Buch übers Trinken Im sakralen Bereich der Bier-Magie

Wer saufen kann, kann auch schreiben: Die Betreiber des Hamburger Szeneclubs Golem haben Kulturschaffende und -deuter gebeten, sich Gedanken zur Trinkkultur zu machen. Die Texte haben sie im Band "Das Ende der Enthaltsamkeit" gesammelt. Ein Buch mit mehr Umdrehungen als eine Flasche Stroh Rum.

Denis Poser

Von


Robert Pfallers "Wofür es sich zu leben lohnt", Thomas Kochans "Blauer Würger", Matthias Polytickis "London für Helden", Küf Kaufmanns "Wodka ist immer koscher", Peter Richters "Über das Trinken": Es waren schöne Abende mit ihnen, rauschende Lesefeste, aber nun, so hatte man es sich vorgenommen, wollte man mal Pause machen, mal zur Ruhe kommen, mal einige Monate lang alkoholbuchfasten. Nicht, dass man noch alkoholbuchsüchtig wird.

Doch dann kam noch ein Buch, "Das Ende der Enthaltsamkeit", und der Absender ließ alle guten Vorsätze vergessen: der Golem, ein Barclub in Hamburg mit Klavier, kleinem Kino und Kulturprogramm, ein Barclub mit klassischer Cocktailkarte, der keine Stillosigkeiten ausschenkt wie Wodka Red Bull oder Jägermeister oder alkoholfreies Bier, ein Paradies für den Bildungstrinker. Also: Eines geht noch.

Die Golem-Gründer Alvaro Rodrigo Piña Otey und Anselm Lenz, einst Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus, haben in dem Buch alles versammelt, was Rang und Namen hat an den Tresen Hamburgs: zum Beispiel Schriftsteller Tino Hanekamp, Anarcho-Blödler Heinz Strunk, Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow oder Dramatiker Nis-Momme Stockmann. Erscheinen wird das Buch am Mittwoch, am Freitag folgt eine Premierenparty im Golem mit einer Podiumsdiskussion über das Spannungsverhältnis zwischen Dissidenz und Anpassung im Kulturbetrieb.

Durcheinanderlesen macht Kopfschmerzen

So wie es ratsam ist, beim Betreten einer Bar die Gäste zu mustern, bevor man sich setzt, weil es nichts Nervigeres gibt als neben einem Betrunkenen zu sitzen, der sich selbst witzig findet oder gar originell, so ist es ratsam, vor dem Lesen des Sammelbands die teilweise ernsthaften, teilweise bemüht albernen Kurzbiografien hinten im Buch aufzuschlagen. Wer das tut, wird einige der Texte ignorieren. Und er tut gut daran. Genauso wie er gut daran tut, die restlichen Texte nicht alle auf einmal zu lesen, sondern vorsichtig dosiert. Hält er sich nicht daran, wird er mit denselben Konsequenzen bestraft wie derjenige, der zu viel durcheinander trinkt: mit Kopfschmerzen. Zumal manche der Texte ziemlich billiger Fusel sind.

So wie Besoffene redselig sind, sind manche Autoren schreibselig, sie berauschen sich an ihren eigenen Worten, aber leider scheinen sie nicht bei allzu klarem Verstand zu sein. Ihnen nüchtern zuhören zu müssen, kann eine Zumutung sein, so wie es eine Zumutung sein kann, dieses Buch nüchtern lesen zu müssen. Aber es kann auch ein Glück sein, ein Fest, das einem Erkenntnisse beschert, die einem ein Abend mit, sagen wir, Granatapfelsaft oder Günter Grass nie bescheren würde.

Da ist zum Beispiel der Einakter, den der Filmtheoretiker Georg Seeßlen beiträgt, ein Dialog zweier Trunkenbolde, der das Beste spiegelt, was ein Bier am Tresen auslösen kann: klarere Gedanken, als sie einem mit klarem Kopf kommen würden. Einer der beiden sinniert darüber, warum Brauereien ihr Alter so gerne hervorheben: Nicht weil wir glauben, die lange Erfahrung bürge für Qualität, "sondern weil uns diese Altersangaben direkt in den einen sakralen Bereich der Bier-Magie führen: in eine vormoderne Vergangenheit mit lauter Rittern und Landsknechten und Zünften und Fürstäbten und Graf Arcos und Königen und Prinzen und so weiter". Bier ist für ihn ein Getränk des Friedens, geradezu harmlos: "Wenn Männer im Western miteinander Bier trinken, dann sind sie Freunde; wenn sie miteinander Schnaps trinken, werden sie sich gefährlich." Im Übrigen führe Biertrinken zu einem Zustand der Geschlechtslosigkeit: "Der Mann trinkt sich durch Bier in eine runde Weiblichkeit hinein, die Frau trinkt sich zu einer herb aufrechten Männlichkeit."

