DIY-Möbel: Bye Bye, Billy!

Von Maren Keller

Der Designer Christopher Stuart stellt in dem Buch "Do It Yourself Möbel" 30 Projekte zum Selberbauen vor - vom Hängemattensessel aus Fußmatten, bis zum Kleiderschrank aus Parkett. Ist das nur ein schöner Bildband oder wirklich eine Anleitung? Ein Selbstversuch.

Buch "Do It Yourself Möbel": Bye Bye, Billy! Fotos
Haupt Verlag/Lawrence King Publishing/ Malafor

In puncto Möbel stammt die alles entscheidende Frage ausgerechnet aus der Werbung eines weltberühmten Möbelkaufhauses. Sie lautet: Wohnst du noch oder lebst du schon?

Wirklich verstanden habe ich diese Frage aber erst lange nachdem ich sie schon nicht mehr hören konnte, dank eines Mannes mit Dosenbier in der Hand und dank eines Buches aus dem Haupt-Verlag.

Christopher Stuart hat dieses Buch zusammengestellt, ein junger Designer, der früher Ölgemälde gemalt hat. Und die Welt wäre wahrscheinlich schöner, wenn zumindest in jedem zweiten Wohnzimmer, in dem ein Ikea-Katalog liegt, stattdessen dieses Buch läge.

Wie im Ikea-Katalog geht es auch in diesem Buch um Möbel und schon auf dem Cover stapelt sich ein Regal aus schiefen Boxen so durcheinander die Wand hoch, dass man zuerst denkt: das kann doch gar nicht gehen! Und sofort danach: Falls es doch geht, soll es auch in meiner Wohnung stehen!

Ein Sofa, benannt nach einem Rilke-Gedicht

Das Schöne ist, das könnte es auch. Denn die Möbel aus diesem Buch sollen alle selbst gebaut werden. 30 verschiedene Designer oder Studios haben sie entworfen. Tische aus Plastikwasserrohren sind dabei, ein Hängemattensessel aus einer Fußmatte, ein Sofa, das nach einem Rilke-Gedicht benannt ist, ein Schminktisch aus einer alten Schublade, ein Kerzenständer aus einem Stromkabel, der sich nach oben windet, wie die Kobra eines Schlangenbeschwörers.

Die Projekte sind laut Buchuntertitel "verrückt", aber die viel treffendere Beschreibung kommt von meinem Baumarkt-Verkäufer: "Tricky!", ruft er erfreut, als ich ihm den Tisch von Seite 13 zeige.

Der Tisch von Seite 13 besteht aus einem Kupferrohr-Gestell und einer Glasplatte. Die Kupferrohre sind zu einer geometrischen Figur zusammen gebunden. Paul Loebach hat diesen Tisch entworfen und offensichtlich die gleiche Technik wie bei seinen Himmeli-Lampen verwendet, die ich erst googeln muss. Die Inspiration komme von schwedischen Stroh-Weihnachtssternen, steht im Begleittext des Buches, das klingt harmlos und überzeugt mich.

Um ehrlich zu sein, sieht der Tisch trotzdem weder aus wie etwas, das ich mir leisten könnte, noch sieht er nach etwas aus, das ich selber machen könnte.

Der Tisch sieht aus, als sei er sehr gut, um zu testen, was dieses Buch wirklich ist: Nur ein schöner und inspirierender Bildband, oder tatsächlich eine brauchbare Anleitung?

Unvorhersehbarkeit ist das Gegenteil eines Ikea-Besuchs

Man braucht für den Tisch von Seite 13 eine ganze Menge Kabelbinder, eine Glasplatte und knapp neun Meter Kupferrohr. Gibt es alles im Baumarkt. An der Kasse fällt mir das erste Versäumnis des Buches auf, zu Hause das zweite: Außer dem vollkommen nutzlosen Werbetext: "Dieses Buch verhilft Ihnen zu Designstücken, die einen Bruchteil des üblichen Preises kosten" gibt es weder Preisangaben noch Größenangaben. Dass der Tisch von Seite 13 eher ein Beistelltischchen ist, kann man nur von den Fotos und den Maßen der Tischplatte erahnen.

Die Projekte sind fast alle teurer als fertige Billigware, manche von ihnen sehr teuer. Der Tisch von Seite 13 wird am Ende deutlich über 50 Euro kosten. Aber er wird genauso toll aussehen wie der Tisch im Buch. Denn das ist das eigentlich Beste an diesem Buch: die Projekte sind erstaunlich leicht nachzubauen. Die Anweisungen sind logisch und leicht verständlich. Die Stücke sehen so besonders aus, weil eine gute Idee dahinter steckt, nicht weil sie technisch anspruchsvoll wären. Die Kupferrohrstücke des Tisches müssen zum Beispiel nicht geschweißt werden, sondern werden mit Kabelbindern zusammen gebunden.

