Pollocks "Handwerk des Teufels" In Gottes Schlachthaus

Man gibt sich fromm, doch überall ist Fäulnis: In "Das Handwerk des Teufels" ziehen predigende Mörder durch die USA. Autor Donald Ray Pollock, früher Schlachthof-Malocher, reflektiert in dem Hillbilly-Roman seine eigene Jugend im trostlosen Ohio - und ergründet die Logik des Wahns.

Corbis

Von


Der Wald ist ihre Kathedrale. Sie haben sie so dekoriert, dass sie Gott gefällt. Und es ist kein liebender Gott, zu dem Weltkriegsveteran Willard und sein kleiner Sohn Arvin beten. Es ist einer, den es nach Blutopfern dürstet. Erst sind es Eichhörnchen, die Vater und Sohn da Mitte der fünfziger Jahre irgendwo in Ohio aufgeschlitzt an die Bäume hängen. Dann folgt Arvins geliebter Hund, schließlich fließt Menschenblut. Alles für Arvins Mutter, die Krebs hat und im Sterben liegt.

Im nahen Örtchen Knockemstiff hört man anfänglich nur die Klagechöre, die Vater und Sohn nächtelang und bis zur Erschöpfung vor ihrem "Gebetsbaum" im Wald ausstoßen; der Alte angeheizt durch Schwarzgebrannten, der Junge durch die nackte Angst. Später zieht ein strenger Geruch von der Opferstelle zu den Menschen in Knockemstiff, die Tod und Verwesung zwar gewohnt sind, aber doch Zweifel am Treiben der beiden bekommen. Vater Willard ist ganz in seinem Element, irgendwann regnen Maden aus den aufgehängten Kadavern. Eine Plage, von Gott gesandt?

Nein, Gott schweigt beharrlich in Donald Ray Pollocks Roman "Das Handwerk des Teufels", halb Americana-Kunstwerk, halb evangelikale Exploitation. Die Menschen in dem Buch tun die abstrusesten Dinge, während sie den Namen des Herren im Mund führen, aber von oben kommt kein Zeichen. Dafür fault Gottes Werk in seinen Niederungen dahin: Das, was wir Leben nennen, ist hier ein einziges Verwesen und Vergehen. Nicht nur für den trauernden Willard und seinen Sohn.

Die Logik des Wahns

Denn da ist auch die Kellnerin Sandy, die sich nebenbei als Prostituierte verdingt und immer, wenn ein bisschen Geld in der Kasse ist, mit ihrem Freund Spritztouren durchs Land unternimmt. Bei denen lesen sie Streuner auf, die Sandys Begleiter fotografiert, während sie mit ihnen im Straßengraben Sex hat. Danach werden die Mitfahrer zerlegt. Sandy ist 24 und sieht aus wie eine alte Frau. Glaubt man Pollocks lakonischen Beschreibungen, dann fault es wie an der Betstelle von Willard und Arvin.

Und da ist der Wanderprediger Theodore, ein pädophiler, querschnittsgelähmter Säufer, der mit seinem Freund Roy bei Touren durch den Bible Belt den Leuten ein Amen und ein paar Dollar zu entlocken versucht. Während er auf der Gitarre spielt, schluckt der Kumpan Spinnen, um zu demonstrieren, dass das Böse einem nichts anhaben kann, wenn man nur dem Herrn huldigt.

Im Gegensatz zu Theodore glaubt Roy an einen göttlichen Auftrag - mit schwerwiegenden Folgen: Erst verreckt er beinahe an einer giftigen Spinne, dann schlitzt er die Kehle seiner Frau auf. Eigentlich wollte er zeigen, dass er Tote zum Leben erwecken kann. Nicht so schlimm: Die Frau war extrem fromm, an der Himmelspforte, so Roy, bekommt sie bestimmt eine Sonderbehandlung.

