Sachbuch "Liebe, lebenslänglich" Endlose Elternzeit

In keiner unserer Beziehungen ist die Liebe so groß - und in keiner das Leid: Ursula von Arx hat ein Buch geschrieben über das lebenslange Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern. Es ist der perfekte Weihnachtsstoff.

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Autorin Ursula von Arx: Buch über eine unkündbare Beziehung
Anita Affentranger

Autorin Ursula von Arx: Buch über eine unkündbare Beziehung


Weihnachten ist das Fest, das Erwachsene wieder zu Kindern macht: Sie steigen als 20-, 30- oder 40-Jährige in Berlin, Hamburg oder München in den Zug - und sitzen wenige Stunden später als 12-, 13- oder 14-Jährige bei ihren Eltern in Gelnhausen, Kaufbeuren oder Wanne-Eickel unter dem Weihnachtsbaum. Die Zeitreise kann schön sein, für die Kinder wie für die Eltern, aber auch schrecklich, denn sie macht Weihnachten zum Fest der Bilanz: Was wollte ich mal werden? Was ist aus mir geworden? Und wieso überhaupt?

Die Journalistin Ursula von Arx, selbst dreifache Mutter, hat ein Buch geschrieben, das perfekt zu dieser Situation passt: "Liebe, lebenslänglich". Es versammelt 14 Beziehungsporträts, für die die Autorin getrennt mit Eltern und ihren erwachsenen Kindern gesprochen hat. Die Leitidee: In keiner Beziehung ist die Liebe am Anfang so groß wie in der Beziehung zwischen Kindern und Eltern. In keiner Beziehung ist jedoch auch das Leid so groß. Das liegt daran, dass die Beziehung zwischen Kindern und Eltern die einzige ist, die unkündbar ist. Wenn sie erst einmal begonnen hat, gibt es kein Zurück.

Die Beziehung ist unkündbar

"Komplette Ablehnung zwischen Eltern und Kindern ist selten", schreibt von Arx. Nur in einem der 14 Fälle in ihrem Buch ist es zu einem Kontaktabbruch gekommen: Der Journalist und Buchautor Cord Riechelmann, 53, berichtet, dass er die Verbindung zu seinem Vater, einem autoritären Metzger, im Alter von 30 Jahren gekappt habe, weil dieser sich auf seiner Hochzeit unmöglich gegenüber seinen schwulen Freunden verhalten habe. Als der Vater starb, hatte er ihn 20 Jahre lang weder gehört noch gesehen. Und war überrascht, dass der Tod des Vaters ihn dennoch völlig aus der Bahn warf. Und so gilt selbst für seinen Fall: Die Beziehung zu den eigenen Eltern oder Kindern ist nicht kündbar, so schlecht sie auch sein mag.

Noch nie habe sie bei einer Recherche so viele Tränen gesehen, berichtet von Arx im Vorwort: Tränen der Rührung, aber mehr noch Tränen der Trauer. Emotional unbeteiligt kann offenbar niemand über die eigenen Kinder oder Eltern sprechen. Ein Grund: Jeder sucht im anderen immer nach den Spuren des eigenen. Die Eltern fragen sich: Was habe ich vererbt? Was vorgelebt? Die Kinder: Was ist mir vererbt worden? Was vorgelebt worden? Die Eltern neigen dazu, sich verantwortlich zu fühlen für das Lebensglück ihrer Kinder, die Kinder dazu, ihre Eltern verantwortlich zu machen.

Frei von Erziehung

Katharina Scholl, 46, hadert mit dem antiautoritären Geist ihrer Mutter Elvira, 75; sie fühlt sich nicht frei erzogen, sondern frei von Erziehung. Dass ihre Mutter sie ständig und für alles gelobt habe, habe jedes Lob entwertet. Der strengreligiöse Willi Orzessek, 80, klagt, dass sein Sohn Arno, 47, Alkohol trinke, schon mit mehreren Frauen zusammen gewesen sei und viele "unchristliche, wissenschaftliche Bücher" gelesen habe. Den Roman, den der verlorene Sohn geschrieben hat, hat er lieber nicht gelesen. Andererseits: Er hat ihn mit einem Privatkredit unterstützt. Der Schauspieler Arne Schmidt, 46, hat seine Mutter Heike, 73, als überfürsorglich empfunden, als übergriffig in ihrer Liebe. Da sie ihren Job als Lehrerin aufgegeben und als Hausfrau immer für ihn dagewesen sei, sei er in konkurrenzloser Sicherheit aufgewachsen. Er habe nie um seinen Platz kämpfen müssen, etwa in einer Kindertagesstätte.

Von Arx hat keinen Ratgeber verfasst: Sie serviert keine Lösungen, sie bewertet die Beziehungen auch nicht, sondern sie beobachtet und beschreibt sie in einer klaren, einfachen Sprache. Dass die Porträts frei von Psychologie seien, wie manche Rezensenten behaupten, ist jedoch Quatsch: Die meisten der porträtierten Kinder und Eltern sind so selbstreflektiert, dass man jede Wette eingeht, dass sie therapieerfahren sind. Diese Selbstreflexion macht die Texte lesenswert.

