"Das Höllentor" Autorin Anja Lundholm gestorben

Sie überstand ein unbeschreibliches Grauen - das sie dennoch beschrieb: Die KZ-Überlebende Anja Lundholm gehört zu den großen Zeitzeugen der deutschen Literatur. Sie starb im Alter von 89 Jahren in Frankfurt.


"Ich bin voll fit, zumindest was meinen Kopf betrifft", hatte sie noch 2003 in einem Interview erklärt: Anja Lundholm, die trotz ihrer schweren Lebensgeschichte kreativ war bis ins hohe Alter, eine Zeugin des Schreckens und Chronistin der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Schriftstellerin Lundholm: Verstehen statt verdrängen
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Schriftstellerin Lundholm: Verstehen statt verdrängen

Die Themen ihrer Bücher waren Lebensstoffe, dem Grauen des eigenen Leidens nachgebildet; ihre Vita, ein fast neun Jahrzehnte umspannender Schmerzensroman, kehrte in den Texten wider. "Das Höllentor" (1988) heißt ihr bekanntestes Buch, es ist das erschütternde Dokument ihrer Erlebnisse im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück.

Der eigene Vater, ein deutschnationaler Opportunist, hatte sie denunziert: 1943 wurde sie in Rom, wohin sie als Tochter einer jüdischen Mutter geflohen war, verhaftet. Als politischer Häftling interniert, arbeitete sie erst im Lager, später im benachbarten Siemenswerk. Ihren 27. Geburtstag beging Lundholm auf dem Evakuierungsmarsch im April 1945, mit dem Roten Kreuz gelangte sie nach Belgien. 1953 kehrte sie nach Deutschland zurück, noch einmal mischte sich der Vater, mittlerweile entnazifiert, ins Leben der Tochter ein: Auf sein Betreiben wurde der allein erziehenden Mutter das Sorgerecht für die Kinder aberkannt.

Gewalt und Perfidie ließen sie nicht verstummen, im Gegenteil. Sie machte sich ans Werk, die Ungeheuerlichkeiten von Mensch und System zu verstehen. So unterzog sie den Vater in "Der Grüne" einer schonungslosen Analyse, beschrieb im Buch "Geordnete Verhältnisse" eine "Kindheit in Deutschland" und untersuchte in "Mit Ausblick zum See" das Verhältnis des modernen Menschen zu Sterben und Tod.

Der Literaturkritik waren ihr Stil, ihre Offenheit lange zu drastisch, ihr Ruhm setzte erst spät ein. In den neunziger Jahren dann gab es einen Preisregen (Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis, Hans-Sahl-Preis, Goethe-Medaille), auch für den Nobelpreis schlug man sie vor.

2001 brachte der Münchner Langen-Müller-Verlag in Zusammenarbeit mit dem Piper-Verlagshaus eine Neuedition ihrer letzten acht biographischen Bücher heraus. 2001 erschien der erste Band, "Geordnete Verhältnisse", mit "Halb und Halb" folgte 2002 der zweite.

All diese Texte kreisen immer auch um die Frage des Warum. "Was macht aus einem freundlichen hilfsbereiten Nachbarn einen Berserker?", fragte Lundholm vor vier Jahren im Gespräch mit der "Frankfurter Rundschau". Verstehen statt verdrängen: für diese mutigste, tapferste Art der Geschichtsschreibung steht Lundholms Werk.

Die Autorin ist am Samstag im Alter von 89 Jahren in Frankfurt gestorben. Ihr Werk bleibt als Mandat und Mahnung.

dan/dpa



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