Schelmen-Roman "Dorf der Idioten": Versager-Justiz

Von Maren Keller

Tiefstapeln erwünscht: Max Monnehay schreibt über einen Sehnsuchtsort für Außenseiter Zur Großansicht
Eichborn Verlag/ Hermance Triay

Tiefstapeln erwünscht: Max Monnehay schreibt über einen Sehnsuchtsort für Außenseiter

Die französische Schriftstellerin Max Monnehay dreht in ihrem Roman "Dorf der Idioten" die Welt um wie einen Crêpe: Plötzlich stellen sich alle dumm und versuchen, sich als Tiefstapler in die seltsame Gemeinschaft einzuschleichen. Was für eine seltsame Utopie.

Eines Tages hat ein junger Mann namens Pierrot eine Vision. Er malt ein Bild davon, das aussieht wie eine Kinderzeichnung: "Auf der Zeichnung sind viele Häuser zu sehen, mit Fenstern und Türen und ziegelroten Spitzdächern, rund um ein Loch, das wohl ein Platz sein soll, und in diesem Loch, auf diesem Platz ein Springbrunnen mit fünf Fontänen. Daneben ein Hund. Er lächelt. Er ist fast genauso groß wie die Häuser." Pierrots Vision ist es, ein Dorf zu eröffnen, in dem die Außenseiter der Gesellschaft ein Zuhause finden. Einen Ort für alle, die durch die gängigen Auswahlverfahren und Optimierungsprozesse fallen.

Ein "Dorf der Idioten", wie Pierrot es nennt - und so heißt auch der Roman von der jungen Französin Max Monnehay, in dem es um Pierrot und seine Gefolgschaft geht. Vor sieben Jahren schrieb sie mit Mitte 20 ihr Debüt "Corpus Christine", für das sie den französischen Literaturpreis Prix du meilleur premier roman erhielt. Inzwischen ist sie 32, und "Dorf der Idioten" ist ihr zweiter Roman, aber der erste, der auf Deutsch erscheint.

Nachdem Pierrot seinen Plan in den Medien vorgestellt hat, klingelt sein Telefon 48 Stunden lang. Pierrot führt Bewerbungsgespräche mit den Anrufern, und als er dann aufbricht, um seine Schützlinge in ganz Frankreich einzusammeln, schließen sich mehr und mehr Idioten der Karawane an, bis es 72 sind. "Überall im Land hatten Männer und Frauen ihre Zugehörigkeit entdeckt. In wenigen Minuten hatte ein einziger Mensch ein ganzes Volk erschaffen."

Richtig schön dumm müsst ihr sein!

Der Erste, den Pierrot abholt, ist Bastien, der Ich-Erzähler des Buches. Bastien hat eine Schwester, die erst die Wohnung verwüstet und dann die Familie verlassen hat; einen Vater, der kein schlechter Vater ist, wie Bastien sagt, sondern gar keiner; und eine Mutter, die nur eine Sache noch mehr zu verabscheuen scheint als ihre eigene Familie: ihr Leben. Als Bastien sie als Kind einmal fragt, warum Katzen so viel schlafen, antwortet sie: "Wir haben nur ein Leben und langweilen uns zu Tode. Jetzt stell dir mal sieben Leben vor! Katzen haben das beste Mittel gefunden, die Zeit totzuschlagen, wenn du mich fragst."

Es passiert etwas Interessantes in diesem Buch, das Dorf der Idioten wird nämlich nicht als Ghetto wahrgenommen, sondern als Sehnsuchtsort mit so großer Anziehungskraft, dass sich Pierrot einen richtigen Einbürgerungstest ausdenken muss. Dabei gibt es nur eine einzige Regel für Asylbewerber: "Wenn ihr ins Dorf der Idioten aufgenommen werden wolltet, musstet ihr richtig schön dumm sein."

Eine seltsame Utopie ist dieses Dorf mit seinen renovierten Häuschen mit Nippes darin und seinen Bewohnern, die Pierrots Idiotentest bestanden haben. Wegen dieser Perspektiv-Umdrehungen lohnt es sich, Monnehays Buch zu lesen - trotz der teils manierierten Sprache und der allzu offensichtlichen Gesellschaftskritik. Und trotz des erwartbaren Geheimnisses des Ich-Erzählers.

An seinen interessantesten Stellen wird die gesamte Welt in diesem Buch ganz genau andersherum betrachtet. Der Dorfeingang zum Beispiel könnte ebenso gut der Dorfausgang sein, "wenn wir beschließen, die Welt umzudrehen wie einen Crêpe", sagt Bastien an einer Stelle und bringt damit das narrative Potential in dieser Geschichte auf den Punkt. Statt Hochstaplern mühen sich Tiefstapler um Einlass ins Dorf. Denn ausgerechnet dort wartet die Freiheit: "Wir waren nicht eingesperrt. Es war die übliche Welt, die Pierrot in den Knast gesteckt hatte, während wir als freie Menschen außerhalb der Gefängnismauern lebten."


Max Monnehay: Dorf der Idioten. Aus dem Französischen von Hans-Joachim Hartstein. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 256 Seiten; 17,99 Euro.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
bill ferros 22.04.2013
Zitat von sysopDie französische Schriftstellerin Max Monnehay dreht in ihrem Roman "Dorf der Idioten" die Welt um wie einen Crêpe: Plötzlich stellen sich alle dumm und versuchen, sich als Tiefstapler in die seltsame Gemeinschaft einzuschleichen. Was für eine seltsame Utopie. Das Buch Dorf der Idioten von Max Monnehay - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/das-buch-dorf-der-idioten-von-max-monnehay-a-895410.html)
Dieser Besprechung kann man nur die begeisterte Zustimmung anfügen: Liebevoll, skurril, sympathisch - kaufen, lesen, lachen. Und ein bissel denken dabei.
2. Vielleicht oute ich mich ja als Einwohner des Dorfes aber
erwin.duesenberg 22.04.2013
was heißt "maniriert"? Nicht einmal Google kennt das Wort (zumindest nicht in der Schreibweise).
3. Manieriert...
zinderella 22.04.2013
Zitat von erwin.duesenbergwas heißt "maniriert"? Nicht einmal Google kennt das Wort (zumindest nicht in der Schreibweise).
... heißt nichts Anderes als gekünstelt (vgl. auch Manierismus).
4.
loeweneule 22.04.2013
Zitat von zinderellaManieriert... ... heißt nichts Anderes als gekünstelt (vgl. auch Manierismus).
Im Gegensatz etwa zu "mariniert". Sorry, mußte ich einfach loswerden.
5. Im Duden, nix Google
Spiegelposter 22.04.2013
Zitat von zinderella... heißt nichts Anderes als gekünstelt (vgl. auch Manierismus).
Im Duden habe ich gefunden: in einer bestimmten Manier (1a, b) erstarrt; gekünstelt Google hat scheinbar keine Marnieren ;-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Buch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 6 Kommentare
Buchtipp


Facebook