Von Arx spricht auch mit einer Neunjährigen, die zwei lesbische Mütter hat und zwei schwule Väter, mit einem 19-Jährigen, der sich mit seiner Mutter um seinen autistischen Bruder kümmert, und mit einem 65-Jährigen, dessen Sohn wegen Mordes im Knast sitzt. Für sich genommen, sind diese Geschichten interessant, natürlich sind sie das, aber in der Masse wirken sie ermüdend, weil gewollt originell. Sie führen weg vom eigentlichen Thema.

Am besten ist das Buch, wenn die Autorin sich Familien vornimmt, die als normal gelten. Denn normal, das ist schnell klar, ist keine Familie. Jede ist besonders auf ihre Weise.


Ursula von Arx: Liebe, lebenslänglich. Wie Eltern ihre Töchter oder Söhne sehen - und umgekehrt. Kein & Aber, Zürich; 224 Seiten; 19,90 Euro.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Blue0711. 25.12.2013
1. Andere Geschichten
Schöne Idee, ich werd mal reinlesen. Aber unkündbar? Hab ich Bedenken, denn ich kenne in der langen Reihe von Bekannten meines Lebens dann doch einige, die gekündigt haben, mich eingeschlossen. Gewalt, Alkohol und ähnliches waren da in der Regel die Gründe. Die Kündigung oft das Glück, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Im Wissen darum, es ohne Unterstützung gemeistert zu haben, fehlt dann auch die Bindung zu den eigenen Eltern. Es gibt nur noch eine Sehnsucht nach Eltern, aber nicht nach diesen. Meistens steht nur noch die wachsame Frage im Raum: Läuft irgendwas genauso schief? Und das auch nur auf Basis der Erziehung und Genetik. Aber eines stimmt sicher: Die Eltern-Kind-Liebe in beiden Richtungen trotzt den stärkeren Stürmen. Ich hoffe nur und arbeite daran, dass meine Tochter in Jahren nicht als 12-jährige vor mir stehen muss. Das wäre mir selber peinlich, würde es doch bedeuten, ich hätte ihr Erwachsenwerden verpasst - dabei freu ich mich genau darauf.
schwatzkatze 26.12.2013
2. Schade dass die Autorin mich nicht gefunden hat
Denn ich habe den Kontakt zu Vater, Mutter und Schwester voellig abgebrochen da ich mich vor deren Narzismus und extrem einseitigen Beziehungen anders nicht zu schuetzen weiss. Es gibt voelligen Abbruch - leider. Und dies ist um die Weihnachtszeit zuweilen sehr schmerzhaft. Ich weiss allerdings auch, dass meine Familie ein Extremfall ist wo mit vorgetaeuschten Herzanfaellen und Selbstmord staendig erpresst und gedroht wurde. So oft war das der Fall, dass ich mir manchmal sogar wuenschte sie taeten es, damit die Spannung und Angst endlich nachlassen wuerde. Ich bin ein solcher Gegensatz dazu, dass ich mich sogar schon gefragt habe ob ich in der Klinik nach meiner Geburt verwechselt worden bin, habe aber noch nicht den Mut gehabt meine Mutter um einen Gentest zu bitten. Ich fuehle mehr Liebe fuer Eltern und Familie von Freunden von mir als zu meiner eigenen Familie. Ich habe mich sogar frueher sehr fuer meine Familie geschaemt, aber jetzt ist das Gott sei Dank nicht mehr so schlimm. Was mir sehr geholfen hat zu verzeihen, und auch zu verstehen ist der niederlaendische Film 'Karakter', nach einem Buch von Ferdinand Bordevijk kann ich sehr empfehlen, um Einblick in historische Erziehungsmethoden zu gewinnen, denen meine Eltern wohl auch zum Opfer gefallen sind.
yast2000 26.12.2013
3. Es geht auch einfacher...
Zitat von schwatzkatzeDenn ich habe den Kontakt zu Vater, Mutter und Schwester voellig abgebrochen da ich mich vor deren Narzismus und extrem einseitigen Beziehungen anders nicht zu schuetzen weiss. Es gibt voelligen Abbruch - leider. Und dies ist um die Weihnachtszeit zuweilen sehr schmerzhaft. Ich weiss allerdings auch, dass meine Familie ein Extremfall ist wo mit vorgetaeuschten Herzanfaellen und Selbstmord staendig erpresst und gedroht wurde. So oft war das der Fall, dass ich mir manchmal sogar wuenschte sie taeten es, damit die Spannung und Angst endlich nachlassen wuerde. Ich bin ein solcher Gegensatz dazu, dass ich mich sogar schon gefragt habe ob ich in der Klinik nach meiner Geburt verwechselt worden bin, habe aber noch nicht den Mut gehabt meine Mutter um einen Gentest zu bitten. Ich fuehle mehr Liebe fuer Eltern und Familie von Freunden von mir als zu meiner eigenen Familie. Ich habe mich sogar frueher sehr fuer meine Familie geschaemt, aber jetzt ist das Gott sei Dank nicht mehr so schlimm. Was mir sehr geholfen hat zu verzeihen, und auch zu verstehen ist der niederlaendische Film 'Karakter', nach einem Buch von Ferdinand Bordevijk kann ich sehr empfehlen, um Einblick in historische Erziehungsmethoden zu gewinnen, denen meine Eltern wohl auch zum Opfer gefallen sind.
