"Maartens perfekte Welt" Raus aus dem Hamsterrad

Ein schüchterner Jedermann auf der Suche nach dem Glück. "Maartens perfekte Welt" weist viele Parallelen zum Leben des Autors Rinus Spruit auf - es ist das leise Porträt eines Antikarrieristen.

Autor Rinus Spruit: Leitfaden für ein Leben jenseits des Hamsterrads
Ank Elzenga

Autor Rinus Spruit: Leitfaden für ein Leben jenseits des Hamsterrads


Selbstverwirklichung lautet das Zauberwort der modernen Arbeitswelt. Ein erfolgreiches Leben führt demnach, wer unter den grotesk vielen Möglichkeiten zum Broterwerb die richtige wählt, aus der schier endlosen Liste von A wie Aktienhändler bis Z wie Zweiradmechatroniker. Ansehen genießt, wem sein Beruf nicht allein Geld aufs Konto spült, sondern auch noch die Entfaltung der Persönlichkeit ermöglicht. Ziemlich viel verlangt.

Der niederländische Schriftsteller Rinus Spruit erzählt in seinem zweiten Roman "Maartens perfekte Welt" von einem, der krachend scheitert an der Vielfalt seiner Möglichkeiten - beruflich wie privat. Der Jobs und Freundinnen im raschen Takt wechselt, mehr aus Unsicherheit als aus Überzeugung. Wirft man einen Blick auf Spruits Biografie, beschleicht einen ein Verdacht: Womöglich erzählt hier jemand von der eigenen Sinnsuche.

Der Roman begleitet rund dreißig Jahre aus dem Leben seiner Hauptfigur Maarten Rietgans. In den frühen Sechzigerjahren lebt der mit seinen Eltern in einer Kleinstadt in der Provinz Seeland, seine Lehre absolviert er bei der örtlichen Genossenschaftsbank. Der Vater, ein Kleinbauer und frommer Christ, führt ein sprichwörtlich protestantisches Dasein. Den eigenen Lebensweg zu hinterfragen, erschiene ihm gotteslästerlich. Seine größten Tugenden: Genügsamkeit und Arbeitseifer.

Pathologische Schüchternheit

Der Sohn schlägt nach Abschluss seiner Lehre die Festanstellung in der Bank aus, stattdessen will er Gutes tun und kranken Menschen helfen. Also beginnt er die nächste Lehre, diesmal zum Pfleger. Auch hier übertrifft Rietgans die Erwartungen, zeigt sich wissbegierig und strebsam, nach Abschluss der Ausbildung folgt wieder das Übernahmeangebot. Doch erneut flieht der Romanheld vor Verantwortung, vor zu viel Verbindlichkeit. Sein Makel: pathologische Schüchternheit.

Es folgen Anstellungen als Zeitarbeiter, Busfahrer und Ableser von Gas, Strom und Wasser. Rietgans reüssiert als Fotograf, er schreibt ein halbwegs erfolgreiches Buch. Immer oszilliert er dabei zwischen Versagensangst und Selbstüberschätzung. Als Lehrling in der Krankenpflege sieht er sich "als werdender Gott", als legitimer Nachfolger von Florence Nightingale. Kaum hat er seine Dias an eine Druckerei für Ansichtskarten verkauft, will er "der Rembrandt der Fotografie" werden. Allein, es bleiben Flausen.

Rinus Spruit, genau wie sein Held Jahrgang 1946, wie auch er ehemaliger Krankenpfleger, Fotograf und schließlich Autor, ging es schon in seinem Debütroman um Arbeitswelten, vergangene zumal. In "Der Strom, der uns trägt" hielt er die Erinnerungen seines Vaters fest, eines seeländischen Reetdachdeckers, gewährte Einblick in ein entbehrungsreiches Leben, in einen Beruf aus einer anderen Zeit.

Nun erzählt er eine Geschichte seiner eigenen Generation, eine auffallend unauffällige Biografie eines Jedermann. Sprache und Dramaturgie ähneln dabei dem Alltag des Helden: eigenwillig beiläufig, ohne größere Aufs und Abs. Alles wird gleichermaßen penibel geschildert, ob nun die Zwiebelernte des Vaters oder das Spenden der Sterbesakramente in einem katholischen Altersheim. Nur manchmal streut Spruit unverhofft poetische Momente in seine sonst so klare, sorglose Sprache. Dann fallen Sätze wie: "Das Leben lacht mir zu, dachte Maarten, aber es hat Mundgeruch."

"Schon wieder das Licht brennen lassen."

Hoffnungen auf epische Umschwünge werden beim Lesen kaum geweckt. Auch echte Pointen sucht man vergeblich, ihre Ansätze verpuffen selbstironisch in der Banalität des Alltäglichen. Wenn am Ende eines Kapitels eine Nachricht der Vermieterin auf Rietgans wartet, lautet sie trocken: "Mein Herr, Sie haben schon wieder das Licht brennen lassen."

Für Rietgans tun sich immer wieder Perspektiven auf - ein ums andere Mal lässt er sie verstreichen. Im Beruf sind es meist die Kollegen, die stören, unter den häufig wechselnden Freundinnen ist ihm die eine zu schön und intelligent, die andere zu bieder, auch nach drei gemeinsamen Jahren liebt er sie nicht. Im Drama enden die Beziehungen nie, zumindest nicht im lauten, öffentlichen. Von Rietgans' inneren Zweifeln weiß nur der Leser, Freunde hat der Sonderling keine. Wenn er sich doch einmal entscheidet, dann wählt er durchs Nichtwählen, so entzieht er sich etwa in aller Stille einer Heirat.

Mit Maarten Rietgans begegnet dem Leser der Prototyp des Antikarrieristen, in einer Welt, die schon längst zuallererst aufs persönliche Fortkommen ausgerichtet ist. Ehrgeiz entwickelt dieser Antiheld zwar, doch auf rührende Weise gilt er letztlich immer der Sache. Rietgans ist nicht tumb, vielmehr zu sensibel fürs Leben, mit einem ausgeprägten Sinn für Details. Ein gutmütiger Kerl, der Rückschläge mal mehr, mal weniger gleichmütig hinnimmt und einfach weitermacht.

Erstaunlich, dass Spruits Roman über mehr als 200 Seiten trägt, doch er tut es. Zumindest dann, wenn man dem melancholischen Grundton etwas abgewinnen kann, wenn einen die schweren Stoßseufzer nicht stören, die immer wieder durch die Zeilen dringen. Denn dann kann das Buch eine geradezu therapeutische Wirkung entfalten, ein Leitfaden sein für ein Leben jenseits des Hamsterrads.

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