Wo immer gebetet wird in Pollocks Hardboiled-Krimi - es breitet sich ein Atem der Fäulnis aus. Theologie ist hier nur eine Frage des Kreatürlichen, dafür wurde dem Autor schon häufiger eine alttestamentliche Schärfe attestiert. Grotesk überhöht scheinen seine zu jeder Bluttat bereiten Helden und Anti-Helden, mit Attributen überladen, die sie der Lächerlichkeit preiszugeben drohen. Gleichzeitig scheint jede ihrer Handlungen in sich schlüssig. Sagen wir so: Man wundert sich über gar nichts, Pollock erweist sich mit diesem Roman als Logiker des Wahns.

Knockemstiff, das bin ich

Damit schließt er an nachtschwarze Meisterwerke der Americana-Literatur an, die sich mit fanatischen weißen Betbrüdern beschäftigt haben, an David Grubbs Wanderprediger-Roman "Night Of The Hunter" (1955 von Charles Laughton mit Robert Mitchum verfilmt) zum Beispiel und an die Brocken von James Ellroy, in denen der die Mechanismen von Glaube, Wahn und Trieb in Form monströser Tableaus beschreibt.

Ellroy, dessen Mutter einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel, als er zehn Jahre alt war, ist auch in anderer Hinsicht ein interessanter Vergleich: So wie der Krimi-Star immer wieder in seinem Werk auf den Mord an der eigenen Mutter verweist, so wie er die Abartigkeiten der anderen auch immer als die eigenen beschreibt, so verschränkt sich nach und nach in dem Werk von Pollock das eigene Schreiben und das eigene Leben ineinander. Knockemstiff, das bin ich. Der schon mythische Ort in Ohio, der heute nur noch eine Geisterstadt ist, taucht immer wieder in Pollocks Schaffen auf; schon seine erste Geschichtensammlung trug den Titel "Knockemstiff". Ein Name als Imperativ: Schlag ihn tot!

Vor vier Jahren ist das Debüt in Amerika erschienen, da war Pollock schon 54 Jahre alt. Als Junge lebte er in einem Kaff in Ohio, das dem beschriebenen ziemlich ähnlich gewesen sein soll. Nachdem er die Highschool abgebrochen hatte, schuftete er in einer Fleischfabrik und schrieb sich schließlich in ein College ein. Auf Pressefotos sieht man einen älteren Herren mit schmalem Schädel und breitem, muskelbepacktem Kreuz, das sich Pollock beim Schweinezerlegen antrainiert hat.

Und so gibt es in "Das Handwerk des Teufels" reichlich biographische Verweise: Die Männer arbeiten in Schlachthäusern, und in dem chancenlosen jugendlichen Held Arvin lässt sich leicht der junge Donald Ray erkennen. Er wird bald zur zentralen Person in Pollocks blutgesättigtem Hillbilly-Panorama; an ihm wird die Frage durchgespielt, ob sich die ortsgebundene Gewaltkonditionierung doch überwinden lässt. Aber das Trauma deiner Jugend, auch davon handelt "Das Handwerk des Teufels", wirst du nie los.

Oder wie man für Pollock und seine Helden sagen könnte: Sie können dich aus Knockemstiff rausprügeln - aber Knockemstiff lässt sich nicht aus dir rausprügeln.

Bislang fanden Sie an dieser Stelle die Krimis des Monats. Ab jetzt werden Kriminalromane auf SPIEGEL ONLINE einzeln rezensiert. Zuletzt: Fred Vargas' "Die Nacht des Zorns" und Sam Hawkens "Die toten Frauen von Juarez".

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tylerdurdenvolland 03.04.2012
1. ...
Zitat von sysopddp imagesMan gibt sich fromm, doch überall ist Fäulnis: In "Das Handwerk des Teufels" ziehen predigende Mörder durch die USA. Autor Donald Ray Pollock, früher Schlachthof-Malocher, reflektiert in dem Hillbilly-Roman seine eigene Jugend im trostlosen Ohio - und ergründet die Logik des Wahns. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,822134,00.html
Ein Schelm der beim Lesen solch eines Buches an die zwei aktuellen Massenmorde, den einen in Afghanistan, den anderen in Oakland denkt.... Solche vereinzelte "Verrückte" sagen selbstverständlich nicht das Geringste über die amerikanische Kultur an sich aus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.