Biografischer Roman: Das heißeste It-Girl aller Zeiten

Von

Die Autorin Camille de Peretti (im Bild) setzt der exzentrischen Gräfin Casati ein Denkmal Zur Großansicht
Rowohlt

Die Autorin Camille de Peretti (im Bild) setzt der exzentrischen Gräfin Casati ein Denkmal

Sie ist eine der meistporträtierten Frauen der Kunstgeschichte, aber kaum jemand kennt sie noch: die extravagante Gräfin Luisa Casati, die mit einem Krokodilbaby durch die Stadt flanierte. Die Schriftstellerin Camille de Peretti spürt ihrem Leben nach.

Lady Gaga und Paris Hilton sind Hausmütterchen, verglichen mit ihr: Die Gräfin Luisa Casati, geboren 1881 als Tochter eines schwerreichen Textilfabrikanten nahe Mailand, war eine Diva, eine Femme fatale, ein Vamp, wie ihn die Welt seither nicht gesehen hat. Das heißeste It-Girl aller Zeiten. Sie trug diamantbesetzte Schuhe und grün gefärbtes Haar, sie schlang sich eine lebende Boa constrictor um den Hals und ließ sich eine Perücke aus ausgestopften Schlangen anfertigen, sie rauchte Opium und träufelte sich den Saft der Schwarzen Tollkirsche in die Augen, um ihre Pupillen zu weiten. Mal tauchte sie bei Empfängen mit einem Seidenäffchen auf, mal flanierte sie mit einem Krokodilbaby an der Leine durch die Stadt. Ihre größte Furcht: sich zu langweilen.

Casatis liebster Spielgefährte, vor allem im Bett, war der Schriftsteller-Dandy Gabriele D'Annunzio, eine wahnwitzige Leitfigur des italienischen Faschismus, der seinen Windhunden smaragdene Halsbänder umlegte und sie in Seidenwäsche schlafen ließ. Neben D'Annunzio verkehrte Casati, Muse und Mäzenin zugleich, auch mit anderen prominenten Künstlern: Picasso und der Futurist Filippo Tommaso Marinetti dinierten mit ihr, Isadora Duncan und Nijinsky improvisierten bei einem ihrer legendären Feste einen Pas de deux, die amerikanische Malerin Romaine Brooks verführte sie zu einer lesbischen Affäre, während Casati ihr Modell saß. Porträtieren ließ Casati sich auch von Giovanni Boldini, Roberto Montenegro, Umberto Brunelleschi, Georges Goursat, Giulio de Blaas, Alberto Martini, Man Ray und Adolphe de Meyer. Um nur einige zu nennen. Denn es heißt, dass die Casati nach der Jungfrau Maria und Kleopatra die meistporträtierte Frau der Kunstgeschichte sei. Allein: Kaum jemand kennt heute noch ihren Namen, keine 60 Jahre nach ihrem Tod.

Literarisches Denkmal

Die Schriftstellerin Camille de Peretti will das ändern. In dem Roman "Der Zauber der Casati" setzt sie ihr ein literarisches Denkmal. Sie hat viel recherchiert, orientiert sich an Fakten, aber sie schreibt keine Biografie. Sie fühlt sich ein in die Casati, spekuliert über ihre Gefühle und Motive, und verknüpft Casatis Leben dabei immer wieder mit ihrer eigenen Biografie.

Die Ich-Erzählerin, Alter Ego der Autorin, hat früh geheiratet, wie die Casati. Sie hat einen Maler begehrt und sich von ihm porträtieren lassen, wie die Casati. Ein älterer Regisseur ist ihr verfallen, so wie der Casati die Maler ihrer Zeit. Nur eine Exzentrikerin, schreibt Peretti, sei sie nie gewesen. Sie sei nur "spärlich originell".