Die Unterschiede männlichen und weiblichen Alkoholkonsums nimmt auch die Medientheoretikerin Kerstin Stakemeier in den Blick: "Authentisch trinken bleibt Männern vorbehalten", schreibt sie. "Die öffentlichen Trunkenbolde, die Bohemians, die Ausschweifer und Verzweifelten sind sämtlich tragische Männerrollen. Nicht, dass Frauen nicht trinken würden, doch an der öffentlichen Inszenierung hakt es doch deutlich - denn die öffentliche Lust am Alkohol als legaler und überall erhältlicher Droge hängt an ihrem alltäglichen Gegensatz zur Arbeit, an deren Vergessen, deren Verdammung und deren Sinnlosigkeit."

Branntwein schläfert politischen Protest ein

In einem hochinteressanten Aufsatz schreibt der Kunsthistoriker Roberto Ohrt, bekannt geworden mit dem Situationisten-Buch "Phantom Anvantgarde", dass die situationistische Technik der Dérive, des ausschweifenden Umherschweifens, vom Alkohol inspiriert worden sei: von Kneipentouren. Guy Debord, der Kopf der Situationistischen Internationalen, habe Ende der Fünfziger Jahre sogar eine eigene Kneipe geführt: La Méthode in der Pariser Rue Descartes. Der Sozialwissenschaftler Roger Behrens erinnert derweil daran, dass Alkohol einen großen Anteil gehabt habe an der Entwicklung der modernen Klassengesellschaft: Branntwein habe vielen Arbeitern als Betäubungsmittel gedient, und so sei ihr politischer Protest eingeschläfert worden; in manchen Fabriken sei Branntwein daher sogar kostenlos ausgegeben worden. Kein Wunder, dass Sozialdemokraten einst mit Plakaten zur Abstinenz aufriefen: "Arbeiter, meidet den Schnaps!"

"Das Ende der Enthaltsamkeit" ist ein abgedrehtes, ein durchgedrehtes Buch, ein Buch mit mehr Umdrehungen als eine Flasche Stroh Rum. Aber ist es auch ein gefährliches Buch? Was entgegnet man all den Bedenkenträgern, die dieses Buch wie zuvor ähnliche Bücher riskant schimpfen werden und dabei auf Alkoholikerstatistiken zeigen?

Vielleicht, dass es doch schön ist, wenn die Jugend nicht nur säuft. Sondern auch was Sinnvolles macht. Kluge Gespräche führen beim Saufen zum Beispiel. Und sie in ein Buch drucken.

Buch: Anselm Lenz und Alvaro Rodrigo Piña Otey (Hg.): Das Ende der Enthalsamkeit. Über Bars, Cocktails, Selbstermächtigung und die Schönheit des Niedergangs. Edition Nautilus; 272 Seiten; 19,90 Euro. Erscheint am 27.2.2013 (erhältlich bei Amazon). Premierenfeier am Freitag, 1.3., von 20.30 Uhr an im Golem, Große Elbstraße 14, Hamburg.



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freidenker49 25.02.2013
1. Betrunkene dekorieren
Ja, So schon ist Besoffenheit. Dann auch gleich einen Blick werfen auf die tollen Fotos bei Betrunkene dekorieren, mal google, viel Spass
madcostelloartist 25.02.2013
2. Smoke Smoke Smoke that Cigarette
Als Ergänzung dazu dann den Sammelband "Eine Verherrlichung des Rauchens" von Klaus BIttermann und Franz Dobler lesen, mit Beiträgen von Harry Rowohlt und Wiglaf Droste Und bei besoffenen Frauen fiel mit spontan der Film 28 Tage mit Sandra Bullock ein
interpunktuell 08.03.2013
3. "Die Neue Welt" von Leinad T. Sieht
Zitat von madcostelloartistAls Ergänzung dazu dann den Sammelband "Eine Verherrlichung des Rauchens" von Klaus BIttermann und Franz Dobler lesen, mit Beiträgen von Harry Rowohlt und Wiglaf Droste Und bei besoffenen Frauen fiel mit spontan der Film 28 Tage mit Sandra Bullock ein
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