So hieß es in Claire Messuds 2007 auf deutsch erschienenen Erfolgsroman "Des Kaisers Kinder" über den jungen haltlosen Bootie, einen naiven, noch ganz in unklaren Vorstellungen von seinem späteren Leben gefangenen Träumer. Bootie, der sich als Literaturkritiker durchschlägt, kreiste in Messuds Werk in jenem fernen New York des Jahres 2001 vor dem 11. September um seinen Onkel, den sogenannten "Kaiser" Murray Thwaite wie um dessen Tochter Marina, die sich längst verloren hat im alles bestimmenden Kraftfeld ihres Vaters.

Autorin Claire Messud
Ulf Andersen

Autorin Claire Messud

Taucht man nun, eine Dekade nach ihrem internationalen Durchbruch mit "Des Kaisers Kinder", in Messuds neuen Roman "Das brennende Mädchen" ein, so wirken dessen beiden Hauptfiguren plötzlich wie verfeinerte Frühformen der Charaktere aus Messuds seinerzeit viel gepriesenem New York-Roman. Denn auch die noch mädchenhaften Schulfreundinnen Julia und Cassie hungern nach Vorbildern, nach einem, der ihnen zeigt, wie es ihnen gelingen kann, unbeschadet ins Erwachsenwerden hineinzufinden.

Der neue Roman der 1966 als Tochter kanadisch-französischer Vorfahren geborenen Autorin ist ein Kammerspiel um die beiden Mädchen: die Geschichte zweier Glückssucherinnen, deren Weg durch das Dickicht ihrer sich bereits am Horizont ankündigenden Pubertät die Autorin in dichtgefügten Episoden begleitet. Über zwei Sommer hinweg suchen sie nach Halt und Zugehörigkeit.

Auf der einen Seite die in behüteten Verhältnissen aufwachsende Julia. Ihr gegenüber Cassie, das Mädchen mit den Haaren "so weiß wie ein Engel", das ihren Vater nie kennengelernt hat - und darum ganz ihrer zumeist von diffusen, tagträumerischen Phantasien gelenkten Mutter Bev ausgeliefert ist.

Kein Schrei durchbricht die stillstehende Sommerdürre

Wir erleben die Mädchen auf ihren gewundenen Wegen durch lange, scheinbar stillstehende Sommernachmittage, an denen sie eine nahegelegene ehemalige Nervenklinik erkunden - und sich darüber in ihren Fantasien verlieren. "Ich stellte mir vor, dass das Gebäude die Traurigkeit der dort gefangenen Frauen in sich trug, der magersüchtigen Teenager und der jungen Mütter, die Stimmen hörten, und der alten Frauen, die an ihren persönlichen Tragödien zerbrochen waren. Sehen konnte ich sie nicht - da war keine sichtbare Horde von Geistern, die aus den entseelten Fenster guckten -, aber ich hatte dennoch das Gefühl, dass sie sich ins Territorium eingeschrieben hatte."

Es zeugt von Messuds schriftstellerischer Subtilität und Empathie, wie sie die beiden, aus ganz unterschiedlichen Familienkonstellationen hervortretenden Freundinnen in ihrer gemeinsamen Suche nach Halt und Verschmelzung beschreibt. Darin erinnert ihr Buch mal an Beth Nugents bereits 1997 auf deutsch erschienenen Kurzroman "Mädchen zum Anfassen", mal an Mary Millers 2014 bei uns veröffentlichtes Buch "Süßer König Jesus", in dem diese furios von der irrwitzigen Reise zweier Schwestern mit ihren religiös verblendeten Eltern durch ein sinnentleertes, zersplittertes Amerika erzählt.

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Claire Messud:
Das brennende Mädchen

Aus dem Englischen von Monika Baark

Hoffmann und Campe, 256 Seiten, 20 Euro

Doch wo Nugent und Miller es in ihren Werken vermochten, die Sehnsüchte, die Verletzlichkeit und den Hunger ihrer juvenilen Protagonistinnen nach einem anderen, besseren Leben tatsächlich fühlbar zu machen, da mangelt es Mussuds Roman an der dazu notwenigen Schärfe und Entschlossenheit. Selbst als Cassie verschwindet, nachdem ihre Mutter sich in eine Affäre mit dem örtlichen Priester verstrickt hat, verlässt die Erzählung nie ihren enggefassten, irgendwann aber bloß noch gleichförmig dahin mäandernden Erzählfluss. Kein Aufwallen von Emotionen - kein plötzlich gellender, die stillstehende Sommerdürre zerreißender Schrei! Nichts.

Am Ende wird Julia, für immer verändert durch das, was mit Cassie geschah, mit Blick auf die beiden hinter ihr liegenden, mit all den widerstreitenden Erfahrungen verbundenen Sommer bekennen: "Ich bin noch hier. Mir geht es gut. Ich komme bald in die elfte Klasse. Ich fahre immer noch einmal die Woche nach Newburyport zu der Therapeutin."

Was Julia dort, im geschützten Raum der Therapie preisgibt? Wir wüssten es gern. Denn was wirklich vorging im zerrissenen Innern ihrer beiden Protagonistinnen Julia und Cassie - das enthüllt uns Messuds zweifellos fein erzähltes Buch nicht.

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