Die Ursachen solcher Konflikte mit Abbruch sind oft sehr viel banaler, als man annimmt: Meistens sind diese Familienangehörigen Mitglieder irgendwelcher Sekten, was sie aber nicht öffentlich erklären, sondern den Druck einfach wortlos an ihre Familienmitglieder weitergeben. Man sollte ein Gesetz verabschieden lassen, dass Eltern dazu zwingt, ihre Sektenmitgliedschaft ihren Kindern zu erklären, und bei Zuwiderhandlung ein Jahr Erzwingungshaft zu verhängen. Damit wäre vielen unverstandenen Kindern geholfen und eine Menge Unglück vermieden.
docsoc 26.12.2013
4.
Die von der Autorin beschriebenen Beispiele sind schon sehr einseitig. Ich denke, der Anteil an zerrütteten Eltern-(Ex)Kind- Beziehungen ist deutlich höher, als das eine Bespiel im Buch. Vor allem die heute noch lebenden alten Eltern (ab Geburtsjahr 1930), die noch ganz selbstverständlich ihre Kinder mit Gewalt "erzogen" haben, haben in deutlich häufigeren Fällen den Kontakt zu ihren Kindern verloren. Es gibt da auch meist keine Einsicht in die eigenen Fehler, eher bleibt in Anbetracht von Altersstarrsinn nur Fremdheit übrig, die der Tod dieser Eltern bei den erwachsenen Kindern auch nicht auflöst. Für viele Kinder, die in den 50er und 60er Jahren geboren wurden, die konsequente Trennung von der Eltern die einzige Chance, zu einer eigenen positiven Identität zu kommen. Dass nicht alle diese Kraft haben konnten bzw. können, liegt auf der Hand. Hier ist auch ein eklatanter Unterschied bei Töchtern und Söhnen feststellbar. Das ist doch der Sinn jeder guten Erziehung: Dass die Kinder selbständig werden. Und das bedeutet eben umgekehrt auch: Abschied von den Eltern, wie der Pschoanalytiker Tilman Moser das einmal in einem guten Buch beschrieben hat. Die Rede vn der ewig währenden Liebe zwischen Eltern und erwachsen gewodenen Kindern ist zumindest in der westlichen Welt weitgehend ein heiliger Mythos.
Gertrud Stamm-Holz 26.12.2013
5. Pflicht und Verdrängung
Zitat von docsocDie von der Autorin beschriebenen Beispiele sind schon sehr einseitig. Ich denke, der Anteil an zerrütteten Eltern-(Ex)Kind- Beziehungen ist deutlich höher, als das eine Bespiel im Buch. Vor allem die heute noch lebenden alten Eltern (ab Geburtsjahr 1930), die noch ganz selbstverständlich ihre Kinder mit Gewalt "erzogen" haben, haben in deutlich häufigeren Fällen den Kontakt zu ihren Kindern verloren. Es gibt da auch meist keine Einsicht in die eigenen Fehler, eher bleibt in Anbetracht von Altersstarrsinn nur Fremdheit übrig, die der Tod dieser Eltern bei den erwachsenen Kindern auch nicht auflöst. Für viele Kinder, die in den 50er und 60er Jahren geboren wurden, die konsequente Trennung von der Eltern die einzige Chance, zu einer eigenen positiven Identität zu kommen. Dass nicht alle diese Kraft haben konnten bzw. können, liegt auf der Hand. Hier ist auch ein eklatanter Unterschied bei Töchtern und Söhnen feststellbar. Das ist doch der Sinn jeder guten Erziehung: Dass die Kinder selbständig werden. Und das bedeutet eben umgekehrt auch: Abschied von den Eltern, wie der Pschoanalytiker Tilman Moser das einmal in einem guten Buch beschrieben hat. Die Rede vn der ewig währenden Liebe zwischen Eltern und erwachsen gewodenen Kindern ist zumindest in der westlichen Welt weitgehend ein heiliger Mythos.
Das hat viel mit (eingebildeter) Dankbarkeit, Schuldbewusstsein und Pflichtgefühl zu tun. "Man könne doch den Großeltern deren Enkel nicht vorenthalten". Wieso denn nicht? Eine miese Erziehung seitens dieser Mutter mit viel Psychoterror und einem abwesenden Vater als LKW-Fahrer. Das dünne Band von Familie wird trotz heftigem Bauchweh weitergeführt. Bei Lichte betrachtet ein kompletter Blödsinn. Diese Tochter, auch schon über 40, hat sich nie wirklich aus der mütterlichen Dominanz lösen können und tut immer noch alles um die eigene Mutter milde zu stimmen. Die wiederum nur die Enkel sieht und nach wie vor nichts von ihrem eigenen Kind hält.
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