Neues Buch von Erich Hackl Der Muttersprachler

Erich Hackl ist der große Chronist der deutschsprachigen Literatur - und ihr großer Empathiker. Seine Erzählungen sind Denkmäler für politisch Verachtete, Verstoßene, Verfolgte. In seinem neuesten Buch widmet Hackl sich einer einfachen Frau: seiner Mutter.

Erich Hackl

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Lebensklug war sie sicher, die Mutter von Erich Hackl, gebildet war sie sicher nicht. Sie wusste, was das Leben ist und was die Liebe, aber das Leben und die Liebe benennen, das konnte sie nicht, auch nicht für sich: "Gernhaben und Mögen, andere Wörter hatten wir nicht."

Andere Wörter hätte ihr Sohn schon, der Schriftsteller Erich Hackl, aber er benutzt sie nicht, wenn er nun über das Leben und die Liebe seiner Mutter schreibt, über die ersten 25 Jahre einer Bauerntochter im Unteren Mühlviertel, einem entlegenen Hügelland nördlich der Donau, nahe der tschechischen Grenze. Er schreibt in der Ich-Form, vor allem aber schreibt er in ihrer Sprache, als spräche sie selbst. Es ist eine einfache Sprache, die zu dem einfachen Leben einer einfachen Frau passt. "Dieses Buch gehört meiner Mutter", hat Hackl auf die Titelseite des Buches geschrieben. Es ist ein literarisches Denkmal.

Für literarische Denkmäler ist Hackl bekannt. Seinen Erzählungen, übersetzt in 25 Sprachen, liegen authentische Fälle zugrunde, meist Lebensläufe politisch Verachteter, Verstoßener, Verfolgter: zum Beispiel die Geschichte eines im Konzentrationslager ermordeten Roma-Mädchens ("Abschied von Sidonie") oder die Geschichte von Gisi Tenenbaum, einer der Tausenden Verschleppten der argentinischen Militärjunta ("Als ob ein Engel"). Hackl ist der große Chronist der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur; er schreibt gegen das Vergessen an. Noch mehr aber ist Hackl der große Empathiker der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur; er schreibt nicht nur für seine Leser, sondern stets auch für die Menschen, über die er schreibt, für die Menschen, in die er sich schreibend hineinversetzt. Am 15. November erhält er dafür den Adalbert-Stifter-Preis, den Großen Kulturpreis des Landes Oberösterreich, dotiert mit 11.000 Euro.

Seine Mutter verliert kein Wort zu viel

Hackls Mutter war keine Verfolgte eines Regimes, und doch verfolgt ihre Geschichte den Leser noch lange. Die Geschichte handelt von Missständen, materiellen und geistigen, und sie handelt davon, wie wenig Aufhebens die Mutter davon macht. Sie mag ihren Vater vor dem Selbstmord retten; sie mag beobachten, wie eine Ausflüglerin aus der Stadt tödlich mit dem Auto verunglückt; sie mag hören, wie ein Nachbar seine Töchter missbraucht; sie mag von Kriegsgefangenen im Dorf berichten; sie mag sich erinnern an die erste Begegnung mit ihrem späteren Mann: Nie verliert sie auch nur ein Wort zu viel. Sei es, weil sie nicht so viele Wörter hat. Oder weil sie sich nicht so viele Wörter nehmen will, weil sie sich nicht so wichtig nimmt. Weil sie bescheiden ist und genügsam, so bescheiden und genügsam wie all die anderen Bewohner ihres Dorfes.

Auch der Schriftsteller Hackl bescheidet sich, er beschränkt sich auf wenige Wörter, er begnügt sich mit einfachen Formulierungen - und lässt so die Erinnerungen der einfachen Frau viel lebendiger werden als es mit gedrechselter Dichtkunst möglich wäre. Es sind Erinnerungen an Erlebtes, na klar, aber es sind auch Erinnerungen an Erzähltes: an Ereignisse, die seine Mutter selbst nicht miterlebt hat, die ihr aber so präsent sind, als hätte sie sie miterlebt.

Da ist zum Beispiel der Tag, an dem ihr Vater, der Großvater Erich Hackls also, von seinen Eltern an kinderlose Verwandte weggegeben wurde. Oder der Tag, an dem die Schwester ihres Vaters bei einer Abtreibung starb. Ereignisse wie diese mögen lange zurückliegen, viel länger als die Geburt von Hackls Mutter, aber in der Welt von Hackls Mutter vergehen solche Ereignisse nicht. Sie sind aufgehoben in der Traditionsgemeinschaft, die sich Familie nennt. Einer Traditionsgemeinschaft, in der auch Hackls Mutter aufgehoben ist. Und geborgen.

Hackl lässt seine Mutter direkt erzählen aus dieser Traditionsgemeinschaft, immer forsch geradeaus, er lässt sie fast nichts erklären oder kommentieren. Wie kein zweiter deutschsprachiger Schriftsteller beherrscht er die Kunst, zwischen den Zeilen zu schreiben. Auf einen durchgehenden Plot verzichtet er dabei, er setzt Schlaglichter. Er schreibt keinen Roman, er entwirft ein Panorama. Dazu passt, dass er den Text optisch in Strophen gliedert. Hackl schreibt Prosa, die sich liest wie Poesie.


Erich Hackl: "Dieses Buch gehört meiner Mutter". Diogenes Verlag, Zürich; 116 Seiten; 17,90 Euro.



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Antoninus 23.10.2013
1. Kleinlicher Hinweis; subjektiv - aber auch objektiv:
Ich bin an einer Lektüre an Hackls langweiligem Stil gescheitert. - Für "Abschied von Sidonie" gibt es herrliche Vorarbieten bei Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Abschied_von_Sidonie Es möge gelingen, auch Deutschlehrer für den Titel zu begesitern.
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