Neues von Bestsellerautor Robert Seethaler Das Leben, vom Ende aus betrachtet

"Abberufen. Eingegangen. Aufgenommen. Verwandelt." Robert Seethalers neuer, wunderbarer Roman "Das Feld" ist das Porträt einer Kleinstadt, skizziert von ihren verstorbenen Bewohnern.

Friedhofsszene (Symbolbild)
Getty Images

Friedhofsszene (Symbolbild)

Von Stephan Lohr


Kennen Sie Paulstadt? Eine Gemeinde immerhin, in der eine Straßenbahnlinie mit 3 Stationen plus Start- und Endpunkt gebaut werden sollte. Was scheiterte, aber Thema blieb. Durchsetzen konnte sich der Bürgermeister indes mit einem groß dimensionierten Freizeitzentrum am Rande der Stadt, das allerdings zusammenkrachte und drei Menschen unter seinen Trümmern begrub. Spektakulär auch der Brand der Kirche, gelegt vom Herrn Pfarrer persönlich, an dessen verkohlte Leiche sich mancher schaudernd erinnert.

Die Lektüre von Robert Seethalers Roman "Das Feld" macht uns Leser fast zu Mitbürgern dieser Kommune, lernen wir doch eine Lehrerin, die Blumenhändlerin, den Automechaniker, den Redakteur und etliche andere ziemlich genau kennen.

Mit seinem internationalen Romanerfolg "Ein ganzes Leben" (2014) hat der Autor bewiesen, dass er in der Beschreibung einer Person in einem Bergtal das Drama von Leben, Liebe, Erfüllung, Entbehrung und Tod zu bannen vermag. So gerieten auch frühere Bücher Seethalers in den Fokus des literarischen Interesses, etwa "Der Trafikant" (2012), die so vergnügliche wie spannend erzählte Begegnung eines Kioskbetreibers mit Sigmund Freud.

Schriftzug vor der Hamburger St.-Michaelis-Kirche
Michel-Stiftung/ Aktion Was Bleibt

Schriftzug vor der Hamburger St.-Michaelis-Kirche

Der früher auch als Schauspieler (als Dr. Kneissler in der TV- Serie "Ein starkes Team" zum Beispiel) bekannte Autor demonstriert nun mit "Das Feld" seine außerordentliche Begabung der genauen Personenzeichnung. Denn unser Bild von Paulstadt fügt sich aus 29 Erzählungen seiner Bürgerinnen und Bürger, die uns post mortem, also aus dem Grab heraus, erzählen.

Wenn Tote reden

Gleich auf den ersten Seiten werden wir von einem Mann auf den Friedhof geführt, der fast täglich hierher kommt, sich "auf eine morsche Holzbank unter einer krummgewachsenen Birke" setzt und seine Gedanken schweifen lässt: "Er dachte über die Toten nach. Viele hatte er persönlich gekannt oder war ihnen zumindestens einmal in seinem Leben begegnet. Er war überzeugt davon, die Toten reden zu hören..."

Die Leser werden zu ihren Zuhörern. Die Ältesten erinnern noch den zweiten Weltkrieg und Fluchterlebnisse, der arabische Gemüsehändler berichtet von ausländerfeindlichen Parolen an seiner Ladenfront, das größenwahnsinnige Projekt des Freizeitzentrums und die Umstände eines Italienurlaubs datieren die Geschehnisse etwa in die Siebziger- bis Neunzigerjahre.

Robert Seethaler
Urban Zintel

Robert Seethaler

Es sind beiläufige, rührende, dramatische und skurrile Geschichten, so unterschiedlich wie Menschen sind. Allen kommt man durch die behutsame Erzählweise nahe. En passant werden wir mit den unterschiedlichen Todesarten vertraut: dem einfachen, altersmüden Sterben, dem Unfalltod nach alkoholisierter nächtlicher Autofahrt, dem letzten Moment unter dem einstürzenden und zersplitternden Glasdach des Freizeitzentrums, Krankheiten, Vereinsamung und Suizid.

Ein Ensemble aus Erzählungen

Eigentliches Thema aber sind die Lebensgeschichten, die Erinnerungen, die Bilanzen und Beichten, Erfahrungen, Enttäuschungen und Gewissheiten - über den Tod hinaus. Ihnen widmet Seethaler seine literarische Kunst, die immer wieder aus Beiläufigkeiten Bedeutung entstehen lässt.

Lehrerin Hanna Heim erinnert sich der Liebe zu ihrem Mann, der stets ihre verkrüppelte Hand gestreichelt habe. Navid al-Bakri löst das Versprechen ein, die Asche seiner verstorbenen Eltern in der arabischen Heimat zu verstreuen - doch an der Stelle des Hauses der Familie findet er nur noch einen Parkplatz. Lennie Martin resümiert seine lebenszerstörerische Spielsucht. Bürgermeister Heiner Joseph Landmann verliert auch im Grab nicht seinen selbstgefälligen, zynischen Humor.

"Wenn ich mich richtig erinnere, waren es siebenundsechzig", bilanziert Heide Friedland ihre Liebschaften, darunter auch einige, die an anderer Stelle von sich selbst reden. Karl Jonas war der letzte Landwirt in Paulstadt. Auf seinen ehemaligen Äckern entstand das Unglücksfreizeitzentrum. Doch hatte er nicht den Bürgermeister, der ihm seine kaum noch ertragreichen Flächen abgeschwatzt hatte, gewarnt: Der Boden tauge nichts?

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Robert Seethaler:
Das Feld

Hanser Berlin, 238 Seiten, 22 Euro

Mit jeder Erzählung verdichtet sich aus der Reihung einzelner Porträts ein Ensemble, verknüpfen sich doch in den Kapiteln Kontakte, Abhängigkeiten, Lieb- und Gegnerschaften, sodass aus den Individuen eben Verwandte, Kolleginnen oder Freunde und Zeitgenossen werden, die zusammen die Bevölkerung der kleinen Stadt repräsentieren. Robert Seethaler inszeniert so einen sich entwickelnden wunderbaren Roman über das Leben, wie es sein oder gewesen sein könnte. In Paulstadt oder anderswo.

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