Eugenides' Erzählungen Gerechtigkeit kann ein ziemliches Biest sein

Hat der US-Physiker das indische Mädchen vergewaltigt? Oder was ist genau geschehen? Wie kondensierte Romane sind die Geschichten, die Bestsellerautor Jeffrey Eugenides in seinem Erzählungsband vorlegt.

Indisches Mädchen
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Indisches Mädchen

Von Franziska Wolffheim


Ein paar Minuten in einer einzigen Nacht, und Matthew steckt tief im Schlamassel. Er wird angeklagt, ein minderjähriges Mädchen vergewaltigt zu haben. Der Physiker hatte an einer kleinen amerikanischen Uni einen Vortrag gehalten, ein Mädchen indischer Abstammung sprach ihn an, wurde anzüglich und sorgte später dafür, dass er sich in einem Laden Kondome besorgt - eine Kamera hat den Kauf festgehalten.

Ein kurzer Geschlechtsakt im Hotel, ohne Leidenschaft, das Mädchen, Prakrti, verschwindet schleunigst wieder. Sie hat ihr Ziel erreicht. Matthews Frau reicht die Scheidung ein, der Kontakt zu seinen Kindern dünnt sich aus. Eine amerikanische Familie, zerbrochen. Zunächst zumindest.

"Nach der Tat" heißt diese großartige Erzählung aus dem neuen Buch von Jeffrey Eugenides, "Das große Experiment". In den USA ist es der erste Erzählband des amerikanischen Großmeisters ("Middlesex") überhaupt. Die Story, geschrieben 2017, ist keinesfalls ein Beitrag zur #MeToo-Debatte, denn Matthew hat sich von dem Mädchen um den Finger wickeln lassen. Aber hat er sich eingelassen. Schuld? Ja, nein, jein.

Was Prakrti eigentlich treibt, kommt erst allmählich ans Licht. Nach dem Wunsch ihrer Mutter soll sie mit einem jungen Mann verheiratet werden, der in Indien lebt und den sie nicht ausstehen kann. Also muss sie etwas gegen ihre Jungfräulichkeit unternehmen, denn dann ist sie für einen Hindu keine geeignete Braut mehr. Um sich selbst zu retten, katapultiert sie einen anderen ins Verderben. Reue? Na gut, ein bisschen.

Viele Geschichten dieser Sammlung handeln davon, wie Menschen in ihr Unglück rennen oder mit aller Kraft versuchen, es abzuwenden. Das ist mal anrührend, mal verzweifelt, mal traurig oder auch komisch. Nichts ist ausrechenbar, in wenigen Minuten ändert sich alles. Die Menschen balancieren auf Messers Schneide, und weil das so ist, hilft eigentlich nur Gelassenheit. Die nur wenige von Eugenides' Figuren aufbringen. Immer wieder zeigt der Autor, wie Menschen an den Schrauben ihres Schicksals zu drehen versuchen - manche scheitern, andere nicht. Das Leben - ein großes Experiment.

Schneegestöber im Kopf

Da ist zum Beispiel in der titelgebenden Erzählung der Familienvater Kendall, der in einem kleinen Verlag in Chicago als schlecht bezahlter Lektor arbeitet. Weil er Heizkosten sparen will, ist es in seinem Haus lausig kalt, so dass seine Kinder am liebsten bei Freunden übernachten. Sein Chef spendiert ihm weder eine Krankenversicherung noch eine Gehaltserhöhung, und so greift er zur Selbstjustiz: Er gründet eine Scheinfirma und schickt fingierte Rechnungen an seinen Verlag. Kann das gut gehen? Eher nicht. Gerechtigkeit kann ein ziemliches Biest sein, zumindest wenn man meint, sie auf illegalem Wege erzwingen zu wollen.

Besser als Kendall ergeht es einer alten Frau, Della, die an Demenz erkrankt ist. Sie lebt in einem ungemütlichen Zimmer in einem Pflegeheim. Als sie nach einem Sturz ins Krankenhaus kommt, kümmert sich ihre jüngere Freundin Cathy um sie. Nach kurzer Zeit organisiert Cathy die Flucht: Heimlich verlassen die beiden Frauen die Klinik, obwohl sich ein Schneesturm ankündigt, und trinken in Dellas alter Heimat in aller Abgeschiedenheit gemeinsam Frozen Margarita. Mit einem schönen Bild klingt die Geschichte aus: Della steht am Fenster und beobachtet das Schneegestöber. In ihrem Kopf, meint sie, wirbeln die Flocken ähnlich wild herum.

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Jeffrey Eugenides:
Das große Experiment

Aus dem Englischen von Gregor Hens und anderen

Rowohlt, 336 Seiten, 22 Euro

Drei Erzählungen aus dem Band gab es schon einmal auf Deutsch zu lesen, die anderen sind neu. Der Ton ist zurückgenommen, beiläufig, pathosfrei, mitunter fließt ein feiner Humor mit ein. Nicht alle dieser Geschichten sind gleich stark. "Die Bratenspritze" etwa ist etwas grell und vordergründig: Eine 40-Jährige, single, will unbedingt ein Kind und beschließt, auf einer Party den Samen gleich mehrerer Männer einzusammeln. Den Männer-Mix will sie sich dann per Bratenspritze einführen...

Viele der Geschichten lesen sich jedoch wie kondensierte Romane, und man möchte mehr erfahren über die Figuren: wo sie herkommen, was sie denken, was sie geprägt hat. Mit Jeffrey Eugenides' verzweifelten Glücksrittern zieht man gern über die Holperpisten des Lebens.

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Alexis_Saint-Craque 23.11.2018
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Wissen Sie, die Beiläufigkeit des Tons entsteht dann, wenn die Unausweichlichkeit akzeptiert ist. Die Spermasammlerin ist deshalb grell, weil sie dagegen aufbegehrt. Die Bratenspritze - nun - das ist schon sehr amerikanisch, denn nur dort hat man einen Braten in der Röhre, und für den Autor radikal plump. Er muss diese verzweifelt Aufbegehrende wirklich verachten. Ich würde diesen Autor jederzeit empfehlen. Für die Festtage aber ist seine kurze Form geradezu perfekt, um aus der liebenden Umgebung auszutreten. Wie ein weit geöffnetes Fenster ins Umsonst. Dieu soit loué.
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