Neuer Roman von Thomas Glavinic Drogen in Hamburg, Massage in São Paulo

Kitschig? Ja. Und trotzdem großartig: In "Das größere Wunder" bricht Thomas Glavinic mit seinem Erfolgsrezept - und hat Erfolg wie nie. Ein Schlüsselwerk seines Schaffens, das seine bisherigen Romane als Fingerübungen erscheinen lässt.

Ingo Pertramer

Von


Thomas Glavinic ist ein Schnellschreiber. Zehn Bücher hat er in den vergangenen 15 Jahren veröffentlicht, und viele von ihnen gehorchten einem ähnlichen Strickmuster: der Methode Glavinic. Es waren literarische Versuchsanordnungen, die auf einem originellen Einfall aufbauten, auf einer irrwitzigen Idee, und auf sonst nicht viel. Wobei jeder der Einfälle von Glavinic so originell war, das er durchaus reichte für ein gutes, mitunter herausragendes Buch: In "Das bin doch ich" wartete ein Autor namens "Thomas Glavinic" darauf, dass sein Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert wird, was dem realen Glavinic mit dem Roman prompt gelang; in "Die Arbeit der Nacht" wachte ein Mann eines Morgens auf und war der letzte Mensch auf Erden; in "Das Leben der Wünsche" erfüllten sich einem Mann alle Wünsche, ohne dass er sie aussprach, auch die unbewussten.

Für "Das Leben der Wünsche" wurde Glavinic das zweite Mal für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das war im Jahr 2009. Nun ist ihm das zum dritten Mal gelungen: Sein neuer Roman "Das größere Wunder", der diese Woche bei Hanser erscheint, steht ebenfalls auf der Longlist, und man würde sich wundern, wenn er es nicht auch bis auf die Shortlist schaffte. Denn das größte Wunder dieses Romans ist, dass Glavinic mit seinem Erfolgsrezept bricht, und dennoch Erfolg hat: Sein neuer Roman ist über 500 Seiten lang, viel länger als die Romane davor, und er ist ungleich komplexer. Ein Schlüsselwerk seines Schaffens, das die Romane zuvor als Fingerübungen erscheinen lässt.

Nobelpreisträger als Hauslehrer

Jonas hat eine Mutter, die trinkt, und einen Zwillingsbruder, der einen Hund nicht von einer Katze unterscheiden kann. Nichts liebt Jonas so wie ihn. Als die Brüder zehn Jahre alt sind, verprügelt sie der neue Freund der Mutter, und sie flüchten zu Jonas' bestem Freund Werner. Gemeinsam mit ihm wachsen sie fortan bei Werners Großvater Pico auf, einem Mafiapaten, der ein gutes Dutzend Hausangestellte hat, die meisten von ihnen vermutlich Mörder. Pico schickt die Jungs nicht in die Schule, sondern lässt sie zu Hause unterrichten: von Nobelpreisträgern, Olympiasiegern, Schachgenies.

Jonas ist ein hochbegabter Junge: nicht nur klug, auch lebensklug, ein Erwachsener im Körper eines Kindes, stets einen Kalenderspruch auf den Lippen und manchmal auch eine philosophische Weisheit. Je älter Jonas wird, desto rastloser wird er, stets auf der Suche nach sich selbst und auf der Suche nach der Liebe, dem einzigen, wofür es sich seiner Meinung nach zu leben lohnt.

Der Roman hat zwei Handlungsebenen. Auf der ersten Ebene begleitet Glavinic seine Hauptfigur Jonas bei seiner Suche, also bis zu dem Moment, in dem er seine große Liebe findet. Auf der zweiten Ebene begleitet er ihn auf den Mount Everest, in die Todeszone eines Achttausenders, in die er sich flüchtet, weil er seine große Liebe wieder verloren hat. Über dem Roman stehen also zwei Fragen: Wieso haben sie sich verloren? Und werden sie sich wiederfinden?

Man ahnt es: Der Roman hat kitschige Momente, und für diese kitschigen Momente hat er sich in einer ersten Rezension vergangenen Freitag einen Vollverriss eingehandelt. Der Roman stecke voller pathetischer Stellen, wetterte ein Kritiker in der FAZ, es gebe "bundespräsidiale Ansprachen", "Sinnsprüche im Stil von Paulo Coelho", "banale Erkenntnisse" nach einem langen, beschwerlichen Leseweg. Kurzum: Das ganze sei "ein reichlich rührseliges Hollywoodspektakel". Was für ein Quatsch!

Ja, der Roman steckt voller Kalenderweisheiten. Aber nein, das ist nicht alles. Und vor allem ist es nicht so unerträglich wie bei Paulo Coelho. Jonas Gedanken kreisen selten um die Frage: Warum? Meist sind sie besessen von der Frage: Warum nicht? Warum nicht meine Grenzen überschreiten? Warum nicht ins Unbekannte vorstoßen? Nicht, um sich mit ihm bekannt zu machen, um es zu verstehen, es zu zähmen. Nein, um sich darin zu verirren. Jonas ist nämlich nicht nur auf der Suche nach sich selbst, sondern stets auch nach Möglichkeiten, sich selbst wieder zu verlieren. Vielleicht ist beides für ihn sogar Teil derselben Suche, so absurd das klingen mag.

Drogensüchtig in Hamburg

Jonas ist getrieben von einer Sehnsucht nach dem Un-Sinn, von einem wahnsinnigen Wunsch nach der Rückkehr in die Zwecklosigkeit der Kindheit. Weil nur sie die absolute Freiheit ermöglicht. Er reist im Laufe seines Lebens in weit über hundert Länder, er lernt schweißen in Málaga, er arbeitet als Masseur nahe São Paulo, er wird drogensüchtig in Hamburg, er schließt sich zweimal für zwei Jahre in einer Wohnung in Rom ein, bevor er sich schließlich in Tokio niederlässt. Warum Tokio? Weil Tokio die Stadt ist, "die er am wenigsten verstand, und zugleich jene, in der ihn nicht ständig ein Gefühl von verborgener Unsicherheit quälte. Hier war die Unsicherheit nicht unterschwellig, sondern allgegenwärtig".

Allgegenwärtig ist die Unsicherheit auch in Glavinic' Buch. Es ist eben nicht so eingängig und eindeutig wie eine Kalenderweisheit, es ist widerborstig und vielschichtig. Es setzt keinen Sinn ein, es setzt den Sinn aus. Dazu passt, dass das Buch, wie viele der vorangegangen Glavinic-Bücher, voller märchenhafter Momente steckt: Märchenhaft sind die Macht und der Reichtum des Mafiapaten Pico; märchenhaft sind Jonas' Talente, der Dutzende Sprachen versteht, ohne sie je gelernt zu haben; märchenhaft ist der Schutzengel, der Jonas auf den Mount Everest begleitet.

"Das größere Wunder" ist ein großes Buch über die Angst und die Einsamkeit, über die Liebe und die Freiheit. Ein kitschiges Buch. Aber ein großes Buch.


Thomas Glavinic: "Das größere Wunder". Hanser; 528 Seiten; 22,90 Euro.



© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.