Gemüse-Sachbuch: Die Odyssee der Tomate

Von Maren Keller

Gemüse-Sachbuch: Von Artischockenherzen und müden Prinzessinnen Fotos
Corbis

Kohl, Artischocke, Tomate - Evelyne Bloch-Dano hat eine Kulturgeschichte des Gemüses geschrieben. Darin lernt man, warum die Artischocke Sigmund Freuds Lieblingsgemüse war.

Nachdem Evelyne Bloch-Dano sich einen Namen gemacht hatte mit Biografien über die Mutter von Marcel Proust oder die Frauenrechtlerin Flora Tristan, nahm sie sich ein neues, nicht minder anspruchsvolles Projekt in Angriff: die Biografie der Artischocke. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist dabei selbst nicht weniger interessant als die Geschichte der Artischocke selbst.

Bloch-Dano ist nämlich mit einem französischen Philosophen namens Michel Onfray befreundet, der viel über den Neoliberalismus nachdenkt. Dieser Philosoph hörte eines Tages, dass niemand das Gemüse in den Sozialkaufhäusern mitnahm, weil niemand damit kochen konnte oder wollte. Und weil es dem Philosophen nicht mehr genügte, sich Gedanken zu machen, gründete er in dem französischen Ort Argentan eine "Volksuniversität des Geschmacks", in der große Spitzenköche für sieben Vorlesungen über sieben Gemüsesorten Variationen dieser Gemüse kochen sollten. Und dazu sollte Evelyne Bloch-Dano die Geschichte des jeweiligen Gemüses erzählen. Sie erzählte von der Odyssee der Tomate und der Vorliebe Sigmund Freuds für die Artischocke und dem Märchen von der Prinzessin auf der Erbse. Ihre kulturwissenschaftlichen Vorträge sind, um einige Kapitel ergänzt, in dem Buch "Die Sehnsucht im Herzen der Artischocke" zusammengefasst, das nun auf Deutsch erschienen ist.

Gemüse essen heißt, sich die Weltgeschichte einzuverleiben

Es ist ein Liebhaberbüchlein geworden und ein Geheimtipp für jeden, der gerne gärtnert, kocht oder auch nur isst. Ein Büchlein mit filigranen Zeichnungen der Gemüsesorten, Zitaten aus Literatur und Poesie, vereinzelten alten Rezepten, viel historischem Wissen und originellen Anekdoten für den nächsten Marktbesuch (Wussten Sie, dass man im Französischen über Leute, die sich oft und schnell neu verlieben, sagt, sie hätten das Herz einer Artischocke? Und dass man lange vor dem Kürbis zu Halloween Pastinaken ausgehöhlt hat?).

Das wirklich Lohnenswerte an diesem Buch ist aber, wie es frei von jeder Selbstverständlichkeit auf Allerweltsgemüse blickt und sichtbar macht, was da auf den Tellern liegt: ein Stück Kulturgeschichte, das von Kriegen, von neuen Entdeckungen, von Moden, von den Geschmäckern der Epochen und von der Natur erzählt. Von Handelsbeziehungen und Kolonialmächten, von Politik, von Etikette. Im Nachwort heißt es: "Gemüse essen heißt also, sich die Weltgeschichte einzuverleiben." Bloch-Dano erzählt diese Weltgeschichte an den Biografien von Artischocke und neun anderen Gemüsesorten entlang. Die Geschichte, wie aus diesem Distelgewächs eine Delikatesse der Adeligen und dann ein fast vergessenes Gemüse wurde, streift beispielsweise einen überraschten Goethe, mehrere Jahrhunderte, die arabische Expansion und eine Kindheitserinnerung Sigmund Freuds: Die Artischocke sollte zu seinem Lieblingsgemüse werden, weil ihn das Abzupfen der Blätter daran erinnerte, wie er einmal gemeinsam mit seiner Schwester ein geschenktes Buch zerfleddert hat.

Die Gärten ihres Lebens

Das ist die große Geschichte, die in jedem Gemüse steckt. Gleichzeitig steckt in der Tomate, in der Karotte, der Erbse noch eine kleine, persönliche Geschichte, die jeder nur selbst erzählen kann. Die vom Geschmack der Kindheit handelt und vom Familienrezept für Tomatensauce. Auch diese Geschichte erzählt Bloch-Dano in einem Kapitel über die Gärten ihres Lebens. Den Blumengarten, der zeit seines Lebens der ganze Stolz ihres Vaters war, der später ohne einen einzigen Kranz oder Strauß beerdigt werden würde. Über ihren ersten, eigenen Gemüsegarten, in dem eigentlich alles misslang. Und über ihren heutigen Garten in der Normandie, der sie alles lehrt über "Rote Bete, die man roh naschen kann, noch zarte Erbsen, saftige Zwiebeln, knackige Gartenbohnen, sonnenwarme Erdbeeren, fleischige Tomaten oder Melonen, deren Wachstum man persönlich überwachen muss". Und genau dort sollte man dieses Buch eigentlich lesen, in den letzten Spätsommertagen unter dem Apfelbaum im Garten, neben den Tomatensträuchern im Schrebergarten oder den Buschbohnensträuchern auf dem Balkon. Zwischen eigenem Gemüse - "natürlich das schönste und beste der Welt".


Evelyne Bloch-Dano: Die Sehnsucht im Herzen der Artischocke - Eine Gemüsekulturgeschichte. Aus dem Französischen von Bettina Bach. Nagel & Kimche, Zürich; 160 Seiten; 16,90 Euro.

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1. Ist das Buch wissenschaftlich fundiert
mischpot 11.09.2013
oder eine erfundene Hommage an das Gemüse. Enthält das Buch fundierte, verwertbare Angaben über Entstehung, Entwicklung, Verbreitung der Gemüse in Europa mit Jahrezahlangaben. So zum Beispiel wann wurde seit Columbus der wohl das Nachtschattengewächs mit nach Europa brachte es angebaut und wie verbreitete es sich, war das Gemüse dem Adel vorbehalten, gibt es aus dieser Zeit Rezepte, welche Sorte der Tomate war es, gab es evtl. wissenschaftliche Untersuchungen zu früh gefundenem Tomatensamen konnte man anhand einer C14 Untersuchung deren Alter feststellen war es vor 1680 n.Ch.. Welches Gemüse wurde vor dieser Zeit gegessen, ab wann wurde die Kartoffel die Columbus aus der Neuen Welt mitbrachte hier angebaut ab wann wurde die Knolle angebaut und gegessen. Mit Sicherheit haben die heutigen Tomaten und Kartoffeln nicht mehr viel mit der Ursprünglichkeit des Gemüses zu tun, so wird es mir auch schwer fallen, mich zwischen eigenem Gemüse wie auf das natürlichste, schönste und beste der Welt zu freuen. Denn ich weiß es ist alles nur nicht das was die Autorin scheinbar beschreibt.
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