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28. Juli 2000, 18:42 Uhr

Das Ende der "Qual"

Sigrid Löffler verlässt das "Literarische Quartett"

Die Journalistin wirft ihrem Mitmoderator Marcel Reich-Ranicki einen "medialen Amoklauf" vor und bedauert, dass die beliebte Fernsehsendung zum "wüsten Spektakel" verkommen sei. Das ZDF denkt über eine vorübergehende Trio-Besetzung nach.

"Kaputt": Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki waren 12 Jahre lang ein Team
DPA

"Kaputt": Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki waren 12 Jahre lang ein Team

Hamburg/Mainz - Entgegen ihrer Zusage werde Sigrid Löffler, 58, nicht an dem für Montag geplanten klärenden Gespräch mit den Mitmoderatoren Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek teilnehmen. Das teilte sie dem ZDF-Intendanten Dieter Stolte den Angaben des Senders zufolge am Freitagabend per Fax mit. Der für die Sendung verantwortliche Redakteur, Manfred Eichel, sagte, er sei "enttäuscht".

Bei dem Gespräch unter der Moderation von Stolte sollte der zwischen Löffler und Reich-Ranicki bei der letzten Sendung am 30. Juni ausgebrochene Konflikt ausgeräumt werden. Löffler hatte den erotischen Roman des Japaners Haruki Murakami als "literarisches Fastfood" bezeichnet. Reich-Ranicki warf ihr daraufhin vor, sie habe Probleme mit erotischen Büchern. Die "Bunte" zitierte den 80-jährigen Reich-Ranicki in einem Gespräch nach der Sendung mit den Worten, es sei "eine Qual", mit Frau Löffler zusammenzuarbeiten.

Stolte zeigte sich von der "plötzlichen Willensänderung" von Frau Löffler ebenfalls enttäuscht und überrascht. Die nächste Ausgabe der zwölf Jahre alten Traditionssendung werde dennoch wie vorgesehen am 18. August stattfinden. In der "Süddeutschen Zeitung" begründete Löffler ihren Schritt damit, dass die Sendung ein "wüstes Spektakel" und "kaputt" sei.

Löffler schrieb, dass die Sendung zwölf Jahre lang spannend und unterhaltsam gewesen sei. "Diesen Bogen hat Reich-Ranicki zwölf Jahre lang respektiert. Im dreizehnten Jahr hat er ihn überspannt - und zerbrochen." Sie warf dem "Literaturpapst" unter Hinweis auf sein Gespräch mit der "Bunten" einen "medialen Amoklauf" vor. "Für eine Sendung, in der es allein darum geht, Krach zu machen, stehe ich nicht mehr zur Verfügung."

ZDF-Redakteur Eichel sagte, es werde Anfang der nächsten Woche ein Gespräch mit Reich-Ranicki und Karasek geben. "Wie es weiter geht, ist offen", sagte er. Ein ZDF-Sprecher wollte nicht ausschließen, dass aus dem Quartett vorläufig ein Trio würde.

Das "Literarische Quartett" entwickelte sich nicht zuletzt wegen der vielen verbalen Schlagabtausche der drei Stamm-Moderatoren und des Gastes zum Kult und zum erfolgreichsten deutschen Bücherjournal im TV. Trotzdem sanken die Quoten von einst mehr als einer Million Zuschauern auf nun durchschnittlich 500.000.

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