US-Kriegshelden-Roman Siegesjubel für den schlimmsten Tag des Lebens

Ben Fountain hat eine vergnügliche Satire auf all das geschrieben, was die Mainstream-Phantasie der USA befeuert: Krieg und Religion, Fernsehen und Football. "Die irre Heldentour des Billy Lynn" ist der Oscar-Kandidat unter den Romanen.

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Ein verwackeltes Filmchen, keine vier Minuten lang, hat Billy Lynn zu einem Helden mit Hollywood-Format gemacht, zu einer Ikone des Krieges gegen den Terrorismus. Es zeigt den 19 Jahre alten US-Soldaten bei einem spektakulären Gefecht im Irak, mit einer Hand schießend, mit der anderen einen getroffenen Kameraden verarztend. Der Kamerad stirbt, aber Billy Lynn und sein Bravo-Team überleben. Ja, mehr als das: Sie schalten die feindliche Elitetruppe aus.

Billy Lynn erinnert sich fast nicht an das Gefecht, alles ging viel zu schnell, alles war viel zu schrecklich, aber dank des Kamerateams des TV-Senders Fox, das zufällig anwesend war, erinnert sich die gesamte Nation. Sie feiert Billy Lynn und sein Bravo-Team. Und sie feiert sich selbst: das starke, das mutige, das gerechte Amerika. Die Soldaten werden auf einer zweiwöchigen Victory-Tour durch die USA gekarrt, von Stadt zu Stadt, von Shopping-Center zu Skateboard-Park. Es ist eine groteske Propagandaschlacht.

Der Schriftsteller Ben Fountain nimmt den Leser mit auf die letzte Etappe dieser Tour: zu einem Football-Spiel der Dallas Cowboys am Thanksgiving Day, bei dem Billy Lynn und sein Bravo-Team als Ehrengäste empfangen werden. Die jungen Soldaten merken spätestens hier: Ein Held zu werden, war hart, aber ein Held zu sein, das ist die Hölle.

Der Krieg in Person

Wildfremde Menschen klopfen ihnen auf die Schultern, tätscheln ihnen die Köpfe, fallen ihnen um die Hälse. Sie stellen ihnen die immer gleichen Fragen: Sind Sie religiös? Was war Ihr ungewöhnlichster Einsatz? Was machen Sie in Ihrer Freizeit dort unten? Und sie bejubeln sie mit den immer gleichen Sätzen: Wir lieben euch. Wir beten für euch. Wir segnen euch. Die Menschen glühen für den Krieg, sie reagieren euphorisch auf die Soldaten: darauf, dass der Krieg, den sie sonst nur im Fernsehen verfolgen, nun höchstpersönlich vor ihnen steht.

Die meisten der Menschen, die ihnen im Stadion zujubeln, sind Anwälte oder Anwaltsgattinnen, Zahnärzte oder Zahnarztgattinnen, Unternehmer oder Unternehmergattinnen. Es sind Männer mit Schlips und Kragen und Frauen mit Designerkostümen, die Handtasche abgestimmt auf die Schuhe. Sie können sich einen Einkaufsbummel im Stadion-Shop leisten, in dem ein Morgenmantel 400 Dollar kostet und eine Bomberjacke 679 Dollar. Billy Lynn und seine Kameraden können sich das nicht leisten. Sie können nur staunen und die Köpfe schütteln. Ihr Sold bei der Armee: 14.800 Dollar im Jahr. Was vielleicht immer noch besser ist als das, was sie nach der Armee erwartet: ein Job bei Burger King.

Das Trauma des Krieges

Billy Lynn findet es unheimlich, "dass man gefeiert wird für den schlimmsten Tag seines Lebens". Für ihn ist der Trubel um ihn herum unwirklich. Wirklich ist das, was er in seinem Kopf hat: das Trauma des Krieges, die Trauer um seinen gefallenen Kameraden. Neidisch ist er daher weniger auf das Geld der Menschen, die ihm im Stadion der Dallas Cowboys in Texas zujubeln. Neidisch ist er mehr auf den Luxus, dass sie Krieg einfach als Gesprächsthema wie jedes andere benutzen können. Es betrifft sie nicht.

Der Autor Fountain jubelt dem lässigen Soldaten-Slang seiner Charaktere manch politische und philosophische Reflexion unter. Und so gelingt ihm ein politischer Roman, der sich locker und leicht weglesen lässt, eine vergnügliche Satire auf all das, was die Mainstream-Phantasie der USA befeuert: Krieg und Religion, Fernsehen und Football. Dabei kommt das zum Vorschein, was Krieg und Religion, Fernsehen und Football sonst notdürftig kaschieren: die kapitalistische Klassengesellschaft.

"Die Irre Heldentour des Billy Lynn" ist das literarische Pendant zum klassischen Oscar-Kandidaten: formal unambitioniert, aber moralisch auf der richtigen Seite. Massenunterhaltung mit Anspruch.


Ben Fountain: Die irre Heldentour des Billy Lynn. Aus dem Amerikanischen von Pieke Biermann. Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 400 Seiten; 16,90 Euro.



insgesamt 3 Beiträge
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sitiwati 18.12.2013
1. ganz klar
man vertuscht mit solchen Filme/Büchern die sinnlosen Kriege und die vielen Toten, der einfache Soldat, der sich durchkämpft, alles was er erlebt an Schlimmen, verschwindet unter seinem Heldentum, ganz wie in Vietnam !
Rickie 18.12.2013
2. Missverständnis?
Wenn ich den Artikel richtig verstehe, wurde das Buch eben darum geschrieben den einfachen Soldaten und seine schlimmen Erlebnisse im Gegensatz zu den den "Helden" feiernden Smalltalkern zu zeigen.
sysop 18.12.2013
3. Inhalte
Hier, wie immer, empfiehlt es sich, den zur Diskussion gestellten Artikel vor der Meinungsäußerung zu lesen, um damit sicherzustellen, dass der Beitrag auch etwas mit dem Sujet der Debatte zu tun hat.
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