Neuer Fall für die "beste Detektivin der Welt" Wo andere Bourbon trinken, grübelt sie

US-Autorin Sara Gran dringt im neuen Roman "Das Ende der Lügen" über die Detektivin Claire DeWitt tief in deren Vergangenheit ein - als sie Teil einer weiblichen Version der "drei ???" war.

Autorin Sara Gran
Eliza Gran

Autorin Sara Gran


Claire DeWitt, der selbsternannten "besten Detektivin der Welt", geht es nicht um Gerechtigkeit. Sondern um Wahrheit. Die Sache, die ihre Klienten "am wenigsten wollten und am meisten brauchten". Einen Fall aufzuklären, ein Rätsel zu lösen, für Claire ist das immer auch ein schmerzhafter Akt des soul searching: "Ich löste jeden Fall, der mir unterkam. Außer meinen eigenen."

In "Das Ende der Lügen" schickt US-Autorin Sara Gran ihre Detektivin, die vielleicht nicht die beste, auf jeden Fall aber einer der ungewöhnlichsten Ermittlerinnen in der Geschichte der Kriminalliteratur ist, nach einer fünfjährigen Pause zum dritten Mal auf die Suche nach dem Stoff, der ihre Welt im Innersten zusammenhält.

Gran dringt in "Das Ende der Lügen" noch tiefer ein in die Psyche ihrer Heldin - und in ihre Vergangenheit als Teil eines Teenie-Detektivinnen-Trios in Brooklyn. Drei Mädchen, die auf den Spuren der Groschenheft-Ermittlerin Cynthia Silverton wandeln und nach dem Buch "Détection" des großen französischen Kriminalisten Jacques Silette handeln.

Silettes vorgeblicher Ratgeber für angehende Detektive, ist eigentlich ein philosophisches Rätselwerk, Fluch und Virus zugleich, voller wirkmächtiger Gedanken, die schon manchen Menschen aus der Bahn geworfen haben. "Das Glück ist für Idioten da. Aber wenn wir uns Mühe geben, finden wir etwas viel Besseres", schreibt Silette. Tatsächlich ist Claire nur dann nicht unglücklich, wenn sie ein Rätsel hat, das sich zu lösen lohnt.

Liegt das Glück vor ihr, auf dem Asphalt?

Das war schon Mitte der Achtziger so, Claire und ihre Freundinnen waren als weibliche, allerdings deutlich weniger harmlose Version der "drei ???" unterwegs, bis eine von ihnen für immer verschwand. Und es setzte sich fort, in Claires durch Rastlosigkeit, Depressionen und Drogenmissbrauch geprägtem Leben. Flüchtige Affären, enttäuschte Freundschaften, eine endlose Abfolge von Aufträgen. Und die Vorstellung von einer Zukunft, die sich "als schwarzer Teer auf einer dunklen, einsamen Straße" erstreckt.

Getty Images

Düstere Gedanken aus dem Jahr 1999, der zweiten Zeitebene, auf der Grans Roman spielt. Claire hat gerade in Los Angeles den Mord an einem berühmten Maler aufgeklärt. Wo der gewöhnliche Detektiv sich selbstzufrieden einen Bourbon eingießen würde, gerät Claire ins Grübeln - und ins Trudeln. Solange, bis sie das eigentliche Rätsel hinter dem Fall entdeckt. Denn, wie schon Silette wusste: "Das Leben ist am schönsten, wenn die Würfel noch in der Luft sind."

Claire gibt ihren Fällen Namen wie in alten Pulp-Heften, und ihr aktueller heißt "Der Fall des unendlichen Asphalts". Er beginnt in Oakland, 2011, als jemand versucht sie umzubringen. Schnell macht Claire einen Verdächtigen aus, einen weiteren Silette-Jünger namens Jay Gleason, der schon vor Jahren abgetaucht ist.

Die Spur führt nach Las Vegas, und die schwer angeschlagene Detektivin, nur noch von Speed und Schmerzmitteln am Kollaps gehindert, kommt Gleason näher und näher. Und damit vielleicht auch der Lösung ihres Lebensrätsels. Die ersehnten Antworten könnten in einer nie in den Handel gekommenen, finalen Ausgabe der Cynthia-Silverton-Bände verborgen sein - zumindest versucht Gleason alles, damit Claire diese nicht in die Hände bekommt.

ANZEIGE
Sara Gran:
Das Ende der Lügen

Aus dem Englischen übersetzt von Eva Bonné

Heyne Verlag; 352 Seiten; 16 Euro

    Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier.

Am Ende von Sara Grans wunderbar windschiefem Roman, wenn der Fall geklärt, aber immer noch viele Fragen offen sind, wird Claire DeWitt wieder auf dem Weg sein, neuen Fällen und neuen Rätseln entgegen. Gran gönnt ihrer waidwunden Heldin einen kurzen Moment der Hoffnung: "Auf einmal lag das Glück gar nicht mehr in weiter Ferne oder hinter der nächsten Biegung, sondern hier vor mir auf dem Asphalt, in diesem Moment."

Der US-Schriftsteller James Sallis, Autor von "Driver" und eines von Grans großen Vorbildern, schrieb in seinem leider nie ins Deutsche übersetzten Essayband "Difficult Lives Hitching Rides", dass es im modernen Kriminalroman nicht in erster Linie darum gehen solle, Verbrechen aufzuklären, sondern die Lügen aufzuzeigen, die die Gesellschaft und wir uns erzählen. Sallis formulierte seine These vor fast 30 Jahren, Sara Grans Roman ist ein eindrucksvoller Beleg für ihre Aktualität.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
michael schiffmann 28.02.2019
1. Sara Gran ist die Größte
Ich liebe Sara Gran, danke für die Besprechung, ich empfehle dieses Buch nach Lektüre der ersten beiden sight unseen.
McTitus 28.02.2019
2. Man kann auch Bourbon trinkend ...
... grübeln. Ich habe sogar die Erfahrung gemacht, dass eine kleine Dosis Alkohol den Gedanken sogar auf die Sprünge hilft. In punkto Kreativität und Philosophie mal in jedem Fall.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.