Das ist die schönste Überraschung, aber nicht die Einzige. Es stellt sich heraus, dass manche Dinge viel einfacher sind als jemals gedacht (die Bedienung eines Rohrschneiders!) und andere Dinge sehr viel schwieriger (neun Meter Kupferrohr mit dem Fahrrad aus dem Baumarkt nach Hause zu transportieren!). Es ist ein Buch der Unvorhersehbarkeiten. Und damit das komplette Gegenteil zu einem Ikea-Besuch.

Und außerdem ist es eine Kontaktbörse. Sollte ich jemals einsam sein, beschließe ich, werde ich einfach einen Tag lang mit neun Metern Kupferrohr durch die Stadt laufen. Auf der Reeperbahn will ein Mann mit Dosenbier in der Hand wissen, was ich vorhabe. Um ehrlich zu sein, sieht er aus, als habe er schon lange das Interesse am Konzept "Wohnung" verloren. Welch Fehleinschätzung! Ich zeige ihm den Tisch von Seite 13. Er kenne eine Innen-Einrichterin, sagt der Mann, und daher könne er sagen, dass Glas-Tische überhaupt nicht mehr in seien. Passt nur zu Couchgarnituren. Lassen jede Wohnung trüb wirken. Er empfehle eine Holzplatte, sagt der Mann.

Als ich die Stufen zur S-Bahn hinunter laufe, ruft er mir nach: "Überleg es dir noch mal!" Ich glaube übrigens, er hat Recht und eine Holzplatte sähe besser aus zu dem Tisch. Und außerdem glaube ich am Abend, als ich mit Kupferstaub an den Händen vor meinem selbstgebauten Tisch sitze, die Antwort auf die alles entscheidende Frage in puncto Möbeln zu kennen.

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1. Man kann über IKEA
felisconcolor 04.06.2012
Zitat von sysopDer Designer Christopher Stuart stellt in dem Buch "Do It Yourself Möbel" dreißig Projekte zum Selberbauen vor - vom Hängemattensessel aus Fußmatten, bis zum Kleiderschrank aus Parkett. Ist das nur ein schöner Bildband oder wirklich eine Anleitung? Ein Selbstversuch. Das Buch Do It Yourself Möbel zeigt 30 Projekte zum Selberbauen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,836514,00.html)
ja nun denken was man will. Ich sehe es nach dem Slogan "Entdecke die Möglichkeiten" Man nehme den Schrankkorpus einer bekannten Baureihe des Möbelhauses und fertige die Türen selbst. Etwas Kiefer etwas Sperrholz etwas japanisches Reispapier und viel Zeit. Und schon hat man eine Schlafzimmerschrankwand mit japanischen Shoji Türen.
2. IKEA-Möbel sind Ausgangsmaterial
BlackBuccaneer 04.06.2012
Was man tatsächlich alles damit machen kann, sieht man tagtäglich auf ikeahackers.net. Ich habe schon allerlei nach- und selbstgebaut.
3. Sehe ich auch so ...
kc85 04.06.2012
... IKEA liefert die Basis, den Rest das eigene Hirn. Die Ergebnisse sahen und sehen bisher alle besser aus (und bieten wohl auch mehr Nutzwert) als die beispielhaft abgebildeten Auswüchse. Ich frage mich angesichts dessen, wie mancher (selbsternannte?) "Designer" von dem Müll leben kann, den er so verzapft?
4. Die schreiben dann Jahre später
felisconcolor 04.06.2012
Zitat von kc85... IKEA liefert die Basis, den Rest das eigene Hirn. Die Ergebnisse sahen und sehen bisher alle besser aus (und bieten wohl auch mehr Nutzwert) als die beispielhaft abgebildeten Auswüchse. Ich frage mich angesichts dessen, wie mancher (selbsternannte?) "Designer" von dem Müll leben kann, den er so verzapft?
wie der arme Regisseur dessen Filme immer floppen im SPON wie ungerecht doch die Welt ist ;-)
5. DIY - ein wiederentdeckter Trend
leeloo84 23.12.2012
DIY ist ein vielleicht nicht neuer, jedoch wiederentdeckter Trend. Habe selber einen Blog, in dem ich mich regelmäßig verschiedenen DIY-Projekten widme. Es macht Spaß, fördert die Kreativität und stellt eine Gegenbewegung zu unserer Wegwerfgesellschaft dar. Tatsächlich kann man mit vermeintlichem Müll noch einiges anfangen. Für alle, die am Thema interessiert sind: http://diy-lebkuchenhaus.blogspot.de/
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