Was natürlich kokett ist angesichts ihrer Biografie: Auch Peretti hat bislang ein Leben im Eiltempo geführt, hat einen Künstler geheiratet, sich mit 25 wieder scheiden lassen und inzwischen einen neuen Mann geheiratet, hat sich als Party-Organisatorin selbständig gemacht, hat eine Theatergruppe in Paris gegründet, hat in einem Low-Budget-Film in New York mitgespielt, hat bei einer Handelsbank in London gearbeitet, hat eine eigene Kochsendung im japanischen Fernsehen moderiert, hat ein autobiografisches Buch über ihre frühere Magersucht geschrieben. Dem Debüt ließ sie inzwischen drei weitere Bücher folgen, darunter den Roman "Wir werden zusammen alt", das liebevolle Porträt einer Pariser Seniorenresidenz, in der es turbulent zugeht wie in einer Jugendherberge. Ach ja, das alles hat Peretti in 32 Lebensjahren auf die Beine gestellt.

Weiblicher Heldenmythos

Es ist zunächst eine erfrischende Idee, dass Peretti in ihrem neuen Roman ihre eigene Biografie mit der der Casati kurzschließt, dass sie ihren Recherche- und Schreibprozess offensiv thematisiert. Mit der Zeit jedoch gerät ihr die erfrischende Idee zur selbstverliebten Inszenierung, zum Selbstzweck, mit dem sie dem vermutlichen Oberthema ihres Romans keinen Dienst erweist. Man ahnt, dass sie über die Casati hinaus generell etwas über weibliche Heldenmythen sagen wollte, über Wünsche und Nöte heutiger Frauen, über die Sehnsucht nach einem Leben, das leidenschaftlich ist. Doch dafür stehen die beiden Biografien zu oft berührungslos nebeneinander, wie Fremdkörper. Dafür entsteht zwischen ihnen zu wenig Reibung, wie zwischen einer Zündholzschachtel und einem Zündholz ohne Kopf. Man ahnt, dass es brennen soll. Aber es raucht nicht mal.

Lesenswert ist der Roman dennoch: Das explosive Leben der Gräfin Casati zündet im Kopf des Lesers von allein. Auch weil ihr Leben einem Märchen gleicht, das zur Tragödie wird: Sie stirbt als Lumpensammlerin, die Lider mit Kohle geschwärzt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. It-girl?
annitha 11.02.2013
Warum wurde den dieses scheißwort in den Duden aufgenommen? Für mich, ohne nachzulesen auf jeden Fall missverständlich. Ich hab nichts gegen englische Wörter, aber IT habe wir schon aus dem englischen kopiert, warum nun auch noch it?
2.
chris__78 11.02.2013
Zitat von sysopRowohltSie ist eine der meistporträtierten Frauen der Kunstgeschichte, aber kaum jemand kennt sie noch: die extravagante Gräfin Luisa Casati, die mit einem Krokodilbaby durch die Stadt flanierte. Die Schriftstellerin Camille de Peretti spürt ihrem Leben nach. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/das-buch-von-camille-de-peretti-der-zauber-der-casati-a-882042.html
Soll man das etwa bedauern, dass die keiner mehr kennt? Warum hätte ihr Name die Zeit überdauern sollen? Wegen ihrer extravagante Luxus-Accessiuors? Oder weil sie mit Künstlern und anderen Promis der damaligen Zeit verkehrte? It-Girl scheint schon die richtige Beschreibung. Wenn in 60Jahren niemand mehr Paris Hilton &Co kennt wäre das genauso wenig bedauerlich
3. seltsam
donquichotte2012 11.02.2013
Ein Bericht über die meist porträtierte Frau ohne Bilder Ist das Sparzwang? Oder abgekupfert und CopyPaste vergessen?
4. @nnitha aufwachen!
jadota 11.02.2013
it alien = italien
5.
Atheist_Crusader 11.02.2013
Zitat von chris__78Soll man das etwa bedauern, dass die keiner mehr kennt? Warum hätte ihr Name die Zeit überdauern sollen? Wegen ihrer extravagante Luxus-Accessiuors? Oder weil sie mit Künstlern und anderen Promis der damaligen Zeit verkehrte? It-Girl scheint schon die richtige Beschreibung. Wenn in 60Jahren niemand mehr Paris Hilton &Co kennt wäre das genauso wenig bedauerlich
Das Gegenteil wäre bedauerlicher.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Buch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare
Buchtipp


Facebook